„Ich kann gar nicht erwarten, bis es losgeht“

Frau Haller, Sie haben zuletzt 2010 hier gesungen – in dem Jahr, als der „Lohengrin“ Premiere hatte. Wie viel haben Sie damals von der Neuproduktion miterlebt?

Edith Haller: Ich habe mir natürlich die Vorstellung angesehen, mit Jonas Kaufmann und Annette Dasch. Das hätte ich mir nicht entgehen lassen.

Hätten Sie sich damals träumen lassen, dass Sie selbst in dieser Produktion auf der Bühne stehen?

Haller: Nein, auf gar keinen Fall. Ich war damals ganz entspannt. Ich habe im „Ring“ Freia, Sieglinde, dritte Norn und Gutrune gesungen, vier Partien in drei Stücken. Ich weiß noch, wie ich Maestro Thielemann im Scherz gefragt habe, ob er im „Siegfried“ denn überhaupt auf mich verzichten kann. Ich habe auch in diesem Jahr versucht, so viel wie möglich zu sehen, in den Generalproben und den Bühnenorchesterproben. Die zeitlichen Abläufe waren diesmal weit gefasst, das lag vor allem an Maestro Nelsons, der ja ein Orchester in den USA leitet. Zwischen der Generalprobe und der Premiere hatten wir eine Woche frei.

Ist diese Freizeit dann auch tatsächlich frei?

Haller: Das Haus stellt uns frei, wir sind angehalten, einen Urlaubsschein auszufüllen, damit das Betriebsbüro weiß, wo wir uns aufhalten. Zwei Tage vor der Vorstellung muss man sich ohnehin in Bayreuth aufhalten, damit da nichts übersehen oder vergessen werden kann (lacht).

Haben Sie den Sommer komplett in Bayreuth verbracht – oder ist das heute für einen dramatischen Sopran gar nicht mehr möglich?

Haller: Diesmal hat das sehr gut funktioniert, ich hatte keine andere Produktion gleichzeitig. In meinem ersten Jahr in Bayreuth war ich noch fest engagiert in Karlsruhe, das ist ein Haus, das lange in den Sommer hineinspielt. Ich hatte dann eine „Othello“-Premiere, als hier schon die szenischen Proben begonnen hatten, und während hier der letzte „Ring“-Zyklus lief, begannen schon die Proben für „Elektra“ in Köln. Das war mühsam.

Das klingt nach vielen Nächten auf der Autobahn.

Haller: Ja, und man muss sehen, dass man genügend Schlaf bekommt, um sich zu regenerieren. Was wir auf der Bühne machen, ist ja wirklich schwerste körperliche Arbeit – auch wenn es nicht so aussieht.

Da ist die „Lohengrin“-Produktion wahrscheinlich keine Ausnahme?

Haller: Ich bin in meiner Karriere bisher fast immer an Regisseure geraten, die sehr viel Bewegung forderten. Ich mag das sehr gern, vor allem, wenn ich mit Kollegen auf der Bühne stehe, die ich sehr gut kenne. Dann ergibt sich vieles von selbst. Gerade im Zusammenspiel kommt es oft vor, dass manches aus der Vergangenheit kommt, weil man diese Szene mit derselben Person irgendwann schon einmal erlebt hat. Das ist dann immer sehr befruchtend für die Inszenierung. Es sei denn, der Regisseur sagt: Das will ich auf gar keinen Fall.

Kannten Klaus Florian Vogt und Sie sich schon als Lohengrin und Elsa?

Haller: Ja, wir haben in der aktuellen Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper zusammen gesungen. Die Premierenbesetzung waren Jonas Kaufmann und Anja Harteros, die waren das dunkle Paar, und wir sind das blonde.

Wie geht das eigentlich: sich in eine Produktion einzuarbeiten, die im Grunde fertig ist, in ein Ensemble hineinzufinden, das sich schon kennt, und eine Kollegin zu vertreten, die zusammen mit Lohengrin als Traumpaar gilt?

Haller: Für mich hat das gar keinen großen Unterschied gemacht. Denn die Sache ist die: Es ist immer eine Ehre, in Bayreuth singen zu dürfen. Und die Arbeit ist wie an jedem anderen guten Haus. Es war ein tolles Regieteam, das mich eingestimmt hat, und natürlich ist es heute auch kein Problem mehr, sich eine Produktion vor Probenbeginn noch mal auf DVD anzusehen. Ohnehin sind Annette Dasch und ich komplett unterschiedliche Typen, auch unsere Stimmen sind völlig verschieden. Da ergibt sich schon allein durch eine neue Person eine völlig neue Situation. Ich denke, das hat gut funktioniert – aber ich war natürlich nicht im Publikum.

Ist diese andere Stimmung, die durch Sie entsteht, auch für Sie spürbar?

Haller: Dazu kann ich nichts sagen, ich erlebe die Inszenierung ja zum ersten Mal. Ich bin die Neue. Ich kenne das aber aus dem „Ring“ – drei Jahre sang Stephen Gould den Siegfried, dann kam Christian Franz und dann Lance Ryan. Das macht natürlich einen Unterschied. Man hat mit einem anderen Menschen zu tun, das war ein anderer Charakter, auch wenn es immer dieselbe Inszenierung ist.

