Launert vs. Kramme: Eifer trifft Erfahrung

Sitz gerade, gestikuliert viel, wirft beim Lachen die Haare durch die Luft. Und Launert hat Gestik und Mimik. Wenn Kramme mit Zahlen jongliert, die im Publikum niemand kennt und auch kaum jemand für wichtig hält, zieht Launert die Augenbrauen nach oben, sucht Augenkontakt zu Parteifreunden, versichert sich dass sie die besseren Zahlen hat und schüttelt den Kopf. Dann hat Launert eigentlich immer das letzt Wort. „Darf ich auch noch etwas dazu sagen?“, fragt sie und Moderator Otzelberger lässt sie reden. Auffällig, dass Launert das Mikrofon den ganzen Abend nicht aus der Hand gibt, während Kramme es nach jedem Redebeitrag beinahe demonstrativ neben sich auf den Tisch legt.

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Dazu kommt: Gleich nach dem ersten Redebeitrag erntet Launert tosenden Applaus. Bei ihr, die zuvor nervös wirkt, viel mit ihren Händen herumspielt, löst sich in diesem Moment die Anspannung. Kramme dagegen zeigt sich beeindruckt von dem Lärmpegel, den die Anhänger der CSU-Kandidatin da veranstalten. Abwiegelnd schüttelt sie den Kopf, einer Übersprungshandlung gleich schlägt sie ein Notizbuch auf, blättert darin herum.

Man merkt, dass da zwei

Auch die Herangehensweise an Zahlen könnte unterschiedlicher kaum sein. Beiden merkt man an, dass sie Juristen sind. Dass sie Dinge genau nehmen. Dass sie den Umgang mit Texten, in denen ein Wort über Schuld oder Unschuld entscheiden kann, gewohnt sind. Launert noch mehr als Kramme, schließlich ist erstere seit vier Jahren raus aus dem Beruf, bei letzterer sind es schon 19. Entsprechend oft erzählt Launert noch, dass sie Richterin ist. Und damit Expertin auf vielen Gebieten. Sexualdelikte, Abschiebungen, Homoehe. „Ich kenne mich da besser aus als die meisten anderen“, sagt sie selbstbewusst. Deshalb habe sie sich im Bundestag bei der Abstimmung zur Homoehe auch enthalten. Weil es laut Staatsrecht zwar kein Argument mehr sei, dass nur Männer und Frauen Kinder bekommen können. Weil das im Umkehrschluss aber auch bedeute, dass Mehrfach-Ehen möglich seien, die Launert nicht wolle. „Das ist ein Widerspruch. Und man muss akzeptieren, wenn ein Richter versucht, sich an die Gesetze zu halten“, sagt Launert. Kramme sieht das lockerer. Zwei Jahrzehnte im Bundestag haben sie auch gelehrt, dass manchmal wird, was zuvor nicht sein durfte. „Ja, im Grundgesetz spielt die historische Auslegung eine Rolle, aber in den vergangenen Jahren hat sich in Sachen Auslegung viel getan“, sagt Kramme.

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Launert nimmt man aber auch ab, dass sie nicht nur aufgrund ihres früheren Berufslebens viel Ahnung mitbringt. Sondern dass sie sich auch fleißig einarbeitet. „Ich bin immer gut vorbereitet“, sagt Launert und lässt Kramme, die in gewohnter Berufspolitiker-Manier vorträgt, damit in manchen Momenten schlecht aussehen. Als es um die Frauenquote geht, zum Beispiel. Als Kramme sagt, dass es dabei nur um Vorstandsposten gehe und Launert sagt: „Ich war in den Gesprächen dabei. Wir haben auch über die Quote im öffentlichen Dienst gesprochen. Es ist schade, dass sie sich nicht informiert haben.“

