„Interessant, wie sich die Leute aufregen“

Frau Nylund, seit 2011 stehen Sie als Elisabeth im „Tannhäuser“ auf der Festspielbühne, jetzt geht die Produktion in ihr letztes Jahr. Wie haben Sie die Zeit in Bayreuth erlebt?
Camilla Nylund: Es war toll für mich, hier gleich ein Engagement in einer Neuinszenierung zu bekommen, so konnte ich von Elisabeth mein eigenes Rollenporträt entwickeln. Und es war schön, im hektischen Sängerleben ein bisschen Kontinuität zu haben: Ich habe hier vier Sommer lang fast immer mit den gleichen Kollegen gearbeitet, mit Leuten, die ich übers Jahr nicht oft sehe. In Harsdorf, wo wir wohnen, fühlen meine Familie und ich uns sehr wohl, wir haben dort Freunde und ein bisschen Familienanschluss gefunden.

Bei unserem letzten Gespräch vor drei Jahren sagten Sie, Elisabeth sei - neben Dvoraks „Rusalka“ – Ihre Lieblingsrolle. Hat sich daran etwas geändert?
Nylund: Sieglinde ist mir währenddessen auch noch ans Herz gewachsen, die ich letzte Jahr in Wien gesungen habe. Der erste Akt der „Walküre“ ist so packend wie ein Krimi, mit nur drei Personen auf der Bühne, und die Musik dazu natürlich fantastisch. An Elisabeth mag ich, dass sie sich traut, Dinge zu tun, die nicht von ihr erwartet werden. Sie ist eine Frau, die etwas auf die Beine stellt.

Sie haben die Partie schon viele Male an verschiedenen Häusern gesungen. Wie zeigen Sie Elisabeth auf der Bühne am liebsten?
Nylund: Ob modern, flippig oder konventionell, das ist mir egal. Für mich ist wichtig, dass Inszenierung und Musik stimmig zusammenkommen. So, wie Elisabeth hier in Bayreuth erscheint, mag ich sie schon, auch weil ich sie jetzt vier Sommer lang so gelebt habe.

Wie erscheint sie hier, in der Deutung von Sebastian Baumgarten?
Nylund: Die Zeitungen haben geschrieben, sie sei eine durchgeknallte Frau. Das sehe ich nicht unbedingt so. In dieser Inszenierung bringt die Gesellschaft auf der Wartburg Elisabeth dazu, sich zur Heiligen zu entwickeln: Sie ist enttäuscht von Tannhäuser und sticht sich deshalb Stigmata in die Hände, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das sind natürlich aufschreckende Effekte. Bei Baumgarten ist neu, dass Elisabeth mit Venus auf der Bühne zusammentrifft. Venus ist schwanger von Tannhäuser, und Elisabeth bekommt mit, wie Tannhäuser sich zu Venus bekennt. Doch trotz der Rivalin bringt sie sich dazu, Tannhäuser zu verteidigen. Das ist eine starke Liebe, die über sich hinauswächst. 

 Während Sie für Ihre Leistung viele gute Kritiken bekamen, ist die Inszenierung beim Publikum nicht sonderlich beliebt. Wie sehr leiden Sie als Sängerin unter dem Misserfolg einer solchen Produktion?
Nylund: Das ist für uns manchmal hart. Auch wir Sänger haben diese Inszenierung mit gestaltet, haben unser Herzblut gegeben und versucht, sie so glaubhaft und besonders zu machen wie möglich. Der Schlussapplaus ist unsere Belohnung, und wenn die Leute dann Buh rufen wegen der Inszenierung, ist das auch für uns schmerzhaft. Ich gehe nicht auf die Bühne, um zu enttäuschen. Ich möchte dort geliebt und gemocht werden, sonst würde ich den Beruf ja nicht machen. 

