Klingsor und Amfortas werden eins

Eine gute Andacht! Das wünschen Wagnerianer in Bayreuth einander vor dem „Parsifal“ – verstehen Sie die geradezu religiöse Ehrfurcht, die das Stück vielen einflößt?

Jakob Peters-Messer: Es kommt darauf an, wie man‘s versteht. Ich finde schon, dass der „Parsifal“ spirituell ist. Es geht um Wege der Erkenntnis und der Selbsterkenntnis, es geht um die Suche nach dem Gral. Und der Weg dorthin ist sicherlich ein spiritueller Weg.   Allerdings glaube ich auch, dass Wagner uns ab und an auf falsche Fährten lockt. Was da vor allem am Ende des 1. Akts gezeigt wird, ist nicht so sehr Religion, es ist vielmehr ein Ritus, der nicht mehr funktioniert, der krank ist. Das Symbol dafür ist die Wunde des Amfortas, die damit zusammenhängt, dass er ein sexuelles Abenteuer gehabt hat.  Frauen und  Sexualität sind aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen. Das Weihevolle der heiligen Handlung und die musikalischen Mittel Wagners führen uns da vielleicht auf die falsche Fährte. Auf der anderen Seite ist da natürlich der 3. Akt, in der eine neue Form des Bewusstseins offenbar wird, die Verwandlung der Natur im Karfreitagszauber, ein Heilungsvorgang, der auch die Gegensätze etwa zwischen Mann und Frau aufhebt.

"Die Heilung der Gegensätze"

Wollte Wagner eine neue Religion gründen?

Peters-Messer: Es spricht zwar einiges dafür, die Ideen Wagners von einer Kunstreligion etwa. Er war der Meinung, dass die Musik und die Kunst die Inhalte der Religion zu neuem Leben wecken könnten. Es geht also nicht um die Gründung einer Religion. Er dachte vielleicht eher pantheistisch, hatte diese Vorstellung vom Einswerden mit  der Welt. Er hat sich auch stark mit dem Buddhismus beschäftigt, bei dem das Mitleiden mit Menschen, Natur und Tieren wichtig ist. Das sind simple und einfache Aufforderungen. Und das ist es, was Wagner unter Religiosität versteht. Das ist was anderes als die Gründung einer neuen Religion oder eines neuen Ritus.  Das Neue drücken die Musik und die Verschlingung der Stimmen zum Ende hin aus: Die Heilung der Gegensätze.

"Es muss keinen Jesus geben"

 Und sie verheißen „Erlösung dem Erlöser“:

Peters-Messer: Ja. Es muss keinen Jesus mehr geben, der die Schuld der Menschen auf sich nimmt. Es muss keinen Heiland mehr geben, der blutet. Nein, wir alle werden bessere Menschen, und so bedürfen wir der Erlösung nicht mehr. Dieser Satz ist auch schon interpretiert worden als Erlösung Jesu von seinen jüdischen Wurzeln. Aber der Aspekt, der uns anspricht, in einer Zeit, die  Religion nicht mehr kennt, die aber nach Wegen zu dem sucht, was außerhalb unserer Welt ist: Diesen Aspekt fand ich interessanter als neue Diskussionen über Wagners Antisemitismus.

Der zweifelsfrei drastisch war, sich aber doch nicht in den Werken niedergeschlagen hat.

Peters-Messer: Und doch wird sein Antisemitismus immer auch auf seine Figuren projiziert. Eben auch auf die Kundry. Sie ist im Grunde die Jüdin, die getauft wird und dann das tut, was Juden für Wagner angeblich am besten tun sollten: sterben. Aber dazu ist das Stück zu groß, zu vielschichtig. Ich habe mich durch Berge von Literatur gearbeitet. Das ist übrigens das Hauptproblem bei Wagner: Man muss erst mal eine eigene Haltung und einen Zugang zu seinen Werken finden. Das ist kompliziert. Danach aber ist die Inszenierung kein Problem mehr.

"Nur die übliche Reduzierung"

Viel Handlung hat der „Parsifal“ nicht gerade.

