Kunst und Angst

Es hängen nun also neue Bilder im Kunstmuseum, was an sich keine Überraschung ist. Es sind gute Zeichnungen, ein, zweimal sogar verblüffend gute Zeichnungen, aber mit Sicherheit nicht das Beste, das Genialste, das Teuerste, was jemals im Kunstmuseum in Bayreuth zu sehen gewesen ist.

Es sind trotzdem besondere Bilder, was dem unvorbereiteten, zufälligen Besucher schon beim ersten Blick auf die Vernissage klar geworden wäre. So viele Gäste sind selten, vor allem am Nachmittag, wenn’s vorsichtshalber noch keinen Sekt gibt.

Die Besonderheit der Zeichnungen liegt in ihrer Geschichte.

Die Bilder zeigen oft Menschen. Selten im Profil, öfter im Halbprofil oder direkt von vorn. Sie zeigen Tiere. Und Blüten. Einmal erkennt man Jim Morrison, den charismatischen Sänger der Doors. Ein anderes Mal blickt einen Michael Altmann verschmitzt an, der im vergangenen Jahr verstorbene Altstar der Luisenburg-Festspiele. Die Zeichnungen zeigen, darauf werden wir noch zurückkommen, das, was gerade zur Hand war. Aber sie wirken auch wie lauter kleine Äußerungen dazu, wie man sich ein Leben vorstellen könnte: frei, von Schönheit umgeben, mit Menschen, die einem zuhören. Mit Sinn für etwas so Nebensächliches wie Kunst.

Eine Bereicherung

Drei junge Menschen haben die Bilder gezeichnet, mit Bleistift, mit Pastellkreide, mit Tinte. Sie haben an einem Projekt des Kunstmuseums teilgenommen und heißen Atena Hasani, Alireza Moradi und Rahmadin Emami. Ihre Geschichte denkt man mit, wenn man die Bilder betrachtet. Die Drei stammen aus Afghanistan, sie sind vor Krieg und Elend geflohen und fühlen sich ganz gut angekommen in Deutschland. Und weil sie da nicht die einzigen sind, weil viele Menschen in Bayreuth bestätigen, dass die Drei eine „Bereicherung“ wären – das hört man bei den Ansprachen – könnte mit dieser Vernissage alles gut sein.

Das ist es nicht.

Genauer gesagt sieht es nur für Atena gut aus. Sie ist vor einem Jahr mit ihrer Mutter gekommen. Sie darf sich Hoffnungen machen, dass sie bleiben darf. Doch die Chancen von Alireza und Rahmadin sind mäßig. Die Anhörung ging schlecht aus, ein Anwalt erwirkte immerhin eine neue Chance. Aber: Zur Zeit sind sie verunsichert. Zwei schmale junge Burschen, Rahmadin ist schmächtig zu nennen. Er lächelt schüchtern, wenn man ihn anspricht. Als Automechaniker habe er gearbeitet, das wolle er auch hier, sagt er. Das – und Künstler sein.

Von Abschiebung bedroht

Dass er stolz sei auf seine Bilder sagt auch Alireza. Er hat erst in seiner alten Heimat, dann im Iran  „Teppiche geknüpft und Hosen genäht“. Dass er zeichnen kann, wusste er schon vor dem Kunstmuseumsprojekt, das „Bürger von hier, da und dort“ heißt. Alireza kam schon mit einer Mappe voll Zeichnungen an. Wie Rahmadin auch ist er immer wieder zu Gast im Iwalewahaus, dort zeichnen die beiden nicht, dort arbeiten sie mit Materialien, mit Fotos, mit Licht.

Ein Mann von der Landesstelle für Nichtstaatliche Museen ist da. Er sagt, dass es solche Kunst- und Integrationsprojekte schon gebe. In den Metropolen. In Städten wie Bayreuth sei das selten. Im Kurs hat sich Hannelore Schwoerer-Buck um die jungen Leute gekümmert, auch um Atena, die weiß, dass es eine griechische Göttin gibt, deren Name sich so ähnlich anhört wie der ihre. Sie lacht. Damit aber habe ihr Name nichts zu tun. „Aufgeregt“ sei sie, das sagt sie bei der Vernissage, „aber ich freue mich über die vielen Menschen.“

 Braucht Deutschland kein Talent?

Hannelore Schwoerer-Buck steht dabei und hilft beim Gespräch. Deutsch ist schwierig, und ein Jahr nicht besonders viel Zeit. Schwoerer-Buck ist Kunsterzieherin am Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium gewesen. Bis zu ihrem Ruhestand. „Und jetzt bin ich’s wieder.“ Eine Doppelstunde hat sie die Afghanen unterrichtet, jede Woche, „die jungen Leute haben Ausdauer und Talent bewiesen. Und dass sie genau hinsehen.“ Ein Auge sollten die Drei als erstes zeichnen. Eine so überschaubare wie schwierige Aufgabe, weil sich im Blick das Wesen eines Menschen konzentriert. Die Künstler arbeiteten nicht mit Modellen, sie zeichneten Fotos ab.

Man kann Jim Morrison gut finden, ohne ihn zu kennen

Rahmadin kennt Jim Morrison nicht, auch nicht die Doors. Aber das Foto scheint ihm gefallen zu haben. Ihre Schüler seien so diszipliniert, sagt Schwoerer-Buck. „Kann es sein, dass man unbescholtene, begabte junge Menschen wegschickt?“ Es kann sein, Afghanistan ist angeblich ein sicheres Land.

Von Alireza stammt eine Tuschezeichnung. Eine surreale Schreibtischlandschaft. Bleistifte, lange, kurze, dicke, dünne, stehen um ein Buch herum, auf dem ein Galgen steht. Ihnen allen ist die Mine abgebrochen, sie sehen aus wie entseelt. Vom Galgen wiederum baumelt  ein Bleistift, er allerdings noch mit Mine.

„So ist das“, sagt Alireza. „So ist das in Afghanistan.“ Seine Bilder will er in Bayreuth lassen, falls er gehen muss. "In Afghanistan werden die mir weggenommen."

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