Lohengrin in der Zeitkapsel

Von der Ausstattung Ihres Vaters wird so gut wie nichts übrig geblieben sein. Auf welcher Grundlage haben Sie den „Lohengrin“ von 1967 rekonstruiert?  

Katharina Wagner: Man muss differenzieren. Bei den Kostümen war es einfach, die hängen ja fast alle noch im Fundus. Alle sind aus echtem Leder, und die haben wir für Prag neu angefertigt, schon weil es so nicht mehr tragbar und überhaupt zu teuer wäre. Für die Bühne hatten wir sehr viele Fotos, inklusive Fotos, die von hinten zeigen, wie umgebaut wurde. Den Schwan konnten wir somit auch gut rekonstruieren - eben weil der auf diesen Bildern zu sehen war. Wir haben viele Quellen von den Festspielen anzapfen können. Und: Es waren zwei sehr ordentlich geführte  Regiebücher komplett erhalten.

An den Grenzen der technischen Machbarkeit

Eine 50 Jahre alte Inszenierung einzuladen: Man könnte fast annehmen, dass daraus die Sehnsucht nach der guten alten Zeit spricht.

Wagner: In diesem Fall hat es nichts damit zu tun. Die ursprüngliche Idee des Theaters war eine Neuproduktion eines „Lohengrin“. Die kam nicht zustande, weil das Theater technisch limitiert ist. Das Theater hat dann den Wunsch geäußert, gerne die Inszenierung von 1967 zu übernehmen, nachdem sie sich erkundigt hatten, ob man sie seriös rekonstruieren kann.

Was macht für Sie denn den Zauber dieses „Lohengrin“ aus?

Wagner: Letzthin habe ich ein sehr interessantes Interview mit meinem Vater gelesen. Er betonte diesen Aspekt der Menschlichkeit. Dass Lohengrin im Verlauf der Handlung immer menschlicher wird. Letztlich kommt Lohengrin ja von einer höheren Macht, doch dann nähert er sich immer mehr Elsa an. Die Geschichte geht tragisch aus, weil er im Menschlichen scheitert…

Lohengrin im Abseits

… und so schließlich keiner Seite mehr angehört.

Wagner: Er gehört zu keiner Seite mehr, genau das ist der Punkt.  

Was bedeutet es für Sie persönlich, in den Fußstapfen Ihres Vaters zuwandeln?

Wagner: Das ist ein ambivalentes Gefühl. Erstmals kann ich nicht von kreativer Eigenleistung reden. Es ist kein Geheimnis, dass mein Vater und ich unterschiedliche Ansätze vertreten. Doch diesmal war meine Vorgabe: Halte dich originalgetreu an die Vorlage, bringe keine Eigenleistung. Mit denSängern war es auch lustig. Wie man es halt kennt aus Probenprozessen. Die wollen eigentlich auch mitreden und diskutieren, die sind das so auch nichtgewohnt. Das ist eine andere Form des Regieführens. Es hat dann aber doch jeder mit getragen, dass wir uns innerhalb enger Grenzen bewegen und nicht ändern können, wo es uns vielleicht ab und zu reizen würde.  Wir haben uns alle daran gehalten, das ist wichtig. Man hat heute allerdings andere Lichtverhältnisse,allein das Alter der Scheinwerfer macht einen Riesenunterschied. Wir haben uns bemüht, eine Stimmung zu erzeugen, die große Ähnlichkeit mit Bayreuth hat. Der Orchestergraben im Festspielhaus ist jedoch dunkel. In Prag ist er heller. Wir haben außerdem proportional verkleinern müssen. Vom Resultat her war ich aber letztlich erstaunt. Ich glaube, dass wir die Stimmung ganz gut getroffen haben.

Angenehmes Arbeiten

Macht‘s Spaß, einfach mal wieder woanders zu inszenieren?

Wagner: Ja. Das war ein sehr angenehmes Arbeiten. Das Haus wollte das wirklich, das merkte man.

In Leipzig wiederum werden Sie im März 2018 den „Tannhäuser“ inszenieren.

Wagner: Das ist eine modifizierte Wiederaufnahme meiner Produktion von Las Palmas. Der „Fidelio“ im Mai 2018 in Tokio - das ist dann wieder eine eigene, ganz neue Produktion.

Inszenieren in Las Palmas, dort wo man Urlaub macht: Man kann sichSchlimmeres vorstellen.  

Wagner: Klar, vom Opernhaus aus kann man einen tollen Blick genießen. Aber letztlich ist es doch so: Wenn man an einer Produktion arbeitet, dann ist der Urlaub gestrichen. Manchmal sagt man sich aber, das passt einfach. Die Besetzung war auch klasse, wir wollten das alle machen. Es spricht ja nichts dagegen, auch mal etwas an seinem Urlaubsort zu arbeiten.

Rekordverdächtig: Eine Wiederaufnahme nach 50 Jahren – eine ziemliche Seltenheit im Operngeschäft, im Theater überhaupt. Mannheim schlägt den Prager Zeitsprung allerdings noch um zehn Jahre: Der „Parsifal“ in der Inszenierung von Hans Schüler (geboren 1897) läuft dort schon seit 60 Jahren. Allerdings – und das ist der große Unterschied zum Prager Projekt – ohne längere Unterbrechung.

INFO: Premiere vom Prager "Lohengrin": 8. Juni. Nächste Termine: 10., 14. und 17. Juni. 2., 10. und 23. September

Nicht bewertet

Anzeige