 Was meinen Sie, woran liegt es, dass die Inszenierung nicht gemocht wird?
Nylund: Das ist eine schwere Frage, die wir mit dem Regisseur natürlich viel diskutiert haben. Vielleicht daran, dass die Bühne immer offen ist und dem Zuschauer das typische Bayreuth-Gefühl fehlt, wo erst die Musik beginnt und dann der Vorhang aufgeht. Daran, dass das Bühnenbild als Installation nicht veränderbar ist und zu wuchtig und die Personenregie darunter verloren ging. Dass sich dadurch in den Zuschauerraum nicht vermittelt hat, was wir mit den Figuren versucht haben. Deshalb bin ich sehr froh, dass die Produktion jetzt ins Kino übertragen wird. Weil ich denke, dass das Publikum eine klarere Sichtweise auf diese tolle Personenregie bekommt, wenn es sie endlich von Nahem sieht.

 Was hätte sich dem Publikum vermitteln sollen, was sich nicht vermittelt hat?
Nylund: Was wir zeigen, ist ein Spiel im Spiel. Wir sind eine Kommune, die den Tannhäuser aufführt, unsere Rollen werden uns zugeteilt. Der Zuschauer kann überlegen, ob das, was auf der Bühne passiert, echt sein soll oder nicht, da kann jeder zu seiner eigenen Auffassung kommen. Opernaufführungen sollen uns ja nicht alles auf einem Teller servieren, sondern zum Weiterdenken bringen, uns aufrütteln, uns nicht unberührt lassen. Es war interessant zu sehen, wie die Leute sich hier in Bayreuth aufregen über eine Inszenierung, die sie so von einem „Tannhäuser“ nicht erwarten. 

Insbesondere der Umstand, dass Elisabeth von Wolfram in einen Gastank gesperrt wird, ist heftig kritisiert worden. Wie ging es Ihnen mit dieser Szene?
Nylund: Elisabeth ist auch in anderen Produktionen schon gewaltsam zu Tode gekommen, sie hat sich in Dresden die Pulsadern aufgeschnitten, in Frankfurt wurde sie von Wolfram erwürgt. Das ist eigentlich nichts Neues mehr. Natürlich ist die Sache mit der Gasanlage für die Deutschen angesichts ihrer Geschichte ein schwieriges Thema, aber in dieser Inszenierung trotzdem stimmig: Wir befinden uns ja in dieser Kommune mit einem Kreislauf, worin Elisabeth einen Ort sucht, um sich umzubringen. So fällt ihr Blick eben auf die Biogasanlage, und sie geht freiwillig hinein.    

Haben Sie eine Lieblingsstelle im Tannhäuser?
Nylund: Wenn Elisabeth die Männergesellschaft, die Tannhäuser lynchen will, dazu bringt, ihm eine zweite Chance zu geben. Es ist ein tolles Gefühl, als einzige Frau gegen den Männerchor zu schreien: „Haltet ein!“, und alle hören mir zu. 

Und welcher Moment ist für Sie am heikelsten?
Nylund: Hier in Bayreuth der dritte Akt, wegen der Akustik. Während Elisabeths Gebet werde ich im Orchester nur von den Bläsern begleitet, die sitzen im Festspielhaus tief unten im Graben, und ich selbst bin auch weit hinten auf der Bühne. Da ist es schwierig, von der Musik überhaupt etwas zu hören. Und jedes Mal eine Meisterleistung des Dirigenten, uns dabei zusammen zu halten.  

Als Sängerin konzentrieren Sie sich vor allem auf Wagner und Strauss, werden aber aber auch für Verdi, Dvorak oder Tschaikowski engagiert. In welcher Sprache singen Sie am liebsten?
Nylund: Ich singe sehr viel auf Deutsch, also muss ich das auch irgendwie mögen. Sonst wäre es ja schrecklich. Grundsätzlich singe ich jede Oper am liebsten in ihrer Originalsprache. 

Was gibt es für berufliche Pläne?
Nylund: Bei Wagner kommt die Senta neu zu meinem Repertoire dazu, nächstes Jahr in Berlin. Dazu werde ich viel Strauß singen und in Finnland ein Ein-Personen-Stück über Émilie machen, die Geliebte von Voltaire. Das ist eine Oper von der finnischen Komponistin Kaija Saariaho. Eine Wunschrolle für die Zukunft wäre die Kaiserin in „Frau ohne Schatten“ und auch ein paar von den großen italienischen Partien. Aber das ist nicht so leicht, wenn man, wie ich, als Sängerin den deutschen Stempel trägt.