Peters-Messer: Richtig. Wenn man sich diese langen Erzählungen, diese großen Textflächen in verschiedene Situationen aufteilt, dann verlieren diese Passagen ihre Längen. Gurnemanz läuft in seiner langen Erzählung durch verschiedene Situationen. Und wenn man das im Auge behält, dann verliert diese Passage auch das Statische. Auf einer kleinen Bühne ist es ohnehin einfacher. Mann hängt viel leichter an Lippen der Darsteller, vor allem dann, wenn sie gut prononcieren.

Der beschränkte Raum in Coburg hat auch Nachteile. Stichwort Orchester.

Peters-Messer: Im Grunde machen wir nichts anderes als die übliche Reduzierung, die alle kleinen und mittleren Theater vornehmen. Die Bläser reduzieren wir von Vier- auf Dreistimmigkeit. Ansonsten sind alle Instrumente da. Gut, wir haben keine 70 Streicher wie in Bayreuth, aber 30. Man kann nicht sagen, dass das eine totale Eindampfung wäre.

Und welche Gralsglocken werden bei Ihnen erklingen?

Peters-Messer: Gralsglocken wurden uns sogar aus Bayreuth angeboten. Ganz reizend war das. Wir haben das angehört, unser Dirigent Roland Kluttig fand’s in unserem Raum aber nicht so überzeugend. Nun kommt der Klang vom Synthesizer.

Ich habe schon mit Physikern über diesen Satz gesprochen: Zum Raum wird hier die Zeit. Wie interpretieren Sie dieses Gurnemanz-Rätsel?

Peters-Messer: Ich sehe das naiv. Parsifal fragt: „Wer ist der Gral?“ Und Gurnemanz antwortet: „Das sagt sich nicht.“ Und dann: „Kein Weg führt zu ihm durch das Land,und niemand könnte ihn beschreiten, den er nicht selber möcht' geleiten.“ Das ist ein Hinweis, wie Wagner den Raum verstehen wollte. Nicht konkret, aber keinesfalls gänzlich abstrakt. Ich bin also von seiner Kunstreligion ausgegangen. Ich habe an eine Rauminstallation gedacht, bin viel in Museen gegangen und habe verschiedene Raumkonzepte gefunden. Im Grunde kann man sich unsere Bühne als eine begehbare Installation vorstellen, einen großen, dunklen, geradezu unterirdisch wirkenden Raum, der auch ein Großraumbüro sein könnte. Und hinten, in der Ecke, ist die Decke heruntergebrochen. Dort, wo das Licht hereinfällt, könnte man sich den Gral vorstellen. Ich arbeite mit einem Bühnenbildner zusammen, der auch Lichtdesigner ist.

"Die Blumenmädchen waren Wagners Obsession"

Lauter Männer, eine Frau, die nur schlafen will, ein paar andere Frauen, die sich unverblümt anbieten – als Blumenmädchen. Was sagt das über Wagners Frauenbild aus?

Peters-Messer: Ich weiß nicht, ob das was über Wagners Frauenbild aussagt. Aber zumindest die Blumenmädchen waren eine regelrechte Obsession. Die hat er sich bei den Vorstellungen in Bayreuth immer besonders gern angeschaut.

Kundry ist gleichberechtigt

Eines der Uraufführungs-Blumenmädchen, Carrie Pringle, scheint ihn sogar regelrecht bezirzt zu haben. Noch kurz vor seinem Tode stritt er sich mit Cosima. Wegen ihr…

