Lars Masell, der Matchplan-Macher

Das bestätigt auch Raoul Korner. Der Medi-Coach verpackt seine Wertschätzung für seinen Co-Trainer in eine Stellenbeschreibung. „Ein Assistenzcoach muss loyal sein, sein Handwerk verstehen. Und er muss richtig hart arbeiten können. Das heißt, er darf sich nicht zu schade dafür sein, die Nächte einmal durchzumachen“, sagt der Bayreuther Coach und ergänzt dann ohne Luft zu holen: „Diese drei Kriterien erfüllt Lars zu einhundert Prozent. Zudem ist er ein sehr authentischer Typ. Kein Ja-Sager, sondern immer jemand, der seine Meinung vertritt. Das schätze ich sehr.“

Die Authentizität, von der Korner spricht, offenbart sich in äußerlichen Widersprüchen. Der dichte rote Bart, die streng gescheitelte Frisur und die stoische Mimik lassen den 37-Jährigen älter erscheinen, als es sein Personalausweis und sein buntes Tattoo über den gesamten linken Arm vermitteln. Aufgebrochen wird die Aura der Unnahbarkeit des Jenensers durch seine sanfte Stimme und die große Aufmerksamkeit, die er seinem Gegenüber zuteilwerden lässt. Lars Masell ist ein höflicher und bescheidener Zeitgenosse, ein Mann mit Etikette, der seine Worte mit Bedacht wählt.

Kaffee schwarz mit zwei Stückchen Butter

Und er hat einen durchaus ausgefallenen Geschmack. Er trinkt seinen Kaffee schwarz und mit zwei Stückchen Butter. Butter? „Ja, klar. Noch besser ist ein Schuss Kokosöl, aber Butter – auch okay“, antwortet er ohne eine Miene zu verziehen. Den ungewöhnlichen Geschmack seines Assistenten unterstreicht auch Raoul Korner, allerdings auf anderer Ebene. „Die Musik, die er hört, ist schon speziell. Sehr sogar“, sagt Korner, ohne konkret werden zu wollen. Masell wiederum findet den Film-Geschmack seines Chefs grenzwertig. Genauer gesagt: „Sehr Hollywood lastig. Ich stehe eher so auf Independent-Filme. Egal, was mir Raoul empfiehlt, ob Film oder auch Buch, eigentlich kann ich das gleich entsorgen.“

Abgesehen von den unterschiedlichen kulturellen Vorlieben funken die beiden nach drei gemeinsamen Jahren in Braunschweig und eineinhalb Jahren bei Medi komplett auf einer Wellenlänge. Dem großen gegenseitigen Vertrauen liegt aber ein Entwicklungsprozess zu Grunde. „So etwas wie Liebe auf den ersten Blick“ sei das nicht gewesen, sagt Masell. Was ihn und seinen sechs Jahre älteren Chef verbindet, sei die hohe Akzeptanz für Eigenheiten von Menschen und das hohe Maß an Gewissenhaftigkeit im Arbeitsleben. Grundsätzlich werde viel kommuniziert – am Spielfeldrand ganz besonders, ergänzt der 37-Jährige. „Ich sage ihm, was ich sehe, und mache Vorschläge. Und ich weiß mittlerweile genau, wann ich ihn ansprechen kann und wann nicht.“

"Alles wird dokumentiert und seziert"

Die Unterstützung des Trainers während der Spiele ist aber nur ein kleiner Teil seines Tätigkeitsfeldes. Den meisten Raum nimmt die Spielvorbereitung ein. Mit den Vorbereitungen für das Bundesligaspiel bei Bayern München hatte er beispielsweise schon begonnen, da war der Jump für das Champions-League-Spiel gegen Venedig noch gar nicht erfolgt. In der Regel dient ein Video des letzten Spiels des künftigen Gegners als Basis seiner Analyse. „Alles wird dokumentiert und seziert, jeder Schritt, jede Reaktion – Stärken, Schwächen sowieso“, sagt der Assistenzcoach. Am Ende hat er einen zwölf- bis 16-seitigen Report für seinen Trainer verfasst, dazu noch 20 Seiten voll mit Spielzügen des Gegners.

„Damit entwickeln wir eine Strategie. Und erst dann wird die Mannschaft eingebunden.“ Dann sei es aber wichtig, die einzelnen Akteure nicht mit Informationen zu überfrachten. „Jeder hat eine andere Aufnahmekapazität. Und zu viel an Information kann zu Energieverlust führen. Letztlich entscheidet der Coach, wem er wie viel an Information zumuten kann.“ Und dann plaudert er ein wenig aus dem Nähkästchen. Eine Strategie gegen Göttingen zu finden, sei wesentlich einfacher als gegen Bayern München, sagt Masell. Er verdeutlicht das an einem Beispiel. „Bei Mannschaften aus dem unteren Tabellenbereich finden sich sehr wohl Spieler, die mit einer Hand besser sind als mit der anderen. Dann entwickeln wir einen Plan, wie wir diesen Spieler immer wieder auf seine schwache Hand zwingen, und kreieren daraus einen Vorteil für uns. Bei Bayern aber gibt es solche Spieler nicht.“

"Wir brauchen zu einhundert Prozent Energie"

Dennoch hat er auch beim aktuellen Bundesliga-Spitzenreiter „eine Stelle entdeckt, die wir attackieren können“. Er hat die Position vier ins Auge gefasst. Für Milan Macvan, den mit Kreuzbandriss außer Gefecht gesetzten Forward, hätten die Münchner keinen adäquaten Ersatz. „Da könnten wir etwas hinbekommen“, sagt Lars Masell und schaut dabei gedankenverloren zu Boden. Um dann aber sofort aufzuschrecken und den Zeigefinger zu heben: „Bevor wir an so etwas denken, brauchen wir einhundert Prozent Energie. Ansonsten haben wir ohnehin keine Chance. Das Gute ist, dass die Spieler gegen solch einen Gegner automatisch fokussiert sind.“

Fokussiert ist auch er – komplett. Das sagt er nicht nur, das ist zu spüren, wenn er über Basketball im Allgemeinen, das Medi-Team im Speziellen und seine Arbeit spricht. Dann weiten sich seine Pupillen, er streckt den Rücken durch und fixiert seinen Gesprächspartner. Dass er im Gegensatz zu Korner seinen Vertrag noch nicht verlängert hat, liegt auch an seinem Feuer. Ob er eine neue Herausforderung annimmt, „darüber möchte ich mir noch gar keine Gedanken machen, denn das raubt mir den Fokus“. Dabei hat er nie einen Hehl daraus gemacht, einmal Cheftrainer einer Profi-Mannschaft werden zu wollen. Zutrauen würde er sich den nächsten Schritt. Aber jetzt schon? „Ich weiß natürlich, was ich an dem Job hier und an der Zusammenarbeit mit Raoul habe. Das ist vielleicht die beste Assistenten-Stelle in ganz Deutschland“, sagt er ohne eine Miene zu verziehen. Außerdem gibt es in Bayreuth Perspektiven. Eine sehr bedeutende zeigt ihm sein Chef auf: „Ich wünsche mir, dass er hier in Bayreuth irgendwann einmal meine Nachfolge antritt“, sagt Korner. „Das Zeug zum Headcoach hat er.“

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