Leselust: Jan Weiler im Interview

Derzeit bereitet ihm die Frage nach der Entsorgung seines Weihnachtsbaum Kopfzerbrechen. Seit längerem beobachtet er die Pubertät seiner Kinder. Was zu dem Bestseller „Im Reich der Pubertiere“ geführt hat. Aus diesem Buch liest der Autor Jan Weiler am Samstag, 21. Januar, um 20 Uhr beim Festival Leselust im Zentrum in Bayreuth.

Herr Weiler, haben Sie heute schon etwas erlebt, das Sie in Ihrem nächsten Buch verarbeiten werden?

Weiler: Ich hatte beim Einkaufen so einen Gedanken feuchtes Toilettenpapier betreffend. Es gibt nämlich ein merkwürdiges Toilettenpapier mit dem Duft Mandelmilch. Und es stinkt wahnsinnig. Ich glaube, man bekommt auch Kopfschmerzen davon. Jedenfalls habe ich festgestellt, dass es das auch in der Variante feucht gibt. Und feucht und Mandelmilch – das ist dann schon sehr strange. Aber ich habe es nicht gekauft.

Was Sie jetzt erzählt haben, war die Realität. Wie sieht die Geschichte aus, wenn das Fiktionale dazukommt?

Weiler: Das weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall geht es um die merkwürdigen Duft- und Aromavarianten. Bei Joghurt gibt es das ja auch. Da gibt es ganz merkwürdige Früchte, die man noch nie gesehen hat. Solche Eindrücke sammle ich.

Um dann den Bezug vom Joghurt zum Toilettenpapier herzustellen?

Weiler: Mal sehen. Es gibt ja auch manchmal Dinge, die man zwar bemerkt, die sich dann aber doch nicht für irgendwas aufdrängen.

Stellen Sie sich denn beim Lesen anderer Autoren manchmal die Frage: Hat der das jetzt wirklich erlebt oder ist das erfunden?

Weiler: Nein, die Frage stelle ich mir nie. Ich gehe davon aus, dass die anderen Autoren so arbeiten wie ich und dass man, wenn einem irgendwas vorbeisaust, kurz zugreift und das irgendwo im Kopf verstaut. Irgendwann kann man es dann mal verwenden. Ich nehme an, das machen andere auch so.

Es gibt ja den Spruch: „Die besten Geschichten schreibt das Leben.“ Aber sind nicht doch die erfundenen besser?

Weiler: Die erfundenen sind schon besser, weil in einem normalen Leben ja garnicht so wahnsinnig rasend viel passiert.

Wir haben ja alle gelernt, dass der Ich-Erzähler nicht mit dem Autor gleichzusetzen ist. Wie hoch ist denn in Ihren Geschichten der fiktionale Anteil?

Weiler: Der reale Anteil bezieht sich eigentlich nur auf die Konstellation. Es gibt einen Erzähler und es gibt eine Familie und es gibt dieses normale Leben, das man führt. Was man daraus macht, ist eine ganz andere Frage. Ich habe gerade eine Kolumne darüber geschrieben, dass ich nicht weiß, wie ich meinen Christbaum entsorge, weil ich die Abholung verpasst habe. Jetzt weiß ich nicht, was ich damit machen soll. In der Realität steht das Ding hier immer noch herum. In der Kolumne hingegen gibt es verschiedene Erörterungen darüber, wie man so einen Christbaum loswerden kann. Etwa so ähnlich wie eine Mafia-Leiche. Was machen wir jetzt mit dem Ding? Heimlich in den Wald tragen oder in winzige Teile schneiden und immer wenn man rausgeht ein winziges Ästlein mitnehmen und wegwerfen oder ihn in der Badewanne auflösen? In der Realität steht er noch da. In der Fiktion eröffnet sich ein riesiges Feld an Möglichkeiten, wie man mit dieser Nordmanntannenleiche umgeht.

