Lockmittel beim Nachwuchs-Werben

Das Angebot ist vielfältig: ein Diensthandy, das auch für private Zwecke genutzt werden kann, Prämien für gute Noten in der Berufsschule oder die Übernahme der Führerscheinkosten. Betriebe lassen sich heutzutage vieles einfallen, um neue Auszubildende zu gewinnen. „Solche Anreize können durchaus den Ausschlag geben“, sagt Gabriele Hohenner.

Die Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberfranken in Bayreuth hält diese Lockmittel vor allem für jene Unternehmen geeignet, „die nicht in einem besonders stark nachgefragten Beruf ausbilden oder eher schlecht erreichbar sind“. Außerdem könne das in Regionen sinnvoll sein, in denen besonders viele Ausbildungsbetriebe um Nachwuchs konkurrieren.

Präsenz auf Ausbildungsmessen

Der Präsident der IHK zu Coburg, Friedrich Herdan, sagt, in manchen Branchen hätten Unternehmen mittlerweile Schwierigkeiten, ihre Lehrstellen „adäquat zu besetzen“. Um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, bleibt ihm zufolge den Firmen keine andere Möglichkeit, als die für sie praktikabelsten Instrumente zu nutzen. „Ziel ist, sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren“, betont Herdan.

Gabriele Hohenner macht ebenfalls deutlich: „Wichtig ist, dass sich ein Unternehmen von anderen absetzt.“ Daher sei es geradezu eine Pflichtaufgabe für die Arbeitgeber, auf den hiesigen Ausbildungsmessen präsent zu sein. Doch dieses Engagement reicht der Hauptgeschäftsführerin der Bayreuther Kammer nicht aus. „Ohne Werbung geht eigentlich gar nichts mehr, aber auch Kontakte zu Schulen sind wichtig. Über Praktika kann sich ein Unternehmen als Ausbildungsbetrieb präsentieren“, hebt sie hervor.

In der Offensive

Dass dabei auch die Kammern in die Offensive gehen müssen, daran lässt Friedrich Herdan keinen Zweifel. „An vorderster Stelle geht es der IHK zu Coburg darum, Jugendlichen und Eltern aufzuzeigen, dass duale Berufsausbildung ein gutes Fundament für einen erfolgreichen Karriereweg ist, der durch berufliche Weiterbildung ausgebaut werden kann.“ Dazu habe die Coburger IHK einige Projekte und Kampagnen initiiert.

Auch Frank Grökel von der Handwerkskammer (HWK) für Oberfranken berichtet, dass die Firmen ihren Einsatz in Sachen Ausbildung verstärkt haben. „Die Betriebe engagieren sich dafür, ihren eigenen Fachkräftebedarf langfristig selbst zu decken“, erläutert der Ausbildungsberater der Kammer.

HWK-Pressesprecherin Kerstin Spieler fügt hinzu, die Betriebe würden bei der Nachwuchsgewinnung gezielt unterstützt. Was die Unternehmen darüber hinaus an Lockangeboten für mögliche Azubis böten, sei deren Sache. „Da halten wir uns raus“, sagt Spieler.

Trend zum Studium

Der Kampf um gute Nachwuchskräfte wird härter, manches Unternehmen will jungen Menschen eine Ausbildung mit Privilegien versüßen. Der Coburger IHK-Präsident Herdan weist in diesem Zusammenhang auch auf die Demografie und den Trend zum Studium hin: „Wegen zurückgehender Schülerzahlen und der vielen Jugendlichen attraktiv erscheinenden akademischen Laufbahn stehen Unternehmen zunehmend vor der Herausforderung, geeignete Bewerber für ihre Ausbildungsstellen zu rekrutieren.“

Zahlen des Bayerischen Landesamtes für Statistik untermauern Herdans Bedenken. Demnach hatten sich für das Wintersemester 2016/2017 an den Universitäten und Hochschulen im Freistaat 378.203 Studierende eingeschrieben. So stieg die Zahl der Studierenden im Vergleich zum vorherigen Wintersemester (376.488) noch einmal um 0,5 Prozent und erreichte einen neuen Höchststand.

Engstirnig

Claas Meyer stellt den Wert einer beruflichen Ausbildung nicht infrage. Der Jugendsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) für Oberfranken betont jedoch: „Allerdings denken junge Menschen nicht nur kurzfristig, sondern sehr wohl zukunftsweisend.“

Prämien für gute Schulnoten oder ein Dienstwagen seien für die meisten nicht das entscheidende Kriterium. Wichtiger seien Faktoren wie die Höhe der Ausbildungsvergütung, die Übernahme nach der Ausbildung und gute Entwicklungsperspektiven.

Gegensteuern

Meyer führt die Nachwuchsprobleme der Wirtschaft auch auf die seiner Ansicht nach engstirnige Denkweise mancher Unternehmen zurück. Ausbildungsplätze seien zu einem Großteil nur für Jugendliche mit mittlerem Schulabschluss oder Abitur ausgeschrieben. „Hauptschulabsolventen bleiben dabei häufig auf der Strecke“, klagt er.

Der DGB-Jugendsekretär fordert: „Die Betriebe könnten gegensteuern, indem sie sich um eine gute Ausbildungsqualität bemühen und allen Jugendlichen unabhängig von Schulabschluss, sozialem Status oder Nationalität langfristig eine gute berufliche Zukunftsperspektive bieten.“

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Montag, 13. November 2017 - 11:06