Heide Fuhljahn: Von Depressionen geheilt

Sie sprechen in Bayreuth über Ihre Erfahrungen als Patientin in der Psychiatrie. Wer ihren Vortrag am Mittwoch hören will, muss ins Bezirkskrankenhaus - und damit schon die erste Hemmschwelle überwinden. Ist das sinnvoll?

Heide Fuhljahn:  Ihr Vorbehalt ist berechtigt. Es wird aber zwei Lesungen in Bayreuth geben: Die am Mittwoch im Bezirkskrankenhaus ist eher als Fortbildungsveranstaltung für Ärzte und medizinisches Personal gedacht.  Weil der Gang in die Psychiatrie für viele Menschen tatsächlich eine Hemmschwelle bedeutet, gibt es noch eine Lesung für Angehörige, Betroffene und Interessierte am Dienstagabend im Evangelischen Bildungswerk. Ich hoffe, dass hier die Berührungsängste nicht so groß sind.

 

Wie oft waren Sie selber Patientin in einer psychiatrischen Klinik?

Fuhljahn: Genau weiß ich das gar nicht. An dem Tag, als ich das 30. Mal in einer Klinik war, habe ich beschlossen, mit dem Zählen aufzuhören. Insgesamt waren es aber sieben Jahre, in denen ich überwiegend in der Psychiatrie gelebt habe.

 

Nach Ihren persönlichen, sehr intensiven Erfahrungen: Sind Ängste vor einer stationären Unterbringung in der Psychiatrie berechtigt?

Fuhljahn: Sind sie nicht. Aber sie sind verständlich. Ich hatte anfangs auch Ängste, genauso wie die meisten Menschen. Das hängt sicher damit zusammen, dass psychiatrische Krankenhäuser zu Zeiten der Nazis und auch noch danach bis hinein in die 70er Jahre grauenhafte Orte waren. Dieses Wissen  hat sich in den Köpfen ganzer Generationen festgesetzt. Die schlimmen Zustände und die Tatsache, dass unter den Nazis dort planmäßig Menschen ermordet worden sind, liegen heute noch wie ein Schatten über der Psychiatrie. Mit der heutigen Psychiatrie hat das aber nichts mehr zu tun.

 

Gustl Mollath war jahrelang in der Bayreuther Psychiatrie untergebracht, möglicherweise auch unberechtigt.  Wie hat dieser spektakuläre Fall den Blick auf die Psychiatrie verändert?

Fuhljahn:  Den Fall Mollath kenne ich nur aus den Medien. Ich kann deshalb dazu nur sehr allgemein sagen: Die Psychiatrie ist immer noch gut beraten, sehr sorgfältig zu arbeiten, weil eben viele Menschen vor der Psychiatrie Angst haben.

 

Das erste Ihrer beiden Bücher trägt den Untertitel: „Wie ich mit Depressionen lebe und was mir hilft“. Was hilft Ihnen denn?

Fuhljahn:  Es ist schön sagen zu können, dass die Depression nicht mehr mein Thema ist. Ich habe mehrere seelische Erkrankungen, wegen derer ich in ärztlicher Behandlung bin. Aber depressiv bin ich nicht mehr. Die Behandlung, also Psychotherapie in Kombination mit Medikamenten, hat mir geholfen. Geholfen haben mir außerdem der Sport und mein Freundeskreis. Und dass ich über mein Buch wieder Teil des normalen sozialen Lebens wurde. Davor  haben alle meine Bekannten Karriere gemacht, Kinder bekommen und Häuser gebaut - und ich war Hartz-IV-Empfängerin. Die Wahrscheinlichkeit, meinen Freundeskreis zu verlieren, war damals sehr groß. Mein Buch hat sehr geholfen, dass das nicht passiert ist und ich Teil der normalen Gesellschaft geblieben bin.

 

Ganz geheilt sind Sie nicht?

Fuhljahn:  Von den Depressionen schon, würde ich sagen. Aber ich kämpfe immer noch mit einer Traumafolgestörung und mit Teilen einer Borderlinestörung. Die Behandlung dieser Krankheiten ist langwierig, und deshalb bin ich noch nicht ganz durch.

 

Wie beeinträchtigt sind Sie durch diese Krankheiten?

Fuhljahn: Zum einen kann ich noch nicht Vollzeit arbeiten. Meine Konzentrationsfähigkeit und meine Belastbarkeit sind eingeschränkt. Ich nehme Medikamente, mache noch Therapie und brauche eine ambulante sozialpsychiatrische Hilfe, zum Beispiel für Auseinandersetzungen mit Behörden. Seelisch quälen mich vor allem die Flashbacks. Wenn der Tod meiner Mutter angetriggert wird und meine Zeit im Kinderheim, fühlt sich die Vergangenheit an wie jetzt. Diese Ausnahmezustände sind schmerzhaft und anstrengend.

 

Können Menschen glücklich sein, wenn sie unter Depressionen leiden?

Fuhljahn: Bei einer schweren Depression nicht. Es ist es aber ein Unterschied, ob sie mit einer schweren Depression im Krankenhaus liegen und nicht mehr aufstehen, oder ob sie an einer leichten Depression leiden, in der es noch glückliche Momente geben kann.

 

Warum haben Sie eigentlich begonnen, Bücher über psychische Krankheiten zu schreiben, und was wollen Sie damit erreichen?

Fuhljahn: Ich kam mit Anfang 30 in die Klinik und hatte von dem ganzen System, von Psychologie und Psychiatrie null Ahnung. Wie finde ich die richtige Klinik? Welche Medikamente gibt es? Wodurch unterscheiden sich Psychotherapien? Als ich meine Konzentrationsfähigkeit zurückbekam und ich wieder lesen konnte, wollte ich mich über die Krankheiten informieren. Und ich stellte fest: Es gibt sehr viele und gute Informationen. Betroffenenberichte, Sachbücher und Fachbücher. Gefehlt hat mir dieses komplexe Wissen zusammengefasst in einem Werk, geschrieben in einer leicht verständlichen Sprache. Damit andere einfacher und schneller die wesentlichen Infos bekommen, habe ich meine Bücher geschrieben.


Info: Die Lesung am Dienstag, 6. März, findet um 19.30 Uhr im Evangelischen Gemeindehaus in Bayreuth, Richard-Wagner-Straße 24, im Seminarraum im Hof statt.

Am Mittwoch, 7. März, ab 16 Uhr ist Heide Fuljahn im Bezirkskrankenhaus Bayreuth, Nordring 2, in der Alten Wäscherei zu Gast.

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