Peters-Messer: Ja, da war er besessen. „Parsifal“ bildet aber nicht unmittelbar sein Frauenbild ab. Er zeigt eine Welt, die Frauen ausschließt oder lediglich als Sexobjekte betrachtet. Ich habe auch versucht, das in meiner Inszenierung dazustellen. Es sind Kindfrauen, die ihn verführen wollen, „in anmutigem Kinderspiele“, wie es in der Regieanweisung heißt. Aber es ist auch etwas Krankes dabei. Andererseits sind es ja auch Zauber- und Verführungsgeschöpfe. Im 3. Akt versuche ich, die Verwandlung der Kundry und auch der Kindfrauen im Karfreitagszauber ins Bild zu bringen. Es ist ein eigenartiges Frauenbild, aber es bildet Wagners eigene Probleme und Schuldgefühle ab, wegen all dem, was für ihn mit Sexualität zu tun hat. Er hat versucht, das für sich zu lösen. Ob ihm das es gelungen ist, ist eine andere Frage. Ich habe jedenfalls versucht, die Figur der Kundry und der Blumenmädchen aufzuwerten. Kundry spricht im 3. Akt zunächst nicht viel. Sie ist aber im Kopf weiter als möglicherweise auch Parsifal und Gurnemanz. Und wenn Kundry dann spricht: „Dienen… dienen“ – dann darf man das nicht falsch verstehen. Das ist vorzutragen wie eine Entscheidung, wie eine selbstbewusste Entscheidung, ohne jede  falsche Servilität.  Gurnemanz plappert, Parsifal ist sehr stark mit sich beschäftigt, und Kundry spricht zwar kaum, wirkt aber dennoch als Figur gleichberechtigt. Sie ist diejenige, die in die Zukunft denken kann, die anschiebt.

Nachdem sie Parsifal im zweiten Akt in der Gestalt der Mutter hatte verführen wollen.

Peters-Messer: Das ist bewusst krass, eine Klischeenummer. Wie sie die Gefühle in ihm weckt, die ein Kind der Mutter gegenüber haben mag, und dann verwandelt sich die Liebe in Erotik – das ist eine perfide Technik, die sie anwendet. Wenn man die Blumenmädchen als Kindfrauen sieht, ergibt sich diese Szene ganz logisch. 

Klingsor und Amfortas in einem Sänger

Wie sehen Sie den Klingsor, den dunklen Bruder des Amfortas?

Peters-Messer: Ja, dunkler Bruder, das trifft es ganz genau. Wir haben einen Sänger, der beide Rollen singt. Es sind beide Verwundete, beide haben sie sich ihre Wunden im Bereich der Sexualität zugezogen, insofern ist da eine eigenartige Verwandschaft. Dadurch, dass wir beide Rollen mit einem Sänger besetzten, haben wir im zweiten Akt die Verwandlung von Klingsor in Amfortas und zurück. Und das eingebunden in die Erzählung der Kundry. Das ist eine Interpretation, klar. Mir hat sie auch geholfen, die Erzählung von Kundry in eine Handlung aufbrechen zu können.

Haben Sie sich den „Parsifal“ in Bayreuth angesehen?

Peters-Messer: Ich habe Uwe Eric Laufenbergs „Parsifal“ in Bayreuth nicht gesehen, aber den von Schlingensief und den von Herheim. Und ich hab einiges drüber gelesen.

Ein langer Weg

Sie haben eine Riesen-Bandbreite, mit einem Schwerpunkt auf dem Barock. Von Wagner haben Sie den „Holländer“, „Tristan“ und die „Meistersinger“ inszeniert. Ist der „Parsifal“ ein Werk, für das man langsam reifen muss?

Peters-Messer: „Parsifal“ braucht eine lange Vorbereitung. „Meistersinger“, „Tristan“ und „Parsifal“ sind für mich die Kernwerke. Man braucht sehr lange, um einen Weg zu diesen Werken zu finden. Weil sie so offen sind und so wahnsinnig oft interpretiert worden sind. Ich versuche mich mich da frei zu machen. Uwe Eric (Laufenberg) kenne ich zwar recht gut, seinen „Parsifal“ habe ich mir aber genau deswegen nicht angesehen.

INFO: Premiere am 9. April, weitere Aufführungen am 13., 16., 23., 30. April, 18. und 25. Juni.

ZUR PERSON: Jakob Peters-Messer, geboren 1963 in Viersen am Niederrhein, war Regieassistent von Götz Friedrich und spezialisierte sich danach auf Neue Musik und Barockoper. Mittlerweile hat er sich auch das Repertoire der Klassik und vor allem der Romantik erschlossen – unter anderem mit Wagners „Meistersingern“, dem „Holländer“ und „Tristan und Isolde“, eine Produktion, die 2013 in den Niederlanden als „Oper des Jahres“ ausgezeichnet wurde.

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