Kulturpreis für Klenner-Otto

Man soll ja nicht unterschätzen, welch sensible Seele im Körper eines Rockers hausen kann. Stephan Klenner-Otto (55) weiß das am Beispiel einiger Musiker zu erläutern; an Ritchie Blackmore etwa, dem Gitarristen von Deep Purple und Gründer von Rainbow, der schon als Rockmusiker gerne Ausflüge in die Klassik unternahm und nun die Mittelalterfreunde beglückt, mit filigranen Klängen von höchster handwerklicher Qualität. „Wie fein der spielt“, sagt Klenner-Otto, „da merkt man einfach, dass der das richtig gelernt hat. Braucht mir doch niemand erzählen, dass die nicht an der Klassik geschult sind.“

Es sind Feststellungen, die auch auf den Neudrossenfelder selber zutreffen. Ein Rocker, aber einer mit Ausbildung. Einer, der virtuos aufspielt, es auch mal richtig krachen lässt, insgesamt aber über die Jahre zu einem Meister fein ziselierter Kunst reift. Weswegen er auch demnächst den Kulturpreis der Oberfrankenstiftung erhalten wird. Als „tragende Säule des Kulturschaffens in Oberfranken“ – so hatte Neudrossenfelds Bürgermeister Hübner seinen Vorschlag begründet. Liebhaber der Grafik schätzen Klenner-Otto nicht so sehr für seine Funktion als Kulturschaffensträger, sondern für seine feinen Zeichnungen, Stiche und Radierungen, die dem Betrachter Geschichten erzählen. Kurz: Die einem was sagen.

Peter Hofmann als Überraschungsgast

Da gerade von Grafik die Rede war, muss man das mit dem Rocker noch ein bisschen erklären. Es hängt damit zusammen, das Klenner-Otto und seine Frau Ingrid auch mal in der Nähe von Stuttgart lebten. Und dass der gelernte Grafiker sich irgendwann als Gitarrist auf die Rockmusik konzentrierte. Konzerte spielte, ein Tonstudio einrichtete, mit Bands durch die Lande reiste. Partys feierte. Und womöglich sogar einen Trend auslöste, damals in Bayreuth, als seine Band im Club „Harlekin“ probte. Und als auf einmal ein blonder Hüne in der Tür stand und fragte, ob er mitsingen dürfe: Festspiel-Sänger Peter Hofmann. „Vielleicht ist ihm ja bei uns die Idee gekommen, in die Rockmusik einzusteigen“, sagt Klenner-Otto und lacht.

Rockmusiker werden ab einem gewissen Zeitpunkt sehr schnell alt. Und Klenner-Otto sah irgendwann ein, dass in der Musik kein Geld zu verdienen sei – „es gab keinen unter uns, der was von Geschäften verstand“ – und konzentrierte sich auf das, was er wirklich kann. Zeichnen, radieren, illustrieren. Bücher vor allem. „Das ist so direkt. Man liest eine Geschichte, und vom Kopf geht’s in die Hand, und von dort aus sofort aufs Papier.“

Schüler von Rauh

Klenner-Otto lernte bei einem Großen und doch halb Vergessenen. Bei dem Kulmbacher Grafiker Caspar Walter Rauh, der ein Universum skurriler Gestalten in surrealen Landschaften schuf. „Ich mache kein Hehl daraus, dass ich mich in derselben Tradition des Phantastischen bewege. Auch, wenn es viele Leute als überkommen und altmodisch ansehen.“ Er ist nicht nur Schüler von Rauh, er geht auch seine Wege weiter. In zahlreichen Ausstellungen in der Umgebung, aber auch in großen Städten, etwa Dublin, Berlin, Budapest und St. Petersburg.

Vor allem Literatur bebildert der Neudrossenfelder, Goethe, E.T.A. Hoffmann, besonders gern Jean Paul, dessen Phantasie-Blüten Klenner-Otto kongenial in feinstes Gestrichel zu übersetzen weiß. „Ich habe mich spät ernsthaft mit Jean Paul auseinandergesetzt.“ Jean Paul? Phantastisch, versponnen, verspielt, verschwurbelt auch manchmal, klar, kein Autor, mit dem ein junger Mensch gut zurechtkommen muss. „Ich habe ihn mir erst später übers Zeichnen angeeignet. Bei der Lektüre entstehen Bilder, und die müssen raus.“ Nicht zuletzt müssen diese Bilder in die bibliophilen Ausgaben des Bayreuther Liebhabervon Bear Press.

Einerseits ist Klenner-Otto „kein oberfränkischer Patriot“. Andererseits schätzt er seine Heimat, „weil ich ihre Vorzüge sehe: das Kulinarische, die Landschaft, die Gemütlichkeit, die allerdings umschlagen kann in ein ,das haben wir immer so gemacht, da müssen wir nichts anderes probieren’.“

Manchmal hat sein Leben etwas von Jean Pauls genügsamen Schulmeisterlein Wutz, der sich die Bücher, die er sich nicht leisten kann, selber schreibt. In Neudrossenfeld zeichnet Klenner-Otto sich seine Welt, so wie sie ihm gefällt. In ihrem Häuschen sitzen die Klenner-Ottos abends oft und hören gar nicht mal immer Rock, sondern auch Brahms, Dvorak und Mendelssohn Bartholdy. Dass er dann der Welt auch mal verloren erscheint, macht ihm nichts: „Ich könnte auch auf dem Mond sitzen. Dank des Internets ist für meinen Beruf völlig unerheblich, wo ich sitze.“

Hauptsache, die Phantasie ist dank ihrer Flügelchen mobil.

Nicht bewertet

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