Immer mehr Frauen überschuldet

Wann ist man überschuldet?

Überschuldung heißt, dass man seine finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann, sagt Philipp Ganzmüller, geschäftsführender Gesellschafter bei Creditreform in Bayreuth. Bei leichten und mittelschweren Fällen könnten Verpflichtungen gegenüber drei oder mehr Gläubigern momentan nicht bedient werden. Schwere Fälle seien gerichtsbekannt, der Gerichtsvollzieher gehe ein und aus oder es bestehe Privatinsolvenz.

Wie sieht es bei uns aus?

Überschuldung ist vor allem ein städtisches Problem, das zeigen auch die regionalen Zahlen. Laut Ganzmüller ist die Verschuldungsquote in Bayreuth relativ konstant bei zehn Prozent und liegt damit auf dem Niveau des Bundesdurchschnitts. Im Landkreis Bayreuth beträgt sie aber lediglich rund sechs Prozent (Bayernschnitt: 7,47 Prozent).

In Bayreuth unterscheidet sich die Situation in den Postleitzahlbezirken. Spitzenreiter ist laut Ganzmüller mit 11,08 Prozent Überschuldeten traditionell der Bezirk 95448, zu dem Hammerstatt und Neue Heimat gehören, knapp gefolgt von 95444 mit dem Problembereich Neuer Weg und 10,91 Prozent. 95445 und 95447 liegen dagegen knapp unter neun Prozent.

Im Landkreis Bayreuth liegen die Problemgemeinden vor allem im Fichtelgebirge – hier kommen etwa Warmensteinach und Bischofsgrün auf 10,3 sowie 9,77 Prozent. Am anderen Ende der Skala stehen zum Beispiel Hummeltal, Mistelbach oder Eckersdorf mit rund fünf Prozent und Ahorntal mit gerade drei Prozent. „Das liegt aber auch daran, dass sie zum Speckgürtel um Bayreuth gehören“, sagt Ganzmüller, der betont, dass Stadt und Landkreis im bundesweiten Vergleich gut dastehen. „Man könnte von einer Insel der Seligen sprechen“, angesichts der großen Probleme andernorts. So kommt Bremerhaven als trauriger bundesdeutscher Spitzenreiter auf eine Überschuldungsquote von knapp 21 Prozent, in den städtischen Verdichtungsräumen von Nordrhein-Westfalen liege sie nur wenig darunter. „Da gibt es riesige Probleme“, sagt Ganzmüller.

Welche Schuldnergruppen gibt es?

Ganzmüller nennt zwei anhaltende Megatrends. So nehme die Altersüberschuldung zu, immer öfter reiche die Rente nicht – vor allem bei Frauen. Positiv sei dagegen, dass die Überschuldung bei jungen Erwachsenen abnimmt. Was auch daran liege, dass die Berufschancen für Jugendliche noch nie so gut wie heute waren. Aber auch Aufklärung und Prävention scheinen Früchte zu tragen. Problematisch sei weiterhin vererbte Verschuldung, also Hartz IV in mehreren Generationen. „Jugendliche, die aus solchen Milieus kommen, haben es schwer.“

Gibt es auch Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Noch immer ist es so, dass Frauen nur halb so oft überschuldet sind wie Männer. „Aber die Frauen holen auf“, sagt Ganzmüller. Das sei quasi ein emanzipatorischer Effekt. Während niedrige Renten bei Frauen mit dem überholten Rollenverständnis zu tun hätten, würden Frauen heute auch selber Verträge abschließen und sich so auch selber verschulden. Große Probleme hätten oft auch alleinerziehende Frauen, die etwa wegen Betreuungsproblemen nicht so arbeiten können wie sie wollen und die außerdem nicht selten von den Vätern ihrer Kinder im Stich gelassen werden.

Was sind die Schuldengründe?

Während Arbeitslosigkeit nicht mehr eine so dominante Rolle spielt wie noch vor ein paar Jahren, nimmt die Bedeutung von Krankheiten deutlich zu. Wer zeitweise oder dauerhaft im Job ausfällt, kann seine Verpflichtungen nicht einfach so runterfahren und fliegt schnell raus aus dem System, sagt Ganzmüller. Das betreffe zunehmend die Mittelschicht, deren Angst vor dem möglichen Absturz sei begründet: „Überschuldung trifft mittlerweile auch mitten ins Mark der Gesellschaft.“

Wie hoch sind die Schuldensummen?

Bei den unter 25-Jährigen reichen im Schnitt schon 7500 Euro für eine Überschuldung, bei den 60- bis 65-Jährigen gut 46 000 Euro. Der Schnitt über alle Altersgruppen ist 31 000 Euro.

Gibt es Lösungsmöglichkeiten?

Für Ganzmüller kommen viel zu wenige aus der Schuldenspirale heraus, es sei aber auch schwierig. Er rät, sich schon bei ersten deutlichen Schwierigkeiten an die Schuldnerberatung zu wenden. Allein schon deshalb, weil es angesichts des zunehmenden Bedarfs Wartezeiten gebe. Die Beratungsangebote seien gut, oft würden pragmatische Lösungen gefunden.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06