"Lohengrin"-Sängerin Petra Lang über Gesangstechnik und frustrierte Lehrer

Frau Lang, ein Besucher der „Lohengrin“-Wiederaufnahme, der von Ihnen in der Rolle der Ortrud tief beeindruckt war, sagte: Im wirklichen Leben möchte ich dieser Frau aber nicht begegnen.
Petra Lang: Das kenne ich. Die Kinder von Freunden meines Mannes haben mich zuerst im Fernsehen gesehen. Sie sagten dann: Und die kommt nächste Woche zu uns zum Essen, die ist aber böse. Als wir dann die Wohnung betraten lugten die Kinder hinter der Tür hervor, bis sie sagten: Die ist ja gar nicht böse.

Die Äußerung ist ja ein Kompliment, denn offensichtlich gelingt es Ihnen etwas zu transportieren, was hinter den Noten steht.
Lang: Ich habe die Ortrud viel gesungen und die Rolle mit Astrid Varnay erarbeitet. Sie hat schon vor 25 Jahren, als ich noch im Studium war, zu mir gesagt: Du wirst die Ortrud singen.

Was glauben Sie, hat den oben erwähnten Festspielbesucher so erschüttert?
Lang: Von der Frau muss etwas ausgehen, das man nicht greifen kann. Dann ist es gut. Es ist etwas Verrücktes in ihr. Eine Ortrud auf der Bühne kann schon plakativ böse sein. Ich hatte auch Produktionen gehabt, wo die Rolle eher Jago-mäßig angelegt war. Da ahnte man im ersten Akt noch nicht, was da kommen würde. Hier ist sie von Beginn an eine Hexe.

Hätte Ihre Stimme in einer anderen Inszenierung, in einem anderen Kostüm anders geklungen?
Lang: Ich mache stimmtechnisch die Dinge nicht anders. Wenn ich Ortrud singe, singe ich Ortrud. Aber es gab auch Inszenierungen, wo die Rolle lächerlich bis zum Geht-nicht-mehr war, gegen die Figur. Ich musste gegen das Kostüm ankämpfen. Da habe ich mir gesagt: Ich benutze dieses Kostüm, so wie es ist, und das verändert dann die Figur auf der Bühne, aber nicht das Klangliche.

Wie erarbeitet man mit einem jungen Sänger das, was hinter den Noten steht?
Lang: Es ist ganz wichtig, immer wieder den Text zu lesen. Und zwar des gesamten Stückes. Dann schaut man sich die Musik an: Wie ist das für die Stimme geschrieben? Wie steht diese Figur in Zusammenhang zu andern Figuren? Wie sind die Tonarten? Entgegen dem strahlenden A-Dur des Lohengrin singt Elsa oft in b-Tonarten. Da sieht man schon: Die können schon von den Tonarten her nie zusammenkommen. Dann schaue ich sehr genau, wie die Instrumentation ist. Ist zum Beispiel bei der ersten Eboli-Arie viel Blech notiert, dann weiß man, wie man diese Frau zu singen hat und dass das kein Schleierliedchen ist, sondern dass die Gefährlichkeit dieser Frau von Anfang an da sein muss. Die Wagner-Partien sind eigentlich gut geschrieben für die Stimme.

Würden Sie das von allen Wagner-Partien behaupten?
Lang: Es bedarf einer richtigen Technik, einer richtigen Umsetzung. Wenn man das umsetzen kann, sind die Wagner-Partien gut zu singen. Italienische Partien, wie etwa die Aida, sind viel, viel schwerer. Bei dem c in der Nil-Arie haben die Kolleginnen oft schon Wochen vorher Albträume. Bei Wagner liegen die hohen Töne so, dass sie mit einer vernünftigen Technik machbar sind oder dass man sich im Zweifelsfall auch mal über den Ausdruck retten könnte, falls es nicht klappen würde.

Welche Voraussetzungen muss ein Sänger noch mitbringen?
Lang: Sie werden ganz selten einen spindeldürren Wagner-Sänger finden, der dann auch noch eine wohllautende Stimme hat. Sie brauchen ein gewisses Volumen und dazu brauchen Sie Resonanzräume. Das wird bei einem sehr dünnen, asketischen Menschen nicht möglich sein.