Im Idealfall wird dann in der Fiktion die Lösung geboren, die nach Rückführung in die Realität dann doch noch zur erfolgreichen Entsorgung Ihres Baums führt.

Weiler: Die neue Lösung ist, dass ich mir ein großes Auto leihe und das Ding zum Wertstoffhof fahre.

So kommen Sie aber nicht in die Bestsellerlisten...

Weiler: Eben.

Es heißt, das Vorbild für das Pubertier in Ihrem Buch ist Ihre Tochter. Fühlt sie sich denn geschmeichelt, dass sie von ihrem Vater literarisch veredelt wird oder wird sie dafür auch mal von Mitschülern gedisst?

Weiler: Nein, da disst niemand irgendjemanden. Meine Tochter und meine Freunde wissen ja, dass Carla, also dieses fiktionale Mädchen, nicht meine Tochter ist. Meine Tochter liest das zwar und sagt manchmal: Ach, da hast Du jetzt das verbraten, was ich letzte Woche erzählt habe. Aber sie hat mehr ein handwerkliches Interesse daran. Es betrifft sie nicht wirklich.

Und sie heißt auch nicht Carla?

Weiler: Nein.

Wenn Sie über die Pubertät ihrer Kinder schreiben, steckt da auch viel aus Ihrer eigenen Pubertät drin?

Weiler: Klar, da steckt ganz viel von meiner eigenen Pubertät drin, aber auch ganz viel von der Pubertät meiner Kinder. Da werden alle Pubertäten, die ich kenne, in zwei Figuren zusammengefasst. Ich habe natürlich viel darüber nachgedacht, wie man sich in dieser Lebensphase fühlt. Es gibt ja auch viele Niederlagen wenn man jung ist und das Gefühl von Ohnmacht oder Unzulänglichkeit. In dieser beruflichen Beschäftigung ist mir dann vieles von damals wieder eingefallen. Und wenn man das wieder rauskramt, bekommt man auch mehr Verständnis für die Kinder.

Worin besteht der Hauptunterschied zwischen der Pubertät Ihrer Generation und der heutigen?

Weiler: Der Unterschied bezieht sich auf ganz wenige Dinge, die machen aber viel aus. Pubertät selber ändert sich seit Aristoteles nicht. Ich glaube, seit der Antike geht es um die selben Dinge in Bezug auf die Pubertät. Was einfach damit zu tun hat, dass sich die körperliche und seelische Entwicklung nicht unterscheidet. Was sich aber massiv unterscheidet, ist die Umgebung, in der die Pubertät sich abspielt. In meiner Kindheit gab’s in der Pommesbude einen Spielautomaten und es gab die allerersten Spielkonsolen, ansonsten gab es garnichts. Wenn man sich vor Augen führt, was heute für ein Medienzirkus rund um die Kinder ist – das stellt die vor unglaublich hohe Anforderungen. Das ist der große Unterschied. Es gibt überhaupt keinen Platz mehr für Kontemplation. Die sind die ganz Zeit online, irgendetwas piept, brummt oder vibriert dauernd vor sich hin – die haben keine Chance mehr, mal runterzukommen. Das ist ganz schön schwierig.

Kann man sagen: Wer in den 50er-Jahren rebellieren wollte, hat sich wie Elvis gekleidet. Heute geht er als Salafist.

Weiler: So ist es. Dieses sich von den Eltern distanzieren können, ist unglaublich kompliziert geworden. Die Mütter tragen dieselben Klamotten wie die Mädchen und die Eltern sind alle in der Popkultur sozialisiert. Mit Punkrock und Nasenpiercing kann man heute kaum noch Eltern hinterm Ofen vorlocken. Deswegen heißt es: Salafist oder Neonazi.

Das ist die Form der Rebellion von heute.

Weiler: Ja. Und beides ist nicht so doll.

Das haben vermutlich auch viele Eltern in den 50er-Jahren gesagt.

Weiler: Wie gesagt: Die Pubertät als solche unterscheidet sich nicht groß, aber die Umgebung.

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