Lulu: Unheilige Dreifaltigkeit

Es ist im Theater manchmal wie im Fußball. Hier wie dort bedeutet viel Klasse nicht notwendigerweise guten Spielfluss. Der Nachweis für diese These gelang zuletzt bei den Salzburger Festspielen Athina Rachel Tsangari, die Frank Wedekinds „Lulu“ auf die Bühne der Pernerinsel brachte: mit an sich überragenden Schauspielern, schönen Bildern, guten Szenen – allein, besonders spannend war es nicht.

Melancholisch und steril

Tsangari geht das Drama auf einem Spielfeld von monumentaler Düsternis und melancholisch stimmender Sterilität an. Bühnenbildner Florian Lösche lässt gut zwei Dutzend große schwarze Stoff- oder Plastikkugeln vom Schnürboden herabhängen, die immer wieder mal bis auf den Boden hinuntergesenkt werden. Projektionsflächen für Männerfantasien, so dürfen wir annehmen, immerhin werden ab und zu bewegte Bilder von Augen darauf projiziert, Gesichter, Namen. Der Boden: plan, gänzlich mit Matten belegt.

Darunter die Unterwelt, die Welt der Bühnentechnik: die Schauspieler treten meist nicht einfach auf oder ab, sie steigen durch die Bühnenklappe auf, werden hinaufgeschoben oder sinken durch die sich auseinanderschiebenden Matten wieder hinab. Was für den Betrachter etwas Vegetatives hat: Wie Pflanzen, die keimen und wachsen, wie Getier, das an die Oberfläche krabbelt. Kurz: Wir sehen eine Versuchsanordnung in einem Terrarium.

Eher Schachpartie denn Gemetzel

Wedekind wollte den Kampf der Geschlechter abbilden. Den sehen wir auch bei Tsangari, allerdings nicht als wüstes Handgemenge, sondern eher als Schachpartie. Lulu ist bei ihr eine Dreifaltigkeit von fast schon enervierender Teilnahmslosigkeit: Ariane Labed, Isolda Dychauk und Anna Drexler teilen sich die Rolle, sprechen und bewegen sich größtenteils synchron. Lulu ist eben, was der Mann gerade sehen will. Diese Trinitas bewegt sich am Anfang, in einem Kokon gefangen, kriechend und schmatzend über die Bühne, ein vielarmiges und -beiniges Ungeheuer. Klar. Monstretragödie. Steht ja auch als Stückbeschreibung bei Wedekind.

Starspieler, die einander auf die Füße treten

Mit Schmatzen endet das Stück auch: die mittlerweile vereinzelte, nur noch von der famosen Anna Drexler gespielte mörderische Lulu ist Jack the Ripper in die Hände gefallen, gespielt von Isolda Dychauk, mithin verschlingt sie sich also selbst. Noch jemand wird am Ende verloren haben, nicht aufgefressen, aber ausgezehrt: die Gräfin.

Fritzi Haberlandt spielt sie als die einzig Liebesfähige in diesem Reigen und liefert eine eindrucksvolle Leistung ab. Es wird auf- und abgefahren, allein: Es ist wenig Bewegung im Stück. Man spricht viel, und zwar aneinander vorbei – die Figuren haben einander wenig zu sagen. Es kommt hinzu, dass die Mikros schlecht abgemischt sind, und so begibt es sich, dass ein sonst präziser, präsenter Schauspieler wie Steven Scharf - als Dr. Franz Schöning - schwer verständlich und damit blass bleibt: Hätte man nicht auf auf den Besetzungszettel geschaut, man hätte ihn nicht erkannt. So ist das, wenn Starspieler einander auf die Füße treten. Nur Rainer Bock als Schigolch und Dr. Goll gelingt es hin und wieder, sich Raum zur Entfaltung zu schaffen.

Schöne Bilder, keine gelungene Inszenierung

Die Kostüme befremden, verunsichern den Betrachter mehr als dass sie ihm eine Einordnung der Figuren gestatten, wirken dennoch sinnlich: Die von Beatrix von Pilgrim gestaltete Garderobe gehört zu den Stärken dieser merkwürdig spröden Inszenierung. Es gibt schöne, runde, absurd gelungene Bilder. In einer Szene tanzen die Akteure miteinander, mechanisch und berechnend. Umschlungen belauert man einander. Das hat was.

Und wenn Benny Claessens als Akrobat Rodrigo Quast eine groteske Mischung aus Ausdruckstanz und Verführungsritual abliefert – dann sieht man sofort ein, dass noch der schwärzesten Tragödie Komik guttut. Und sei’s, damit sich das Geschehen noch grauslicher davon abhebt. Schöne Bilder, gute Momente, wie gesagt. Leider ergibt das noch keine gelungene Inszenierung und schon gar nicht einen kurzweiligen Abend.

Nicht bewertet

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