Im Pannenkäfig: Wie die Statisten die Panne bei den Bayreuther Festspielen erlebten

Martin Scholti und Stephan Müller standen am Freitag mittendrin. Die beiden sind Statisten bei den Bayreuther Festspielen. Am Freitag bei der Premiere standen die beiden hinter dem Pannenkäfig. Ungefähr dort, wo das Eisenteil landete. Die beiden müssen dort einen Schlauch anschließen, der zur Nebelmaschine führt. Der Käfig fährt nach oben und nach unten. Deshalb müssen sie schnell sein, wenn sie den Schlauch an den Bajonettverschluss des Käfigs fummeln. Die beiden sind konzentriert, aber der Käfig bewegt sich nicht. Martin Scholti sagt: „Ich habe mitbekommen, dass da etwas hängt.“ Dass es krachte und dass etwas auf den Boden polterte.

Festspielsprecher: Störung in der Untermaschinerie

Der Käfig hing. Etwa einen halben Meter über dem Boden. Unten, im Bühnenboden streikte die Hydraulik. Oben unter dem Dach zerrten die Seilzüge am Käfig. Es krachte zweimal, dann stürzten zwei Metallbrocken des Käfigs, in dem Tannhäuser und Venus singen, herunter. Stephan Müller sagt: „Nervös waren wir nicht. Wir haben nur daran gedacht, wie es weitergeht.“ Vorne schloss sich irgendwann der Vorhang. „Und dann waren alle auf Standby.“ Sie haben dann improvisiert, sich abgestimmt. Nach einer halben Stunde ging es weiter. Auf dem Käfig.

Was da im Einzelnen passiert ist, weiß Peter Emmerich, der Sprecher der Festspiele, gar nicht genau. „Es war eine technische Störung innerhalb der Untermaschinerie“, sagt er. Ein Kabelbruch, heißt es bei den Technikern. Der ist behoben. „Nach menschlichem Ermessen dürfte sich so etwas innerhalb der kommenden Aufführungen nicht wiederholen“, sagt der Sprecher. Im zweiten Akt funktionierte die Hydraulik am Freitag bereits wieder. Und auch bei den weitern Vorführungen gab es bis jetzt keine Ausfälle.

Polizei: keine Sabotage

Trotzdem hielt sich bis Dienstag das Gerücht, die Kriminalpolizei ermittle im Festspielhaus. Sabotage. Am Mittag sagte ein Polizeisprecher: „Es wird nicht ermittelt. Die Panne war ein Unfall.“ Die Polizei sei zwar vor Ort gewesen, aber das hatte Routine-Gründe.

Festspielsprecher Emmerich sagt: „Der Abbruch wäre der Worst Case gewesen. Aber ernsthaft daran denken, wollte niemand.“ Noch am Freitagabend habe es eine Fehleranalyse mit Festspielleitung und Technischer Leitung gegeben.

Martin Scholti sagt er habe gedacht ein Brett habe sich verkeilt und sei gesplittert. Als dann die Eisenteile auf die Bühne fielen, ist Martin Scholti kurz erschrocken. „Dass da etwas Schwerwiegendes passiert ist, das ist mir gar nicht in den Sinn gekommen.“ Panik habe er nicht gehabt. Auch kein schlechtes Gefühl. „Die Zuschauer sehen uns durch den Käfig, da versucht man gut auszusehen.“

Martin Scholti sagt, er sei das Reagieren als Statist gewohnt. Mal klemmt eine Luke oder jemand steht nicht exakt dort, wo er stehen soll. Statisten stellen sich darauf ein, reagieren zu müssen. Das ist Alltag. Meistens. Martin Scholti sagt: „Da kriegt keiner Panik und rennt raus.“ Stephan Müller sagt: „Ich war beeindruckt in welcher Geschwindigkeit alles wieder repariert wurde.“

Interview mit dem Inspizienten Udo Metzner: "Das kann man einem Regisseur nicht antun"

Udo Metzner ist seit 34 Jahren Inspizient der Bayreuther Festspiele. Er leitete am Freitag die „Tannhäuser“-Premiere – und traf mit Festspielleiterin Katharina Wagner die Entscheidungung, die Vorstellung zu unterbrechen.

Herr Metzner, was ist passiert?

Udo Metzner: Wenn zwei Betriebssysteme arbeiten, eines fällt aus und das andere fährt weiter, dann geht das nicht lange gut. Das ist ganz normal. Die Unterbühne hatte ein Problem, deshalb löste – wie bei jedem Fahrstuhl – die Sicherheitstechnik aus. Ende der Ouvertüre knallte es. Dann stand der Käfig ungefähr einen Meter weit aus dem Boden. Wir haben begonnen, mit dem Computer eine Fehlersuche zu machen, und haben gehofft, es vielleicht noch irgendwie hinzukriegen. Ich habe währenddessen uminszeniert und habe den Sängern im Käfig gesagt: Klettert raus, spielt obendrauf, ich hab’s festgemacht. Über die erste Szene wären wir rübergekommen, aber nicht mehr weiter, denn für die nächste Szene brauche ich freie Bühne, da kann ich keinen halben Venusberg auf der Bühne brauchen. Und da haben wir uns dann entschieden, wir brechen ab. Da wäre die Inszenierung nur noch zur Farce geworden. Das kann man auch dem Regisseur nicht antun.

Dann mussten Sie eine Menge Leute verständigen: den Dirigenten, die Sänger, die Statisten, den Bayerischen Rundfunk, der die Vorstellung live übertragen hat.

Metzner: Das passierte in Absprache mit der Festspielleitung; Katharina Wagner war sehr schnell da. Wir haben eine geeignete Stelle gesucht, ich habe dem Dirigenten ein Zeichen gegeben – der war auch erstmal verdattert und verdutzt. Dann haben wir den Vorhang zugemacht.

Wie erfährt der Dirigent: Bitte aufhören?

Metzner: Der hat zwei rote Lampen an seinem Pult, wie bei einer Ampel. Die sind für ihn die Warnlichter. Die Musiker wissen das auch. Und dann habe ich alle wichtigen Stellen informiert, vom Vorderhaus bis hin zur Polizei, dass wir die Leute rausschicken werden. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, wie lange es dauern würde. Als wir abgebrochen haben, hatten wir den Fehler noch gar nicht richtig gefunden.

Was passierte im Haus während der 50 Minuten Unterbrechung?

Metzner: Die Sänger gehen wieder in ihre Garderoben, halten sich fit und wach. Der Chor genauso. Und jeder wartete darauf, dass irgendwann mal eine Durchsage von mir kommt, wann wir weitermachen. Auf der Bühne war totale Ruhe. Man muss ja die Leute, die auf Fehlersuche sind, in Ruhe arbeiten lassen. Es bringt nichts, dazwischen herumzuspringen – man wartet, bis der Technische Direktor kommt und sagt: Wir haben den Fehler, wir brauchen so und so lange, um ihn zu reparieren.

Wie viele Bühnentechniker sind an einer Vorstellung beteiligt?

Metzner: Ungefähr 70. Viele Spezialisten, die die Maschinen fahren, die die dann auch beherrschen müssen. Leute, die die Computer beherrschen müssen, damit sie im Notfall eingreifen können.

Es ist also nicht mehr so, dass man mit dem Schraubenschlüssel in die Unterbühne steigt?

Metzner: Nein. Die Zeiten sind längst vorbei. In der Regel sind es elektronische Fehler, da hilft dann nur der Computer. Und dann gibt es auch noch die Notfallhotlines der Firmen. Die können sich sogar von außen einklinken.

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