Nach der Premiere jedenfalls hat Klaus Florian Vogt vor dem Vorhang den Hut gezogen.

Haller (lacht): Ja, darüber habe ich mich sehr gefreut, und natürlich auch über die Reaktion des Publikums. Ich habe nicht damit gerechnet. Ich war schon sehr zufrieden mit meiner Leistung, man merkt ja auch selbst, ob man gut gesungen hat. Aber dass das Publikum so herzlich ist, das hat mich überrascht. Das hatte ich vergessen. Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich ja nicht ich. Ich erlebe das, was meiner Rolle passiert. Aber wenn ich zum Applaus gehe, bin ich nur noch diejenige, die die Rolle dargestellt hat. Man hat etwas geträumt, wacht auf und ist plötzlich mit der Realität konfrontiert.

In welchem Moment wachen Sie auf?

Haller: Wenn sich der Vorhang schließt. Vorher nicht. Und natürlich in den Pausen. Dann gehe ich in die Garderobe, trinke meinen Kaffee, unterhalte mich ein bisschen mit der Ankleiderin – und dann beginnen schon die Vorbereitungen für den nächsten Akt, ich bekomme meine nächste Frisur, ich stimme mich ein, schaue in die Noten. Von der einstündigen Pause bleiben dann vielleicht zehn Minuten.

Der „Lohengrin“ ist dieses Jahr die einzige Produktion, bei der sich die Sänger erst am Ende verbeugen, und nicht schon nach jedem Aufzug. Wie stehen Sie denn als Sängerin dazu? Was finden Sie besser: am Ende, oder nach jedem Akt?

Haller: Das kommt auch auf das Stück an. Bei der „Walküre“ nach dem ersten Akt nicht vor den Vorhang zu treten, wäre fast ein Frevel. Das ist fast schon ein eigenes Stück, das muss man einfach. Und auch nach dem zweiten Akt, weil viele Sänger im dritten Akt nichts mehr zu tun haben. Bei „Lohengrin“ empfinde ich das nicht so, da sind alle Solisten ohnehin bis zum Ende beschäftigt. Und man bleibt eher in der Stimmung des Stücks.

Bei der Premiere hat ein Zuschauer an einer sehr markanten Stelle kurz vor dem Ende „Pfui“ gerufen. Erinnern Sie sich daran?

Haller: Da hätte ich fast gelacht. Weil ich dachte: Die Inszenierung läuft im fünften Jahr, jetzt sollten doch alle darüber Bescheid wissen. Es ist ja nicht so, dass man zur Premiere geht und keine Ahnung hat. Natürlich hat jeder einen eigenen Geschmack; so, wie ich nicht jeden Menschen auf Anhieb sympathisch finde, gefällt mir nicht jede Inszenierung. Aber ich muss das doch nicht so lautstark kundtun. Das hat mich etwas erstaunt.

Ist das ein Traumberuf?

Haller: Auf jeden Fall, ich kann nichts anderes sagen. Ich bin in einem 3000-Seelen-Dorf aufgewachsen, in St. Leonhard im Passeier, 20 Kilometer von Meran entfernt. Die eine Hälfte meiner Familie war im Kirchenchor, die andere im Orchester. Und ich habe mit 12, 13 die Soli gesungen in den großen Orchestermessen. Das war fantastisch, man durfte lange aufbleiben, und es war ein so natürlicher Zugang zur Musik, dass ich Lampenfieber nicht kenne. Im Gegenteil, es ist eher so, dass ich es an Vorstellungstagen nicht erwarten kann, bis es losgeht. Deshalb finde ich’s schön, dass die Vorstellungen in Bayreuth so früh beginnen (lacht).

Werden Sie nächstes Jahr wieder Elsa singen?

Haller: Normalerweise wüsste ich das noch nicht, man wird am Ende der Serie für das nächste Jahr eingeladen. Aber in diesem Fall bin ich explizit die Vertretung für Annette Dasch. Das ist ihre Produktion, da würde ich auch nie dazwischen funken.

Kennen Sie sich?

Haller: Nein, nicht persönlich. Das ja das andere: Man trifft zwar immer wieder die Kollegen, aber nie diejenigen, mit denen man dasselbe Fach singt.


Zur Person: Nach ihrer Ausbildung am Mozarteum in Salzburg gewann Edith Haller den 1. Preis beim italienischen Gesangswettbewerb „Mario Lanza“ 2003 in Filignano. Nach ersten Engagements in Salzburg, Prag und Ljubljana gehörte die italienische Sopranistin von 2002 bis 2005 zum Ensemble des Stadttheaters St. Gallen, Schweiz. Es folgte von 2005 bis 2009 das Badische Staatstheater Karlsruhe, wo Edith Haller als Ensemblemitglied Partien wie Senta („Der fliegende Holländer“), Sieglinde („Die Walküre“), Agathe („Der Freischütz“), Contessa („Le nozze di Figaro“), Desdemona („Otello“) und Ursula („Mathis der Maler“) sang. Von 2006 bis 2010 gastierte Edith Haller bereits bei den Bayreuther Festspielen.

Nicht bewertet

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coco
Montag, 13. November 2017 - 11:06