Welcher Anteil ist höher: Der Teil, den ein Sänger gewissermaßen naturgegeben mitbringen muss, oder das, was man sich im Studium oder einem Meisterkurs erarbeiten kann.
Lang: Nehmen wir das Bild der zwei Waagschalen. Das, was einer als Anlage mitbringt, ist zum einen die Schönheit der Stimme, die Stimme, die in einem Körper sitzt, der gesund ist. Natürlich muss man auch schauspielerische Begabung mitbringen sowie musikalische Intelligenz. Auf der anderen Seite sind die Dinge, die man lernen kann: die Technik und das Wissen, das man sich anlesen und erarbeiten kann. Und jetzt ist die große Kunst, diese beiden Hälften der Waagschale in Balance zu bringen. Das heißt, dass man als Sänger lernen muss, die eigenen Resonanzräume optimal auszunutzen – rein technisch. Auf der anderen Seite muss man einen absoluten Ausdruckswillen haben, um etwas zu transportieren. Diese Balance zu halten, beschäftigt einen Sänger das ganze Leben. Bei Wagner kommt noch hinzu: Man sollte Lebenserfahrung und Reife mitbringen. Eine Isolde kann man nicht mit 19 singen. Das wäre Schwachsinn. Und man braucht für Wagner einen starken Körper, der es ermöglicht, einen großen, runden Sound herzustellen. Das heißt: Als Sänger mit Wagner anzufangen, ist eigentlich nicht möglich. Singen setzt – wie beim Sport – einen Muskelaufbau voraus. Und das braucht Zeit.

Können Sie bei einem neuen Gesangsschüler sofort erkennen, ob er für Wagner geeignet ist?
Lang: Ob es eine Stimme für dieses Repertoire ist, hört man von Anfang an.

Kann man das Großwerden der Stimme trainieren?
Lang: Aus einer Blockflöte können Sie keine Posaune machen. Als erfahrener Gesangspädagoge oder Dirigent hört man sofort: Hat eine Sängerin eine lyrische Anlage, vielleicht eine Koloraturbegabung, ist die Stimme sehr hell, das Gesicht schmal – dann wird sicher nie eine echte Dramatische draus werden.

Es gibt ja viele Menschen die singen, aber nur wenige die den Anforderungen der Wagner-Partien gerecht werden …
Lang: Wir haben sängerisch ein tolles Niveau im Laienbereich. Wenn man heute Laienchöre mit denen vor 30 Jahren vergleicht, dann ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Aber das steht im krassen Gegensatz zu den Spitzensängern, von denen es immer weniger gibt. Früher haben diese Leute 30 oder 40 Jahre ihren Beruf gemacht.

Woran liegt es, dass heute nur wenige Sänger solange durchhalten?
Lang: Das gesangstechnische Niveau ist bei vielen Sängern nicht hoch genug. Sie kommen zwar in Engagements, einfach auch weil es keine besseren gibt, aber sie überleben es nicht so lange. Die Stimmen bekommen sehr schnell einen Wackler. Natürlich freuen sich die HNO-Ärzte, dass man wunderbar Stimmbandknötchen operieren kann, aber das kann ja nicht Sinn der Sache sein.

Wie konnte es dazu kommen?
Lang: Ich glaube es liegt auch daran, dass in der Ausbildung viel Wissen verloren gegangen ist. Das hat sich schon nach dem Zweiten Weltkrieg abgezeichnet, als viele gute europäische Lehrer in die USA emigriert sind. Und diejenigen, die noch bei den alten Lehrern studiert haben, sind jetzt selbst im Aussterben. An Hochschulen unterrichten viele Leute Gesang, die diesen Beruf gar nicht ausgeübt haben, oder die als Sänger mit 40 in die erste Krise gekommen sind und dann plötzlich die Liebe zum Gesangsunterricht entdeckt haben. Da frage ich mich, was können diese Menschen weitergeben? Daran krankt es. Die Studenten sind aber auch selbst schuld, wenn sie zu so jemandem gehen. Wenn ich Koch werden wollte, würde ich auch versuchen, eine Stelle bei Herrn Schuhbeck oder Herrn Lafer zu bekommen und nicht beim Frittenkoch um die Ecke.

Als Lehrerin haben Sie ja auch eine enorme Verantwortung. Sie entscheiden über Karrieren Lang: Absolut. Ich hatte von drei Hochschulen Angebote, eine Professur zu übernehmen. Aber ich habe nicht die Zeit, mich um die Schüler zu kümmern. Das kann ich erst machen, wenn ich nicht mehr aktiv singe. Die Schüler müssen zwei- bis dreimal in der Woche kommen können, damit der Lehrer die Stimme kontrollieren kann. Die Verantwortung, die man gegenüber den jungen Menschen hat, ist enorm groß. Die Schüler müssen aber auch selbst merken: Wenn ich heiser aus einer Gesangsstunde rausgehe, muss ich infrage stellen, ob das, was der Professor macht, richtig ist.

