Katharina Wagner zieht Bilanz

Sie haben für den 28. August zu einer Pressekonferenz geladen. Warum diesmal so spät?

Katharina Wagner: Die Frage, ob die „Parsifal“-Neuinszenierung religions- oder sogar islamkritisch sei, war monatelang Thema in den Medien. Das konnte man dementieren, wie man wollte, so wie es ja auch der Regisseur Uwe Eric Laufenberg oft genug getan hat – es nutzte nichts, die Frage kam immer wieder auf. Daraufhin haben wir hier zusammen beschlossen, dass es keinen Sinn macht, über Dinge zu diskutieren, die keiner gesehen hat. Jeder sollte zumindest die Chance haben, die Inszenierung gesehen zu haben. Sonst hätten wir einen Tag vor der Premiere wieder nur darüber diskutiert, ob da womöglich doch etwas islamkritisch sein könnte, ohne dass sich jemand ein eigenes Bild hätte machen können. Wir wollten lieber über Fakten als über Gerüchte reden.

Es könnte sein, dass da auch was anderes verkündet werden könnte – zum Beispiel der Plan für die nächsten drei Jahre.

Wagner: Sicherlich werden wir auch darüber sprechen. Aber viele Geheimnisse gibt es gar nicht. Kein Geheimnis ist, dass Barrie Kosky hier nächstes Jahr die „Meistersinger“ inszenieren wird. Gerüchteweise wird viel geredet, und vieles davon ist einfach falsch. Was die Geschäftsführung offiziell verkündet, das ist gültig.

"Ein absurdes Gerücht"

Es gehen tatsächlich sehr viele Gerüchte um, unter anderem diese: dass Ihr Nachfolger bereits Gewehr bei Fuß steht. Nikolaus Bachler, Intendant der Staatsoper in München, will Ihren Job. Oder auch, dass Christian Thielemann Herrn Nelsons vom Grünen Hügel vertrieben hätte.

Wagner: Wissen Sie, mittlerweile, und das fällt mir in diesem Sommer besonders auf, treten in zahlreichen Medien entweder die Formulierung „ein Insider, der nicht genannt werden will, sagte“ oder die Wendung „Gerüchte besagen“ vermehrt auf, und zwar anstatt einer gründlichen Recherche. Ich finde das bedauerlich und gleichzeitig peinlich. Zum Beispiel: Angeblich soll ich die Premiere des „Parsifal“ in einem Kino in München erlebt haben, obwohl ein gemeinsames Foto von der Festspieleröffnung mit Staatsministerin Grütters, der Regierungspräsidentin und der Oberbürgermeisterin belegt, dass ich in Bayreuth war. Ähnlich absurd ist ein Gerücht über einen fast 70-jährigen Mann, der mir angeblich den Job neiden soll. Manchmal kann man fast den Eindruck gewinnen, dass in dieser Spielzeit mehr Textzeilen auf Gerüchte und Spekulationen verwendet wurden als auf Fakten und die Kunst.

Dann fragen wir nach handfesteren Sachen. 2018 steht ein neuer „Lohengrin“ an, da wissen wir Dirigent und Ausstatter. Gibt’s beim „Ring“ schon was Neues? Dmitri Tcherniakov ist als Regisseur im Gespräch...

Wagner: Es sind viele Künstler im Gespräch. Bestätigt wird es dann, wenn die Verträge unterschrieben sind.

Etwa so wie im Fall Anna Netrebko?

Wagner: Ein sehr gutes Beispiel dafür. Die Festspielleitung hat lediglich bestätigt, mit Frau Netrebko in Gesprächen zu sein. Allein weil sie in Dresden unter Christian Thielemann die Elsa sang, wurde sofort spekuliert, dass sie dies 2018 auch in Bayreuth machen müsse. Das wurde jedoch nie gesagt. Wir sind weiterhin in Gesprächen.

Fernsehen und Festspiele ergänzen einander

Es fällt die starke Medienpräsenz auf. Die Festspiele auf Sky, die Premiere des „Parsifal“ nur leicht zeitverschoben im Kino, Livestreams, Rundfunk und noch ein Kunstfilm namens „Black Mountain“ – eine neue Strategie der Festspiele?

Wagner: So neu ist das nicht.

In dem Ausmaß schon.

Wagner: Es kam dieses Jahr Sky dazu. Aber sonst? Die Neuproduktion lief doch schon letztes Jahr im Kino.

Vergangenes Jahr gab es Ihren „Tristan“, die Neuinszenierung 2015, erst mit einer Woche Verspätung im Kino.

Wagner: Ja, das ist richtig. Aber der Wunsch des Kinopublikums gilt der Eröffnungsvorstellung – und diesem sind wir gern nachgekommen.

