Ligendza: Die ideale Königstochter wird 80

Die Schwedin, die an diesem Mittwoch ihren 80. Geburtstag feiert, war eine der besten dramatischen Wagner-Sängerinnen der 70er- und 80er-Jahre. In der Reihe der großen schwedischen Sängerinnen folgte sie auf Birgit Nilsson, bevor knapp 20 Jahre später Nina Stemme den Opern-Olymp erklimmen sollte.

Ihr Debüt auf dem Grünen Hügel gab sie im Jahr 1971 als Brünnhilde in der Inszenierung von Wolfgang Wagner. Sie war nach der Absage einer Kollegin eingesprungen – und wurde sofort als neuer Star gefeiert. Nach den großen Heroinen ihrer Vorgängergeneration verkörperte Ligendza einen neuen Typ der hochdramatischen Sängerin: Ihre Darstellung wird als inniger, mädchenhafter beschrieben, ohne dabei an stimmlicher Strahlkraft Abstriche machen zu müssen. Kritiker schwärmten von ihrem weich-leuchtenden Stimmansatz und einer zu Herzen gehenden Umsetzung. Sie war bei den Bayreuther Festspielen bis 1973 als Brünnhilde zu erleben. Ein Stern war aufgegangen.

Krach unter den Dirigenten

1974 stand eine Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ in der Regie von August Everding an. Blättert man heute durch die Bayreuther Festspielgeschichte, so muss man konstatieren, dass sich damals das weitaus größere Drama hinter den Kulissen abspielte. Bereits in der Planungsphase der Neuproduktion gab es Krach unter den Dirigenten. Karl Böhm glaubte aufgrund eines Briefes von Wieland Wagner ein Recht auf das Dirigat zu haben. Wolfgang Wagner hatte aber den genialischen Carlos Kleiber verpflichtet. Dieser ließ sich für Bayreuth eigens eine Dirigierpartitur mit den fotografierten Seiten der handschriftlichen Partitur Richard Wagners anfertigen.

Catarina Ligendza war für die Isolde vorgesehen, nach der Generalprobe sagte sie allerdings ab. Auch die Ersatz-Isolde war indisponiert. So wurde eine dritte Sängerin aus Salzburg angefordert, die am Premierentag auf der Fahrt nach Bayreuth zunächst im Stau stecken blieb. Die Not auf dem Grünen Hügel war groß. Jetzt konnte nur noch ein Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes helfen, der die Sängerin abholen sollte. Der Pilot war bereits in der Luft, als Isolde Nr. 3 dann aber doch ohne dessen Hilfe in Bayreuth angekommen war. Und siehe da: Auf einmal war auch Catarina Ligendza im Festspielhaus erschienen. Man hatte nun zwei Isolden. Was sich jetzt hinter verschlossenen Türen abspielte, ist nicht überliefert.

"Wetterbedingte Indisposition"

Catarina Ligendza jedenfalls machte zur Bedingung, vor der Premiere als indisponiert angesagt zu werden. Wolfgang Wagner gehorchte, trat vor den Vorhang und sprach von einer „schweren wetterbedingten Indisposition“. Was Ligendza nicht daran hindern sollte, die Vorstellung ihres Lebens zu singen. Oswald Georg Bauer beschreibt diesen Abend in seiner „Geschichte der Bayreuther Festspiele“ so: „Viele fragten sich nach dieser phänomenalen Leistung, wie sie wohl singe, wenn sie nicht indisponiert ist ... Mädchenhaft im Aussehen und in ihrem Spiel, natürlich hoheitsvoll, mit Anmut in ihren Bewegungen war sie in ihrem weich fließenden Kostüm die ideale Bühnenerscheinung der irischen Königstochter. Ihre Stimme war nicht riesenhaft, sondern leuchtend klar und eher lyrisch, ohne Kraftanstrengung sang sie auch die dramatischen Höhen stimmschön, wunderbar verwehend waren ihre Piani.“

Franz Beckenbauer in der "Tristan"-Premiere

Einer der Besucher der Premiere war, neben dem Bundespräsidenten Walter Scheel und dem Philosophen Ernst Bloch, der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und frischgebackene Weltmeister Franz Beckenbauer.

Bis zum Jahr 1987 sollte Catarina Ligendza die Isolde in Bayreuth singen, ergänzt um die Partie der Elsa im selben Jahr. 1988 gab sie ihren Rücktritt von der Bühne bekannt. Nach dem Grund befragt, sagte die Sängerin: „Ich habe mit 50 Jahren aufgehört. Ich war so glücklich und zufrieden mit dieser Karriere. Aber ich habe mich so nach einem natürlichen Leben im Tageslicht gesehnt. Dieser Beruf bringt es mit sich, dass man sehr viel unter künstlichem Licht arbeitet.“ Natürlich hätte sie weitersingen können. „Aber es gab so viele andere junge Sänger, die sich sehr gefreut haben. Denen gönne ich das.“

In einem Kurier-Interview im Jahr 2008, als Ligendza bei der Junge-Musiker-Stiftung in Bayreuth einen Meisterkurs gab, sagte sie angesprochen auf ihren „Tristan“-Dirigenten Carlos Kleiber: „Man hat für ihn um sein Leben gesungen. Er hat jedes Wort gewusst, er hat alles mitgesungen und mitgestaltet. Wer mit ihm gesungen hatte, sagte, ich kann mit keinem anderen mehr singen.“

Fast scheint es, als hätte Catarina Ligendza Wort gehalten. Allenfalls mal ein kleines schwedisches Volkslied komme ihr noch über die Lippen, wenn sie in ihrer Heimat nahe Östersund in die Natur hinausgehe. Bis vor zwei Jahren ist sie noch auf ihrem Pferd „Zara Brine“, einer arabischen Vollblutstute, ausgeritten. „Das hatte ich schon als Teenager gelernt.“ Dass in ihrem in einem kleinen Dorf gelegenen Haus auch ein Klavier steht, ist eher nebensächlich. „Es wird nicht benutzt.“ Immerhin: Es gibt zwei Musikzimmer. Ein nostalgisches, in dem sie sich mit ihrem Ehemann bisweilen Schellackplatten anhört, und ein modernes mit zeitgemäßer Anlage.

Auch wenn sie längst keine Aufführungen in Bayreuth mehr besucht, verfolgt sie doch das Festspiel-Geschehen weiter mit. So auch im Sommer 2017. „Die Meistersinger haben wir im Fernsehen gesehen. Ich fand das sehr gut. Endlich mal wieder was Anständiges. Es wurde auch anständig gesungen.“

80. Geburtstag in Franken

Ihren 80. Geburtstag wird Catarina Ligendza in Franken zubringen, in einem Ferienhaus nahe Nürnberg. Was ihre Fans an diesem Tag tun können? Sich die Aufnahme der „Meistersinger von Nürnberg“ unter Eugen Jochum auflegen und dem Quintett aus dem dritten Akt lauschen. Man hört dabei: Placido Domingo (Stolzing), Dietrich-Fischer Dieskau (Hans Sachs), Horst R. Laubenthal (David), Christa Ludwig (Magdalene) und: die stimmlich alles überwölbende Catarina Ligendza als Eva.

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06