Jazz im Opernhaus: Ein echtes Fest

Zugaben gehen zwar von der Freizeit ab, kommen aber den Künstlern dennoch gelegen – einfach als Kompliment. Michael Wollny weiß noch einen guten Grund für eine Verlängerung zu nennen. „Weil wir dann einfach noch länger dableiben dürfen, in diesem Haus hier“, sagt er mit raumgreifender Gebärde und blickt staunend hinauf, ins Gold und Blaugrün des Markgräflichen Opernhauses.

Das Haus spielt mit

Ja, Bayreuths Wunderhaus. Seit sechs Wochen ist es nun schon wiedereröffnet, doch mag man sich nicht sattsehen. Und so bleibt es ein Hauptdarsteller, egal, bei welchem Konzertereignis. Die Musik kann so gut sein wie sie nur mag. Und ist niemand ganz Ohr, sondern eben auch ziemlich viel Auge. Um sich in diesem Fall irgendwann zu wundern, wie drollig das aussieht: drei Musiker – einer am Flügel, der andere am Kontrabass, der dritte am Schlagzeug – vor der fast schon surrealen Schein-Architektur eines Pracht-Tempels im Barockstil. Ja, Wahnsinn, denkt man sich, gab’s denn damals schon Straßenmusiker? Das Haus ist eben dafür geschaffen: für Illusionen und Tagträumereien. Und für Feste. Wie dieses Jazz-Konzert mit dem Michael Wollny Trio, einer der aufregendsten Jazz-Combos Europas.

Mittelalter neben Avantgarde

Alban Berg neben Guillaume de Marchaut, ein Meister der Avantgarde des 20. Jahrhunderts neben einem des Mittelalters – unter den flinken Fingern Wollnys und seiner Mitstreiter wird aus jedem ein Ohrenschmeichler. Es ist schön und aufregend und beflügelnd, man will irgendwann gar nicht mehr forschen, warum genau, es ist einfach so: Die an sich schon sehr feine Musik klingt noch mal ein bisschen feiner, weil sie im Moment gerade in diesem unglaublichen Haus stattfindet. Die Akustik, so erweist sich erneut, ist großartig. Das Ambiente ohnehin. Und dann diese Musiker – viel besser kann es nicht werden.

Dabei gleichen die Sets einander vom Ablauf her. Michael Wollny, Bassist Christian Weber und Schlagzeuger Eric Schaefer frickeln im scheinbaren Chaos herum, es hört sich manchmal an wie bei der Probenpause einer undisziplinierten Band. Schließlich übernimmt einer der drei die Führung, und dann geht es ab, mal ruppig, mal sinnlich, aber stets virtuos und vor allem ohne Scheu vor Gattungsgrenzen. Pop, Klassik und Jazz mischen die Drei mit- und übereinander, sogar Filmmusik kommt vor: Michael Wollny spielt ziemlich am Ende etwas aus dem Film „Synecdoche, New York“, was sich fast schon kitschig, auf jeden Fall aber dann doch untypisch anhört. Stört aber nicht weiter, dank Wollnys Fähigkeit als Entertainer ist man auch in einem so großen Theater fast unter sich. Gut, dass sich die Rhythmen dann in der dritten oder gar schon vierten Zugabe wieder verschieben, Wollny die Tasten noch ein wenig extatischer und exaltierter bearbeitet: Die Musik des Trios lebt eben auch dank ihrer Kanten.

Federnd leichtes Schlagzeugspiel

Es lohnt sich, vor allem einem Mitspieler genauer zuzuhören. Wenn Michael Wollny aus einem an sich simplen Triller nach und nach einen Klangteppich webt, der das strahlende Licht des Hochgebirges verströmt, dann ist es sein Schlagzeuger, der nicht nur das Fundament legt, sondern Antwort gibt - und selber das Wort ergreift.

Eric Schaefer spielt federnd leicht, liefert auf überschaubarem Set - Basedrum, eine Tom, Snare, Hi-Hat, drei, vier Becken, Schellenkranz und Triangel - eine farbenreiche Vorstellung. Ein, zweimal lässt er’s gekonnt kesseln, meistens aber begnügt er sich mit Piano und Pianissimo. Schlagzeug, so zart gestreichelt, dass man Wilhelmines Ohrenschmuck hätte klimpern hören können: Wahnsinn.

Musica und Jazzforum haben mit diesem Konzert erstmals zusammengefunden. Für derlei Feste im barocken Haus dürfen die beiden sich ruhig öfter verabreden.

INFO: Die Musica wird am Mittwoch 6. Juni, mit Monteverdis „L’Orfeo“ fortgesetzt (außerdem 7. und 8. Juni). Am 8. Juni ist das Schülerkonzert mit Cell of Hell (11 Uhr) und – in der Panzerhalle – Musikkabarett mit der Mozart Group (19.30 Uhr). Nach Restkarten zu fragen, lohnt sich meist.

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