Man müsste öfter „Nein“ sagen – auch bei Rollen-Angeboten. Das kann sich aber nicht jeder erlauben.
Lang: Ich habe oft nein gesagt. Das wichtigste Wort eines Sängers ist das Wörtchen nein. Man kann den Vertrag nur erfüllen, wenn man die Partie komplett singen kann. Aber manche Sänger brauchen eine bestimmte Partie wohl für ihr Ego. Oft ist es dann aber auch schnell vorbei.

Man könnte also sagen: Angela Denoke – eine großartige Strauss-Interpretin - ist eine sehr intelligente Sängerin, da sie die Brünnhilde, die man ihr in Bayreuth offensichtlich angeboten hatte, zurückgab.
Lang: Man muss sich einen Fahrplan machen. Man muss wissen: Was singe ich mit 30, mit 40 mit 50? Wo will ich eventuell mit 60 stehen? Eigentlich sollte es das Ziel sein, das Rentenalter stimmgesund zu erreichen.

Das schaffen aber nur wenige.
Lang: Das hängt auch damit zusammen, dass die Technik nicht beherrscht ist, dass zu viel gesungen wird, dass zu früh gesungen wird, dass versucht wird zu brüllen, dass Räume nicht optimal ausgenutzt werden. Es ist eine schwierige Balance den richtigen Fokussierungspunkt zu finden. Aber das kann jeder nur für sich selbst herausfinden.

Wer coacht Petra Lang?
Lang: Technisch vor allem Adrian Baianu und seit zwei Jahren arbeite ich auch mit Angelo Loforese aus Mailand. Er war an der Scala der Einspringer vom Dienst und hat dort die ganzen italienischen Sachen gesungen. Er singt auch mit seinen 93 Jahren noch. Das kann man sich auf Youtube anschauen. Er kann es zeigen, erklärt nicht wie es geht, aber sagt dann: Du musst es selbst finden. Die Ratschläge von Loforese haben mir dann die letzte Richtung gezeigt. Es hat mir noch eine andere Stabilität in den Körper und in die Stimme gebracht.

Wer waren zu Beginn ihre Lehrer?
Lang: Ich habe bei einer Koloratursopranistin, Gertie Charlent, begonnen, dann habe ich 17 Jahre mit Ingrid Bjoner studiert. Meine ganzen Wagner-Partien habe ich mit Astrid Varnay erarbeitet. Sie hat mir damals schon viel über die Brünnhilde erzählt, wovon ich jetzt sehr profitiere. Außerdem war ich bei einem Bariton in Amerika, James Dietsch, der mir viel in Richtung italienisches Fach zeigen konnte. Seit sechs Jahren arbeite ich mit Adrian Baianu zusammen, der auch beim Meisterkurs in Bayreuth als Coach dabei sein wird.

Würden Sie sagen, sie sind jetzt auf dem Gipfel ihrer Sängerkarriere angelangt oder kommt noch mehr?
Lang: Das weiß man nie. Ich arbeite, wie ich die letzten 24 Jahr gearbeitet habe. Mein Opernschullehrer Harro Dicks hat immer gesagt: „Der liebe Gott hat dir die Stimme in den Hals geschissen. Jetzt ist es deine Aufgabe, da was draus zu machen.“

Meisterkurs: Von Dienstag bis Freitag, 16. August, geben Petra Lang und Markus Eiche, unterstützt von Adrian Baianu, Wolf-Michael Storz und Barbara Wild, einen Meisterkurs Gesang – am Dienstag und Mittwoch in der Städtischen Musikschule Bayreuth, am Donnerstag im Balkonsaal der Stadthalle. Start ist jeweils um 9 Uhr. Passive Teilnehmer und Zuhörer sind willkommen. Das Abschlusskonzert findet am Freitag, 16. August, um 16 Uhr im Balkonsaal der Stadthalle statt.

Foto: Festspiele Bayreuth/Jörg Schulze

 

Nicht bewertet

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Kommentare

Petra Lang war dieses Jahr wirklich super. Es hat große Freude gemacht, ihr zuzuhören und zuzusehen. Klasse. Das ist Bayreuth.
Montag, 13. November 2017 - 11:06