Kramme stellt ihr Licht unter den Scheffel

Kramme hingegen, und das ist das Komische an diesem Abend, könnte von vielem erzählen, das sie schon geleistet hat. Immerhin hat sie es zur Staatssekretärin gebracht. Aber stattdessen stellt sie ihr Licht so dermaßen unter den Scheffel, dass es selbst Launert nicht mehr mit anschauen mag. „Sie haben doch nicht 19 Jahre lang geschlafen. Warum reden Sie sich selbst so schlecht“, fragt Launert und an dieser Stelle wird das ganze Drama der einst stolzen Volkspartei spürbar. Einer SPD, der der politische Gegner Mut zusprechen muss, weil ihr Schröders Agenda 2010 bis heute nachhängt. Einer Partei, der Martin Schulz schon alleine deshalb wie der Erlöser vorgekommen sein muss.

Neben solchen nachdenklichen Momenten gibt es einen, in dem Launert Kramme anschreit. Weil sie die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen abschaffen wolle, während selbst im Sozialministerium solche Verträge üblich seien. Woraufhin Kramme Launert der Verlogenheit bezichtig, schließlich sei das CDU-geführte Finanzministerium für den Stellenplan verantwortlich.

Und es gibt Momente, in denen man glaubt, sich verhört zu haben. In denen die Kandidatinnen reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Wenn Launert sagt: „Ich hab auch mal Sexualdelikte verhandelt, da hat man mit immer gesagt: du bist kein Opfer, die suchen sich schwache Frauen.“ Oder wenn sie erzählt, dass sie in einer großen internationalen Kanzlei bereits mit 27 Jahren 100.000 Euro im Jahr hätte verdienen können. „Einstiegsgehalt“ wohlgemerkt, wie Launert betont. Und wenn Kramme sagt, dass sie als Abgeordnete schon so viel gearbeitet habe, dass sie ihre 40 Berufsjahre in der Hälfte der Zeit bereits vollbracht habe. In den Ohren kleiner Leute müssen solche Sätze wie Hohn klingen, auch wenn sie nicht so gemeint sind.

Einen Sieger?

Wer hat also dieses Duell gewonnen? Keiner von beiden. Natürlich die Wähler, die sich ein Bild davon machen konnten, wie die Kandidatinnen ticken. Wer hören wollte, dass sich die Kandidatinnen auf politische Vorhaben festlegen, der musste sich, außer mit Anette Krammes Distanzierung von der Agenda 2010, mit Silke Launerts Zusage begnügen: „Wir machen das nicht!“ Niemand wolle schließlich die Rente mit 70, warum also sollte sie im Koalitionsvertrag stehen.

Stattdessen fallen an diesem Abend Sätze wie der von Launert: „Es ist in mir drin, ich muss immer managen, Probleme lösen. Es gibt Grenzen wie Haushalt, Koalitionen und es ist eine Erfahrung, auch an diese Grenzen zu stoßen.“ Es scheint, als hätte Launert an diesem Abend selbst eine Grenze überschritten. So aufgeweckt und angriffslustig hat man sie selten erlebt. Kramme dagegen punktet mit Ruhe und Sachlichkeit, lässt sich nicht einmal aus dem Konzept bringen, als sie angeschrien wird. Man nimmt ihr ab, dass sie ihre Lust auf Politik aus etwas anderem zieht. Aus dem „Tüfteln und Austricksen, wenn man dem Koalitionspartner ein Wörtchen untergejubelt hat und er es erst in zweiter Lesung bemerkt“. Da ist dann auch Kramme wieder Juristin, die ein Gespür hat für die Macht des einzelnen Wortes. Die eher als Strippenzieherin hinter den Kulissen wahrgenommen wird und das an diesem Abend auch nicht ändern will. Man könnte sagen, im Herzogkeller trafen Angriffslust auf Routine und Eifer auf Erfahrung.

thorsten.guetling@nordbayerischer-kurier.de

3.7 (3 Stimmen)

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Montag, 13. November 2017 - 11:06