"Houellebecq ist eine Zumutung"

Wie geht's voran mit Ihrer Arbeit an „Unterwerfung“?

Remsi Al Khalisi: Die Textfassung ist so weit fertig. Regie führt Sibylle Broll-Pape, unsere Intendantin, die Proben beginnen am Dienstag.

Gratuliere. Dann sind Sie zumindest bislang nicht gescheitert, so wie die Münchener Kammerspiele.

Al Khalisi: So etwas kann immer mal passieren im Theater. Auf den einschlägigen Kulturseiten habe ich davon gelesen. Man hat auch gelesen, dass der Regisseur (Julien Gosselin, Anm. der Red.) wohl mit dem deutschen Stadttheatersystem nicht zurecht kam, dass er zuvor eine Zwölfstundeninszenierung gestemmt hat. Mehr weiß ich nicht darüber.

Gosselin hatte zuvor mit großem Erfolg „Elementarteilchen“ inszeniert, indem er den Roman mit viel Pathos breitbeinig auf die Bühne stemmte. Als Behauptung. Wie viel Pathos braucht eine Bühnen-Adaption von Houellebecq?

Al Khalisi: Da Michel Houellebecq ein Autor ist, der im modernen spätkapitalistischen Westen sozialisiert wurde, der ihm aber gleichzeitig misstraut, stellt er selber erst einmal Pathos präventiv unter Verdacht. Er hat aber doch auch gleichzeitig eine große Sehnsucht danach. Nicht umsonst stürzt er sich in „Unterwerfung“ auf diesen zum Katholizismus konvertierten Autor Joris-Karl Huysmans.

An der schönsten, traurigsten Stelle in „Unterwerfung“ beschreibt Houellebecq, wie sein Protagonist François in einer mittelalterlichen Kirche eine Muttergottes betrachtet, keine Verbindung zum Bild mehr herstellen kann und die Kirche tief betrübt wieder verlässt. Hat Europa die Verbindung zu seinen Wurzeln verloren?

Al Khalisi: Das ist die These von Houellebecq, ich selber weiß das gar nicht. Er schreibt, dass sich Europa selbst überlebt habe. Es ist in „Unterwerfung“ auch zu lesen, dass das Römische Reich untergegangen sei, und dass der Untergang begonnen habe, als es am stärksten war. Und so sei es auch mit Europa gekommen. Ich bin mir gar nicht sicher, dass man diese Meinung teilen muss, aber die Befürchtung kann man ernst nehmen. Ich finde, dass wir sehr viel zu verlieren haben. Ich würde ungern auf europäische Werte wie Individualismus und Freiheit verzichten. Was ich verstehe ist, dass der Weg der Aufklärung mit seiner Stärkung des Individualismus auch Verluste mit sich gebracht hat. Den Verlust an Religion zum Beispiel. Die christliche Religion war mal eine sehr starke Möglichkeit, sich an den Kosmos zu binden. Das ist verloren. Daher rührt in der Gegenwart die Sehnsucht nach einem tieferen Sinnzusammenhang. Die Ansicht, dass da etwas verloren gegangen ist, kann ich teilen. Die islamische Welt, so sieht das Houellebecq, verfügt noch über diese Verbindung, da gibt es zum Beispiel Menschen, die bereit sind, für Ihre Werte zu sterben. Gleichzeitig lehnt er den Islam ab. Die Möglichkeit aber, mehrere Frauen zu heiraten, die findet er dann ganz interessant.

Sein Protagonist findet die Polygamie sogar sehr praktisch.

Al Khalisi: Houellebecq meint das aber vielleicht auch gar nicht ernst. So genau weiß man das bei ihm nicht.

Vor welche Herausforderungen stellt Houellebecq Sie als Theatermann?

Al Khalisi: Ich habe Kafka für die Bühne adaptiert, auch Tolstoi. Die großen Russen sind ein Geschenk, schon wegen der Dialoge. Da muss man nicht viel zuerfinden. Und sie sind handlungsorientiert. In dieser Hinsicht ist Houellebecq eine Zumutung – allerdings auch im positiven Sinne, weil man sich auf die Suche nach einer Form begeben kann. Wir haben uns entschieden, „Unterwerfung“ mit vier Leuten zu erzählen. François, die Intellektuellen, die muslimischen Funktionäre, das Uni-Personal – die philosophischen Gespräche, die von ihnen geführt werden, das sind hoch sinnliche Vorgänge. Es gibt in dem Roman viele Zweiergespräche. Um was geht es da draußen, im gesellschaftlichen Alltag, jenseits der behüteten Kreise? Darüber reden sie dann, und sie fragen sich immer wieder, was denn eine gute Gesellschaftsordnung wäre. Der Rechtsintellektuelle setzt auf Marine Le Pen, sie werde die Werte des Landes retten, die Leute der Muslimbruderschaft behaupten eine Version vom gemäßigten Islam, mit dem sich doch sehr gut leben lasse. Und einig sind sie sich darin, dass der linksliberale Entwurf seit Jahrzehnten gelebt werde und dieser Entwurf Europa den Todesstoß versetzt habe - was ich nicht teile. Ich verstehe aber sehr gut, wie Houellebecq zu diesem Befund kommt.

Die Ereignisse der vergangenen Monate, der Rechtsruck in vielen Ländern, Trumps Wahl, der Brexit – das alles legt eben den Schluss nahe, dass dieser Entwurf seine Glaubwürdigkeit verspielt hat.