Wie waren denn Ihre Erfahrungen mit Sky?

Wagner: Gut.

Ein bisschen Klamauk war da schon dabei. Hat der Bezahlsender die Balance hinbekommen, zwischen Unterhaltung und Information?

Wagner: Sky hat mit dem Rahmenprogramm versucht, ein neues Format zu etablieren. Ein Programm, das sich natürlich auch an ein internationales und sehr unterschiedliches Publikum richtet, das die Verantwortlichen bei Sky natürlich besser kennen als ich. Ich glaube, dass die Interviews mit den Sängern ernsthafter Natur waren.

Bei Steigenberger auf dem Balkon waren dann die Sänger zu sehen, ein lustiges Treiben...

Wagner: Die Künstler wurden zum Interview eingeladen und haben sich augenscheinlich wohlgefühlt.

Nervt die Sänger das nicht?

Wagner: Ich hatte das Gefühl, dass sie das gern machen. Es wurde ja niemand gezwungen.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass man auch nicht mehr leibhaftig zum Grünen Hügel pilgern muss. Genau besehen kann man sich die Festspiele jetzt irgendwo anschauen, wo es gemütlicher ist. Zu Hause zum Beispiel, da sind die Sitze weicher, ein Bier kann man sich auch holen...

Wagner: Auch wenn viele denken, das kannibalisiert sich gegenseitig – das ist nicht der Fall. Im Gegenteil. Ich habe viele Kommentare gelesen, von Leuten, die „Parsifal“ im Kino, im Fernsehen oder live gesehen hatten, und die sprachen von sehr unterschiedlichen Eindrücken. Ist ja auch klar, wenn Sie etwas mit einer Kamera festhalten – wird das durch die Kameraführung fokussiert. Hier im Festspielhaus haben Sie einen anderen Blick, stets die Bühnentotale, und natürlich haben Sie zu Hause auf dem Sofa nicht diese akustischen Verhältnisse. Das weiß auch jeder. Wir reden von verschiedenen Erlebnisebenen. Darüber hinaus ist es ein Angebot an all diejenigen, die kein Ticket kaufen können oder verhindert sind, nach Bayreuth zu kommen. Zugleich kann man Interesse wecken und Lust auf einen Festspielbesuch machen. Insofern, glaube ich, ist das einfach eine schöne Ergänzung.

"Kurfristig vergebene Karten"

Es wurden nicht alle Karten verkauft, wie der kaufmännische Direktor Holger von Berg berichtet hat.

Wagner: Lassen Sie sich nicht von Überschriften täuschen. Herr von Berg sprach von weniger als vierzig nicht verkauften Karten – das sind gerade mal 0,07 Prozent aller verfügbaren Karten. Und dafür gibt es eine Erklärung: Diese wenigen nicht verkauften Karten sind meist sehr kurzfristig an die Tageskasse gegeben worden, zum Beispiel auch von nicht angereisten Pressevertretern.

Das schöne Live-Erlebnis mit Wagner gibt es in vielen Theatern. Wird Bayreuth zu sehr zum Event? Gut, Bayreuths tolle Akustik, der auratische Ort, den Wagner selbst für seine Werke geschaffen hat. Aber was ist denn Bayreuth sonst noch?

Wagner: Letztlich ist alles eine Frage der Qualität. Die musikalischen Leistungen wurden bis zu den kleinen Partien in diesem Jahr sowohl vom Publikum als auch vom Großteil der Presse qualitativ als erstrangig wahrgenommen. Wir haben in Bayreuth die Möglichkeit, selbst die kleinen Partien mit herausragenden Künstlern zu besetzen. Außerdem sind wir in der Regel in der komfortablen Situation, im Falle der Erkrankung eines Sängers einen anderen Spitzensänger des Fachs sofort fragen zu können. Denn welches andere Theater hat etwa Klaus Florian Vogt, Stephen Gould, Stefan Vinke, Andreas Schager, Christopher Ventris gleichzeitig vor Ort?

"Parsifal bleibt Parsifal"

Schager gab schon mal auf sehr gelungene Art und Weise als Einspringer für den erkrankten Klaus Florian Vogt seine Visitenkarte für die Titelrolle beim „Parsifal“ 2017 ab, stimmt. Ein Glücksfall war auch Hartmut Haenchen, ein  selbstbewusster Dirigent, der   mit seinem eigenen, akribisch recherchierten Notenmaterial ankam. Hatten Sie bis dahin geahnt, an wie vielen Stellen der „Parsifal“ die ganzen Jahre über falsch gespielt worden war?

