Künstler widmen sich ihren"Wurzeln"

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Bin ich noch ich selbst? Oder habe ich mich von meinem Ursprung entfremdet? Es sind uralte Menschheitsfragen, die sich hinter dem Begriff „Wurzeln“ auftun.

Die ausstellenden Künstler loten den Spielraum zwischen Entwurzelt- und Verwurzelt-Sein aus. Fragen nach dem, was für sie und andere Heimat bedeutet. Zeigen konkret Bäume und Pflanzen in Fotografien, Gemälden und mittels Faden und Papier. Bis auf wenige Ausnahmen bewegt sich die 39. Internationale Kunstausstellung auf einem durchweg hohen Niveau.

Tagebuchseiten aus Porzellan

Am herausragendsten ist wohl die Rauminstallation von Christiane Towe im Kulturzentrum St. Gangolf. Die Künstlerin erzählt in ihrer Arbeit, die den Titel „Mare Nostrum“ trägt, auf Tagebuchblättern aus Porzellan die fiktive Geschichte eines Flüchtlings. Über das Mittelmeer kommend, hofft er auf ein neues Leben, aber die Reise in eine bessere Zukunft wird jäh unterbrochen, das Boot kentert. Auf den dünnen Blättern der Bodeninstallation sind persische Schriftzeichen zu erkennen. Die letzten Seiten des Tagebuchs bleiben leer.

Raubt uns die Digitalisierung die Lebenskraft?

Von oben scheint bläuliches LED-Licht auf die Installation, das sich wellenförmig über sie hinweg bewegt. Mare Nostrum nannte sich auch die Unternehmung der italienischen Marine und Küstenwache, in Seenot geratene zu retten und die Schleuser zu stellen. Die Operation endete im Oktober 2014 und was folgte, war Triton – die Sicherung der EU-Außengrenze vor illegaler Einwanderung. Den Blick auf sich zieht auch das Triptychon „Invasion no.2“ von Vicky Reindl aus Roßtal. Drei hochformatige Fotografien zeigen unterschiedliche, bandagierte Torsi. An vier Stellen wachsen aus der weißen Wand rote Schläuche. Diese Kanülen sollen gleichsam als Kabel verstanden werden, die dem Menschen aufgrund der allgegenwärtigen Digitalisierung die Lebenskraft entziehen.

Mit Witz haben Melissa Chelmis aus Bremen („Heimat in mir“) und Liane Deffert aus Wittlich („Durchwachsen II“) das Wurzel-Thema umgesetzt: Die eine als Installation von sechs Briefkästen, von denen einer ein Geheimnis birgt. Die andere schuf Steine aus Keramik, die mit grünen Adern aus Filz durchzogen sind.

Mit Nadel und Faden auf Papier

Im Wittauerhaus stechen vor allem Michaela Schwarzmanns Papierarbeiten hervor. Im Fenster hängen je fünf Blätter übereinander wie zwei Fahnen. Die Variationen der „Wegwarte“ schimmern durchsichtig im Licht, die Konturen hat die Eggolsheimerin mit Faden nachgestickt. Ähnlich verfährt sie mit „Verwurzelt“, vier quadratische Bilder in der gleichen Fadentechnik, die unterschiedliches Wurzelwerk abbilden. Peter Schoppel aus Gundelsheim bearbeitete leere CDs – mit Silberstift, Bleistift, Tusche oder Papier, was markante „Überschreibungen“ hinterlässt.

Harald Burger wiederum gelingt es, mit Acrylfarben eine Struktur zu schaffen, die an die verkrustete Rinde eines Baumes erinnert. Er will das Spannungsfeld zwischen Werden und Vergehen abbilden und sagt über Wurzeln: „Sie können übersehen, vernachlässigt, verdrängt, negiert, verachtet, verklärt oder auch als nur schön empfunden werden.“

Preisträger bekommen Einzelausstellungen

Burger gehört wie Michaela Schwarzmann und Christiane Towe, Eva-Maria Weber-Roth – Familienfotoprints auf Keramik – und Anna Kirsch zu den Preisträgern, denen die Hollfelder Kulturfreunde traditionell die folgenden Quartalsausstellungen widmen. So sind Arbeiten des Kulmbacher Künstlers Harald Burger ab dem 11. August im Ideenhaus in der Eiergasse zu sehen. Mit Cornelia Morsch und Fritz Föttinger sind zudem weitere einheimische Künstler bei der Ausstellung mit Einreichungen aus dem ganzen Bundesgebiet vertreten. Überhaupt ist die Vielfalt beachtlich: Collagen, Fotografien, Zeichnungen, Installationen, Textilien.

Nicht zuletzt passt das Thema zum 1000-jährigen Jubiläum Hollfelds. „Lädt es doch dazu ein, dass wir uns mit unseren Wurzeln auseinandersetzen, uns ihrer bewusst werden“, schreibt Barbara Pitter, Vorsitzende der Kulturfreunde, im Katalog zur Ausstellung. „Wie auch immer sich die Arbeit den Betrachtern zeigt, es sind spannende Exponate entstanden, die zum Nachdenken anregen.“

Info: Die Schau im Kulturzentrum St. Gangolf und im Wittauerhaus dauert bis 20. August und ist täglich von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

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