Al Khalisi: In „Unterwerfung“ stehen Sätze, die einen schlucken machen. In vielen Ländern Europas steht wirklich vieles nicht zum Besten. Die viel zitierte Schere zwischen Arm und Reich geht immer mehr auseinander. Und weder bei uns noch in Frankreich erwartet man von der Linken, dass sie dem viel entgegenzusetzen hätte. In „Unterwerfung“ heißt es, dass es immer  linksliberale Regierungen waren, die in den letzten Jahrzehnten antisoziale Reformen auf den Weg gebracht hätten. Vor allem Schröder in Deutschland, aber auch Tony Blair in England. Und da schreibt Houellebecq Sätze, die einfach sitzen. Er sagt einen Satz, der zum Beispiel für Menschen in Ostdeutschland interessant ist, die einen Systemwechsel erlebt haben. Sie sind jetzt zu großen Teilen wohlsituiert, nach Maßstäben anderer Gegenden in der Welt sogar stinkreich, und haben trotzdem das Gefühl, abgehängt zu sein.

Und viele dieser Menschen marschieren dann bei Pegida mit.

Al Khalisi: Das hat etwas damit zu tun, wie dieser Systemwechsel stattgefunden hat. Diese Menschen fühlen sich vielleicht nicht mehr gefragt, sie glauben, dass ihr Gestaltungswille nicht mehr gewollt ist, dass vieles passiert, ohne dass sie nach ihrer Meinung gefragt werden. Houellebecq schreibt, dass Menschen, die es in einem bestimmten sozialen System zu etwas gebracht haben, nicht in der Lage sind, sich in die Perspektive derer zu versetzen, die von diesem System nichts zu erwarten haben. Dieser Eindruck ist tatsächlich verwurzelt in vielen Teilen der Bevölkerung. Und das finde ich sehr gefährlich. Houellebecq provoziert damit. Und das ist eine Provokation, die wichtig ist. Wir müssen uns die Frage stellen: Was machen wir mit diesem Befund?

Das Buch ist umstritten, es wurde kritisiert, dass das Buch rassistisch sei.

Al Khalisi: Es gibt sicher Regisseure, die „Unterwerfung“ nicht anrühren würden, weil sie finden, es schüre die Ängste vor der sogenannten „Islamisierung des Abendlandes“ noch. Aufklärung tut Not. Ich sehe nicht, dass Houellebecq damit Ressentiments schürt. Es geht um etwas anderes.

Houellebecq beschreibt eher die Schwäche Europas als die Aggressivität des Islam.

Al Khalisi: Darin sehe ich die Provokation, und die ist wertvoll, weil man da etwas durchspielen kann. Das wird teilweise so absurd, dass man lachen muss. Anders als im Roman wird der Halbmond natürlich nicht über öffentlichen Gebäuden gehisst werden, das ist wirklich absurd. Auch wenn es viele Menschen gibt, die das befürchten. Dass Marine Le Pen demnächst regiert – diese Gefahr ist viel größer. Vielleicht haben die Konservativen in Frankreich einen Fehler gemacht, mit Fillon jemanden zum Kandidaten zu küren, der so weit rechts steht. Es kann passieren, dass die Leute vielleicht doch lieber das Original wählen – Le Pen. Das trifft auch auf die rechtspopulistische Strategie von Seehofer zu. Die Frage ist, was die linken Parteien machen. Auf jeden Fall wird kein Moslem namens Ben Abbes in einem Land der EU regieren.

Was man als „Sohn des Löwen“ übersetzen könnte.

Al Khalisi: Houellebecq verwendet lauter sprechende Namen. Das ganze Buch ist sehr genau geschrieben, es ist genau konstruiert.

Und Houellebecq kritisiert sehr präzis den Hang der Elite zum Opportunismus.

Al Khalisi: Genau. Er lässt ja auch seine Hauptfiguren nicht gut mit sich umgehen. Diese in die Jahre gekommenen, sexuell oft zu kurz gekommenen intellektuellen Männer lässt er nicht gut zu sich sein. Das macht sie auf der andern Seite nicht unsympathisch, sie sind verwundbar, man kann mit ihnen mitfühlen. Es steckt ja auch ein sehr bissiger Humor in all dem. François, „der Franzose“, überlegt sich, was mit der Machtübernahme der Muslimbrüderschaft alles verschwinden würde, er nimmt dann beiläufig Notiz davon, was sich tatsächlich ändert, und dann stutzt er irgendwann, weil die Frauen auf einmal Röcke über den Jeans tragen: Der Anblick von „Frauenärschen“ sei bedauerlicherweise verschwunden, heißt es. Das fällt ihm auf, und das ist natürlich provokant, aber auch lustig. Von „Plattform“ abgesehen, schreibt Houellebecq von Figuren, mit denen ich Mitleid haben kann. Es sind Menschen, die sehr zynisch daherkommen, aber groß sind in ihrer Einsamkeit. Und das macht diese Figuren berührend.

Eigentlich schreibt Michel Houellebecq Romane. Gemessen daran wird er ziemlich oft gespielt. Was macht seine Qualität fürs Theater aus?

Al Khalisi: Ich habe 2003 „Elementarteilchen“ gesehen, in der Inszenierung aus Zürich von Johan Simons. Das waren nur drei Schauspieler, die auf einer Art Wellblechplatte den ganzen Roman gespielt haben. Sie erzählten diesen Roman einander in all den verschiedenen Rollen in der ersten Person. Das war sehr berührend. Es funktionierte, weil Houellebecq versucht, einen großen Blick auf unsere Gesellschaft zu werfen, aus weiter Entfernung. Wie von einem Raumschiff herunter blickt er auf uns, auf uns erbärmliche Ameisen, die alles so wichtig finden. Alles ist vergänglich, und mit diesem Gedanken an die Vergänglichkeit nutzt er die Chance, zu erzählen, wohin sich etwas bei uns entwickelt. So einen Blick auf das große Ganze, schaffen die wenigsten. Das macht seine Romane so interessant für das Theater.

 

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