Interview mit einer Walküre

Frau Foster, haben Sie Angst vor Krokodilen?

Catherine Foster: Vor echten Krokodilen würde ich fernbleiben.

Am Ende von „Siegfried“ krabbeln ja mittlerweile fünf Theaterkrokodile auf der Bühne herum. Wird’s Ihnen das nicht ein bisschen mulmig?

Foster: Ich bin in diesem Moment ja ein wenig sauer auf Siegfried und räume die Sonnenschirme rein. Da vergesse ich die Krokodile.

Gab es denn in den Proben zum „Ring“ jemals eine Situation, in der sie zu Frank Castorf sagten: Das mache ich nicht.

Foster: Nicht, dass ich meinen Fuß auf den Boden gestampft und gesagt habe: Das mache ich nicht. Aber es gibt in der „Götterdämmerung“ eine Szene, in der jemand mit einem Kinderwagen mit Kartoffeln eine Treppe herunterkommt. Das hätte ich machen sollen. Wir haben das auch monatelang geprobt, aber ich bin immer wieder auf einer Kartoffel ausgerutscht. Daraufhin habe ich zu Frank Castorf gesagt: Es tut mir leid, aber das ist mir zu riskant. Und ich habe gefragt, ob das nicht jemand anders machen kann. So ist er auf Patric Seibert als Braut gekommen. Dadurch entsteht natürlich ein völlig anderes Bild. Aber ich hätte das nicht machen können. Ich hatte in diesem Jahr bereits zwei Bühnenunfälle. In Wiesbaden habe ich in meinen Mantel getreten und bin in die Treppe gefallen. In Washington D.C. ist mir ein Muskel gerissen, als ich in der Generalprobe aus dem Stand zu Wotan gerannt bin. Die „Walküre“-Premiere musste ich dann absagen.

Ist denn Patric Seibert versehentlich auf eine Kartoffel getreten?

Foster: Nein. Er hatte dabei keinen Unfall. Er gibt sich auch alle Mühe, dass das nicht passiert.

In diesem Jahr gab es am Pult den Wechsel von Kirill Petrenko zu Marek Janowski. Eine große Umstellung?

Foster: Es ist anders. Ich kann nicht sagen, dass es eine große Umstellung ist. Ich habe den „Ring“ so oft gemacht und ich habe mit vielen Dirigenten gesungen. Jeder bringt etwas anderes mit. Ich habe von Kirill viel gelernt und wir haben intensiv zusammengearbeitet. Janowski ist ein anderer Typ, wir kommen sehr gut zusammen. Welchen von beiden man besser findet, ist reine Geschmacksache.

Können Sie denn konkret eine Stelle benennen, an der sich das Dirigat der beiden gravierend voneinander unterscheidet?

Foster: „Ewig war ich, ewig bin ich“ im „Siegfried“ – das ist immer von Dirigent zu Dirigent völlig anders. Diese Stelle kann sehr schnell, aber auch sehr langsam sein.

Nimmt sie Janowski breiter als Petrenko?

Foster: Nein, er ist schneller.

Sie haben ihre erste Brünnhilde 2007 in Weimar gesungen. Wie hat sich Ihre Stimme seither entwickelt?

Foster: Die Stimme sitzt immer besser. Ich würde das vergleichen mit sehr bequemen Schuhen, die man lange getragen hat. Außerdem spreche ich mittlerweile viel besser deutsch als bei meinem ersten „Ring“.

Was tun Sie, um Ihre Stimme geschmeidig zu halten? Greifen Sie da auch mal zu Mozart?

Foster: Wenn ich meine Stimme aufwärme, singe ich immer Donna Anna und Königin der Nacht. Ich singe mich immer mit Koloraturen ein, vor allem wenn ich auf der Bühne „Hojotoho“ singen muss. Diese Leichtigkeit muss da sein. Die Stelle ist eine der schwierigsten im ganzen „Ring“. Die Stimme muss dabei völlig warm sein. Außerdem mache ich Yoga und Dehnübungen. Ich denke immer: Ein Stück ist richtig für mich, wenn ich es zweimal am Tag singen könnte.

Zweimal „Götterdämmerung“ an einem Tag – ist das nicht zuviel des Guten?

Foster: Ich kann das. Und dann weiß ich, dass das für mich die richtige Rolle ist.

Wie lange vor dem Auftritt singen Sie sich ein?

Foster: Wenn ich morgens aufwache, fange ich mit „rrrrrrrrrrrr“ oder „mmmmmmmm“ an. Der Körper muss geweckt werden. Das ist wie bei einem Marathonläufer. Der kann auch nicht aufstehen und sofort einen Marathon laufen. Wichtig ist auch viel trinken und viel Ruhe. Ich gehe die Partie im Kopf durch. Wenn ich zu Beginn etwa der „Siegfried“-Aufführung ins Theater gehe, habe ich ja noch sechs Stunden Zeit, bis ich dran bin.

Sie haben eine wunderbar klare, saubere Stimme. Wie verhindern Sie, dass – wie bei manch anderen Sängern – dieses unschöne Tremolo hinzukommt?

Foster: Ich arbeite immer wieder mit einem Lehrer zusammen und ich achte sehr darauf, dass dieses Tremolo nicht in die Stimme kommt. Das ist viel Arbeit und es hängt mit der Technik zusammen. Nachdem ich die Brünnhilde sieben Jahre lang gesungen hatte, hat mal jemand zu mir gesagt: Sie sind keine Brünnhilde. Sie klingen zu jung und frisch.

Das ist doch ein schönes Kompliment ...

Foster: Eigentlich schon. Eine interessante Frage ist ja: Machen bestimmte Partien die Stimmen kaputt oder ist eine Stimme bereits kaputt, wenn jemand anfängt, etwa die Elektra zu singen?

Eine Sängerin sollte auch noch Mozart schön singen können, wenn sie die Elektra singt.

Foster: Genau. Man darf nicht vergessen, dass Wagner ja den italienischen Belcanto wollte.

Was macht den Reiz der Rolle der Brünnhilde aus?

Foster: Brünnhilde befindet sich gleichsam auf einer Reise. In der „Walküre“ ist sie ganz jung und mädchenhaft, ein Teenager. Im „Siegfried“ erwacht wie als eine Jungfrau und alles ist lyrisch. Dann in der „Götterdämmerung“ – da ist alles drin: Sie ist eine Frau, sie ist verraten, sie ist verliebt und am Ende rettet sie die Welt.

Wie ist das, wenn Brünnhilde zu ihrem Schlussgesang anhebt: Ist das auch für die Sängerin auf der Bühne nochmals eine emotionale Aufgipfelung oder konzentrieren sie sich einfach auf ihre Technik oder das Dirigat?

Foster: Wenn ich mich ausschließlich auf meine Technik konzentrieren müsste, wäre meine Technik nicht gut genug. Aber ich muss so konzentriert sein, dass ich sofort kontrollieren kann, wenn es ein Problem gibt, etwa mit einer Erkältung. Das muss unbewusst geschehen. Wenn ich in diesem Moment auf der Bühne stehen, bin ich Brünnhilde. Ich meine jedes Wort, das ich sage.

Nicht bewertet

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