Krisen, Scheinriesen und schwarze Löcher

Viele Zuschauer kennen sein Gesicht von den ARD-Börsennachrichten. Dax, MDax, Gold oder die Geldpolitik der Notenbanken – Markus Gürne berichtet regelmäßig aus der Frankfurter Börse. Die Finanzmärkte sind auch ein Thema an diesem Tag, doch längst nicht das einzige.

Gürne nimmt die etwa 130 Unternehmer und Führungskräfte, die zu den Praktikertagen von Helfrecht nach Bad Alexandersbad gekommen sind, mit auf eine Reise zu den globalen Machtzentren und Krisenherden. „Blicken Sie aus einem anderen Winkel auf die Welt“, rät er dem Publikum. 

Briten leben in der Vergangenheit

Der 46-Jährige, der Rechtswissenschaften, Politikwissenschaften und allgemeine Rhetorik studierte, hat viel Erfahrung in seiner journalistischen Karriere gesammelt. Für die ARD berichtete er aus Neu-Delhi über Südasien und er war Sonderkorrespondent für den Irak. Er wurde beschossen, fuhr auf Minen und war in Geiselhaft. 

Sein Parforceritt durch die Weltpolitik und -wirtschaft beginnt in Großbritannien. Das große Problem der Briten ist es nach Ansicht des Referenten, dass sie in der Vergangenheit leben. „Sie glauben, sie seien immer noch ein Empire.“ Ihr Ausstieg aus der EU erfolge nicht aus einer Position der Stärke. Vor allem die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs habe abgesehen vom Finanzsektor wenig zu bieten. Ein harter Brexit würde deshalb den Menschen auf der Insel mehr schaden als den Kontinentaleuropäern.

Italien ist ein schwarzes Loch

Über Italien wird nicht so viel geredet wie über Frankreich, das vom charismatischen Präsidenten Emmanuel Macron geführt wird. Doch aus dem Süden der EU droht Ungemach. „Italien ist ein schwarzes Loch“, zeigt sich Gürne besorgt.

Er listet die wesentlichen Probleme auf: hohe Staatsverschuldung, eine lahmende Wirtschaft und angeschlagene Banken. Derzeit halte die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank das Land über Wasser.

Der ARD-Journalist befürchtet, dass Macrons Vorstellungen, sollten sie in die Tat umgesetzt werden, zu Euro-Bonds führen werden. Diese würden zwar nicht so genannt werden, aber genau so konstruiert sein.

Deutsche tun sich schwer

Euro-Bonds sind Anleihen, für die alle Mitglieder der Währungsunion gemeinsam haften. Die Bundesregierung hat eine solche Gemeinschaftshaftung bislang stets abgelehnt. Doch nun habe der französische Präsident den Takt vorgegeben und ein „Preisschild“ auf das gemeinsame Europa geklebt, macht Gürne deutlich, dass sich jetzt auch die deutsche Politik bewegen muss. 

Die Deutschen täten sich generell schwer, ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen klar zu definieren und ebenso deutlich zu kommunizieren, bemängelt Gürne. Ganz im Gegensatz zu den USA oder China.

Wie strategisch die Amerikaner denken, verdeutlicht er an einem Gespräch mit dem früheren CIA-Direktor und Vier-Sterne-General David Petraeus. Dieser hatte auf die Frage, warum sich die Vereinigten Staaten nicht stärker militärisch in Syrien engagierten, lapidar geantwortet: „Schau mal auf die Weltkarte. Das ist euer Krieg, nicht unserer.“ Europa sei an diesem Krisenherd viel dichter dran als die USA. 

Auf offene Märkte angewiesen

Deutschland sei als Exportnation wie kaum ein anderes Land auf offene Märkte angewiesen, betont Gürne. Und auf stabile Beziehungen zu seinen europäischen Nachbarn, die wichtige Handelspartner seien.

Es sei damit zu rechnen, dass China und die USA ihre Märkte künftig stärker schützen. Die exportorientierte deutsche Wirtschaft müsse sich dann nach Alternativen umsehen. Indien hält Gürne für „hochinteressant“. Das deutsche duale Ausbildungssystem ist für ihn ein Exportschlager.

Deutschland könne damit den Indern helfen, sich durch eine fundierte Ausbildung für die breite Bevölkerung wirtschaftlich enorm weiterzuentwickeln. Denn: „Indien braucht Jobs, Jobs, Jobs.“ Im Gegenzug könnten deutsche Unternehmen besseren Zugang zu lukrativen Märkten auf dem Subkontinent erhalten.

Iran mit viel Potenzial

Auch der Iran hat nach Einschätzung des Redners viel Potenzial. Für deutsche Unternehmen, gerade auch für Banken, seien Geschäfte dort allerdings schwierig, weil ihnen Sanktionen seitens der USA drohen, die den Iran als einen ihrer Hauptfeinde ansehen.

Ein Unternehmer will von Gürne wissen, ob Russland nicht in Wirklichkeit ein Scheinriese sei. „Jein“, lautet dessen Antwort. Einerseits habe Russland ein Riesenproblem. „Das Land hat es nie geschafft, sich wirtschaftlich abzukoppeln von Öl und Gas.“ Deshalb brauche es Europa dringend als Absatzmarkt. Andererseits sei Russland eine Regionalmacht, die immer wieder ihre Stärke demonstriere.

Das Regime von Kreml-Chef Putin stößt bei vielen Europäern auf Kritik. Gürne empfiehlt aber einen nüchternen Blick auf die Dinge. Alles sei eine Frage der Perspektive.

Mehr in Aktien investieren

Wenn die Ukraine sich auf dem Weg Richtung EU oder gar die Nato mache, dann überrasche es nicht, dass Russland seine Sicherheitsinteressen bedroht sehe. Die Vorstellung, dass etwa US-Soldaten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew stationiert werden könnten, sei für die Russen nicht akzeptabel. „Russland sieht die Ukraine als Pufferstaat“, sagt der Leiter der ARD-Börsenredaktion.

Schließlich lenkt er das Gespräch auf das Thema Finanzmärkte. „Die Börse ist ja auch ein Krisengebiet.“ Gürne attestiert den Deutschen eine schlechte Finanzbildung. Für ihn ist es unverständlich, warum nicht mehr Bürger in Aktien investieren.

Die Produkte der deutschen Unternehmen seien in aller Welt gefragt, aber von den Erfolgen profitiere die heimische Bevölkerung viel zu wenig – etwa in punkto Dividende. Von den Milliarden, die Dax-Konzerne an ihre Anteilseigner ausschütten, gehe der Großteil an Investoren aus dem Ausland. 

Die Irmgard im Nürnberger Land

Als ARD-Börsenchef sieht der 46-Jährige Aufklärung als seine Pflicht an. Nicht nur, was Aktienmärkte angeht. Sein Ziel sei es, wirtschaftliche Ereignisse und ihre Auswirkungen auf die Finanzmärkte so zu erklären, dass auch „die Irmgard im Nürnberger Land“ die Zusammenhänge versteht.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06