Sie selbst stammen aus Finnland, aber aus einer Gegend, in der Schwedisch gesprochen wird. Fühlen Sie sich eigentlich eher schwedisch oder finnisch?
Nylund: Ich bin natürlich Finnin! Aber ich habe Finnisch erst in der Schule als erste Fremdsprache gelernt. Die schwedisch sprechende Kultur ist ein wichtiger Teil Finnlands und seiner Geschichte. Schwedisch ist meine Muttersprache, ich habe als Kind auf dem Land gelebt, wo niemand Finnisch sprach, und ging auch auf eine schwedische Schule. Und als Teenager haben wir uns bei Fernsehen, Zeitungen und Popmusik sehr nach Schweden orientiert. Trotzdem fühlen wir Finnlandschweden uns als Finnen. Wenn Schweden gegen Finnland Eishockey spielt, wäre es für uns undenkbar, nicht für Finnland zu sein. Im Herzen und in meiner Mentalität bin ich total finnisch.

Worin äußert sich das?
Nylund: Wir sind bodenständig. Wer sich mit einem Finnen anfreundet, hat einen Freund für‘s Leben. Wir lieben die Sauna und die Zeit im Sommerhaus. Und wir lieben Wettbewerbe aller Art, im Sport oder beim Gesang. 

Sie auch? Haben Sie sich durch viele Wettbewerbe gesungen?
Nylund: Nur durch ein paar. Ich bin doch eher das Bühnentier.   

Wo ist Finnland für Sie am schönsten?
Nylund: In den Schären an der Westküste, dort, wo ich aufgewachsen bin. Wegen des Engagements in Bayreuth konnte ich die letzten finnischen Sommer leider nicht genießen, aber das klappt hoffentlich im nächsten Jahr.

Als Sängerin sind Sie in der ganzen Welt unterwegs, privat leben Sie mit Ihrer Familie in Dresden. Wie funktioniert so ein Beruf mit zwei Schulkindern?
Nylund: Der Alltag ist ganz von Organisation geprägt. Meine Töchter sind acht und vierzehn Jahre alt, sie gehen ganztags auf die internationale Schule. Mein Mann ist in Dresden bei den Kindern, ich bin nach wie vor sehr viel weg. Wenn ich dann nach Hause komme, ist das manchmal schwierig, für meine Familie genauso wie für mich: Ich komme immer als Störfaktor in deren Alltag hinein. Deshalb hoffe ich, dass ich in Zukunft wieder mehr an der Semperoper singen kann. Diesem Haus und der Stadt fühle ich mich sehr verbunden. Ich bin Sächsische Kammersängerin und lebe schon sehr lange an diesem Ort, der meine Heimat geworden ist.

Müssen Sie zuhause auch mal bei den Hausaufgaben helfen?
Nylund: Nicht so viel, das macht eher mein Mann. Mir fehlt dafür auch die Geduld. Und was bei meiner Vierzehnjährigen zum Beispiel in Mathe stattfindet, das ist schon wirklich sehr kompliziert. Außerdem möchte ich in der geringen Zeit mit meinen Kindern lieber etwas Schönes machen, etwas Kochen, etwas zuhause gestalten.

Während der Sommer in Bayreuth haben Sie ihre Familie meist mit vor Ort. Was unternehmen Sie hier gerne zusammen?
Nylund: Wir treffen Freunde und gehen schwimmen, an den Trebgaster Badesee oder nach Wirsberg. Ich spaziere auch gerne durch die Bayreuther Innenstadt, die ist so gemütlich. Die Franken finde ich sehr angenehm. Sie sind genauso bodenständig wie ich. 

Welches ist Ihr finnisches Lieblingswort?
Nylund: Sisu. Diesen Begriff gibt es nur in Finnland, er beschreibt unsere Mentalität: Nicht aufgeben, sich durchbeißen auch in aussichtslosen Situationen. Das ist wirklich sehr finnisch.  

Das Gespräch führte Eva Kröner

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06