Hazel Brugger: Das Schamvakuum füllen

Brugger ist erst 23 Jahre alt, und sie kommt vom Poetry Slam, den "Paralympics der Literatur". Denn: Bei diesen Wettbewerben kann man zwar schon was gewinnen, aber niemanden interessiert es. Außer den eigenen Eltern vielleicht, "aber für die mache ich keine Kultur", Dass sie vom Poetry Slam kommt, sagt sie lieber, als ihr Heimat-Kaff in der Schweiz zu nennen. Da wo Inzest kein Pflichtfach in der Schule ist, aber so ähnlich. Auf jeden Fall ein Ergebnis von Trostlosigkeit.

Apropos Trostlosigkeit: Bayreuth sei ja ganz okay. Deswegen mache sie sich jetzt auch nicht über die Wagner-Stadt lustig. Überhaupt, sich über Orte lustig zu machen, das finde sie doof. "Denn Sie alle wissen ja selbst, dass Bayreuth nicht New York ist. Warum sollten Sie zelebrieren, dass so ein Nazi hier mal Musik gemacht hat. Im Gegenteil, ich finde das total toll: Sie akzeptieren, dass es trostlos ist. In New York merkt man erst mit 30, dass es sich lohnt, sich umzubringen, hier schon mit fünf."

Apropos umbringen: Da ist es schon direkt, Bruggers Lieblingsthema, der Tod. Obwohl es ja so absurd sei, diesem Lebensabschnitt, der noch nicht mal ein Prozent in der eigenen Timeline des Daseins ausmacht, so viel Aufmerksamkeit zu widmen, macht Brugger es selbst. Und wenn es nur um Bewältigungsstrategien gegen den Stress, dass man am Leben ist, geht. Also Tod-Hinauszögerungs-Strategien. Die bei manchen nicht aufgehen. Etwa den Zehn, die jährlich in oder an einem Snack-Automaten sterben. Von wegen natürliche Auslese! Das ist ein Deal zwischen Natur und Kultur, weiß Brugger. Weil die Natur irgendwann mal sauer war, dass die ganzen guten Parties ohen sie steigen. Und die Kultur dann einen Deal angeboten hat.

Apropos Angebot: So ein Kabarett-Programm, das mache sie ja nur, um sich selbst ein Denkmal zu setzen. Denn der Himmel könnte auch eine Turnhalle sein, in der ein fetter Mann in Radlerhose namens Ralf einen erwartet. Und dann wäre es doch besser, vorher noch was Bedeutendes zu machen. Eben zum Beispiel Kultur. Kultur ist: "Wir haben alles, was wir brauchen, also könenn wir jetzt unnötigen Scheiß machen." Was nach dem Scheiß kommen könnte, weiß man nicht so genau.

Apropos Strategien: Die braucht die Außenreporterin der ZDF-"heute-show" dauernd, für alles. Immerhin fallen da wertvolle Tipps fürs Publikum bei ab. Etwa wie man am besten einen schönen Abend allein an der Bar auch weiterhin allein verbringt. Also, falls man transsympathisch ist so wie Brugger und lieber alleine bleiben will. Sollten aber noch mehr wie die Schweizerin das Problem haben, dass eine total nette Person im Körper einer furchtbar emotionslosen, gar garstigen Person gefangen ist, dann ist das kein Grund für Selbstmord-Gedanken, sondern es lässt sich sogar Profit daraus schlagen: Entweder Sie geben Seminare in verbaler Verhütung. Oder Sie werden auch einfach Kabarettistin, denn "niemand, der perfekt ist, braucht Humor."

Apropos Humor: Den haben Feuilletonisten nicht. Die seien so verkopft, meint Frau Brugger. Daher liefert sie bei ihrer Show direkt selbst eine Kritik. Die könne der Presse-Vertreter dann nachher kaufen. Allerdings kommen für die verkopften Feuilletonisten darin zu viele unflätige Wörter vor. Klar muss man bei großer Kunst auch mal unter die Gürtellinie gehen, damit hat Bayreuth ja auch durchaus Erfahrung. Aber wir fanden jetzt bemerkenswerter, wie Brugger rasant und komplett frei gesprochen in Emotionen reinrutscht oder ein Schamvakuum nach dem anderen ausgleicht. Wer von den Kopferten hätte auch nur geahnt, wie viel Planung es erfordert, Bestell-Algorithmen im Internet auszutricksen oder welch menschlich-integrative Kraft von Fusseln zwischen den Zehen ausgeht? Und außerdem bringt die Kultur ja nie Geld, da können wir auch keins ausgeben.Wie gut, dass die Zugabe gratis war. Und geil.

Ein Interview mit Hazel Brugger lesen Sie hier.

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