Wagner: Durch seine tiefschürfenden und genauen Recherchen ist Maestro Haenchen zu einer Vielzahl neuer Erkenntnisse gekommen. Deshalb hat er, wie bei ihm üblich, sein eigenes Notenmaterial mitgebracht. Aber, um ihn selbst zu zitieren: „… ob ‚c‘ oder ‚cis‘ – ‚Parsifal‘ bleibt ‚Parsifal‘. Wir sollten das auch nicht überbewerten.“

Nun zählt nächstes Jahr wieder der Vertrag von Andris Nelsons, der ja nur für dieses Jahr ausgestiegen war. Wird also Nelsons im nächsten Jahr wieder am Pult stehen?

Wagner: Wir hatten uns mit ihm darauf geeinigt, dass wir das nicht weiter kommentieren werden. Und daran halten wir uns.

Kommentieren müssen Sie’s ja  auch nicht. Aber mit Hartmut Haenchen werden Sie darüber reden müssen.

Wagner: Sie werden es erfahren.

Wie sieht es mit der Begrüßung der Stadtvertreter aus? Kolportiert wird, dass die Festspiele und die Stadt einander spinnefeind seien.

Wagner: Ich glaube, weder die Stadt noch die Bayreuther Festspiele haben irgendein Interesse daran, nicht ordentlich zusammenzuarbeiten. Von unserer Seite aus kann ich das mit Sicherheit sagen, und für die Stadt würde ich auch meine Hand ins Feuer legen.

Wohin gehen die Festspiele in den nächsten Jahren? Sagen wir mal zum 150., im Jahre 2026.

Wagner: Sagen wir es mal allgemein: sie sollten sich weiterhin auf sehr hohem künstlerischen Niveau bewegen. Auch mit einem zeitgemäß angepassten Programm.

Gedankenspiele mit Markgräflichem Opernhaus

Auch im Markgräflichen Opernhaus?

Wagner: Überlegungen dazu kamen eher von der Schlösser- und Seenverwaltung. Es gibt Gespräche darüber, ob die Festspiele nicht technisch unterstützend tätig sein könnten. Herr Schreiber, der Präsident der Schlösserverwaltung, hat ein großes Interesse an unserem Knowhow, da müssen wir sehen, ob das geht. Das Markgräfliche Opernhaus besitzt durchaus eine inspirierende Ausstrahlung. Als Künstler liegen da Gedankenspiele nicht fern, ob vielleicht an diesem Ort auch ein zusätzliches, die Festspiele sinnvoll ergänzendes Programm möglich sein könnte.

"Die Beschwerden von Zuschauern nehmen wir ernst"

Bereits passiert ist heuer folgendes: Auch aufgrund der Gefahr durch Terror wurde ein Sicherheitskonzept eingeführt, das auf die Stimmung drückte. Wie nehmen Sie die Stimmung nun wahr?

Wagner: Das ist ganz unterschiedlich. Wenn Sie Künstler fragen, die an internationalen Häusern tätig sind: Diese sind es gewohnt, dass man halt mehrmals seinen Ausweis vorweisen muss. Das ist zum Beispiel in Japan noch viel strenger. Da muss man ein- und auschecken, alles wird digital erfasst, das war da vor zwanzig Jahren schon so. Hier bedeutete es eine Umstellung, weil es hier immer sehr locker gehandhabt worden war. Die Beschwerden von Zuschauern, etwa von gehbehinderten Zuschauern, nehmen wir sehr ernst. Da muss man sich etwas einfallen lassen.

Haben Sie so etwas überhaupt schon mal erlebt? Politikerabsagen in einem Moment der Krise?

Wagner: Damals, als die Concorde abgestürzt ist, gab es eine ähnliche Situation. Kurz nach Beginn der Vorstellung traf die Unglücksnachricht ein und selbstverständlich mussten daraufhin viele Politiker die Aufführung verlassen.

Wird am 28. auch Herr Thielemann dabei sein?

Wagner: Das nehme ich nicht an, Christian Thielemann ist bereits wieder mit Proben in Dresden beschäftigt.

Könnten Sie sagen, wie sich die Ernennung Christian Thielemanns als Musikdirektor bewährt hat? Nicht nur wegen der Geschichte mit Andris Nelsons, die – objektiv gesehen – nie aufzuklären sein wird.

Wagner: Der Vertrag wurde vor allem geschlossen, um für den Verhinderungsfall eines anderen Dirigenten mit Christian Thielemann einen ebenso erfahrenen wie großartigen Künstler verfügbar zu haben, der die musikalische Leitung sofort übernehmen könnte. Die Intention war, Ersatz auf höchstem künstlerischen Niveau zu haben.

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