Harvester frisst sich durch den Wald

Eben hat er noch erklärt, was genau er mit welcher Handbewegung steuert, aber die Arbeit geht zu schnell und zu fließend, um die Griffe des Bedieners den Aktionen des Ernte-Aggregats zuzuordnen.Götz ist ein versierter Harvester-Fahrer. Seine feinen motorischen Fähigkeiten würden wohl auch reichen, um einen Hubschrauber zu fliegen oder eine Raumfähre anzudocken. Aber er sitzt eben hier, auf dem Rücken dieses zwölf Meter langen Ungetüms, das sich wie ein riesiges Insekt durch den Forst frisst.

Nährstoffe für den Waldboden

Wieder greift der Kranarm hinein in den Wald, packt sich knapp über dem Boden einen Baum mit dem vom Förster aufgesprühten roten Punkt. Die Kettensäge klappt heraus, keine fünf Sekunden später ist der Stamm durchtrennt, steht aber noch aufrecht. Erst Tobias Götz neigt ihn mit einer kleinen Handbewegung zur Seite, führt den Kranarm zu sich heran und schiebt gleichzeitig den Baum mit hydraulisch angetriebenen Stachelwalzen durch den Fällkopf. Scharfe Messer entfernen Äste und Teile der Rinde, die an Ort und Stelle bleiben und dem Waldboden beim Verrotten wieder Nährstoffe zuführen.

Auf der digitalen Anzeige in seiner Kabine kann Götz den Durchmesser und die Länge des bearbeiteten Stückes ablesen. Zentimetergenau trennt er den Stamm ab. Mit geübtem Blick erkennt der gelernte Forstwirt die Qualitätsklasse des Holzes. Das dünne Giebelmaterial legt sich der Forstmann quer vor die 80 Zentimeter breiten Reifen. Das verringert den Druck und damit die Waldboden-Verdichtung. Immerhin wiegt der Holzvollernter fast 24 Tonnen.  

Den günstigsten Weg durch den Wald sucht sich Götz selbst. Eisernes Gebot dabei: Die Rückegasse darf er nicht verlassen. „Das ist ein absolutes No-Go“, sagt der 29-Jährige aus Bad Berneck, der beim Fichtelberger Forstunternehmen  HWF beschäftigt ist. Weil Harvester nicht kreuz und quer durch den Wald fahren, werden Bodenverdichtung und Wurzelschäden trotz hochmechanisierter Erntetechnik auf ein Minimum beschränkt.

Hochsensibles Gebiet

Dass Forstmaschinenführer kein Ausbildungsberuf ist, bedauert Florian Manske, Servicestellenleiter beim Forstbetrieb Fichtelberg der Bayerischen Staatsforsten. Denn Harvesterfahrer wie Götz müssen nicht nur sehr geschickt mit ihrer komplizierten, rund 250 000 Euro teuren Maschine umgehen, sie tragen auch eine hohe Verantwortung. Gerade in einem hochsensiblen Gebiet wie hier am Osthang des Ochsenkopfes, wo „auf der gleichen Fläche so viele verschiedene Sachen stattfinden“. Kommerzielle Waldbewirtschaftung trifft auf Wanderer, die Erholung suchen, auf Sportler, die hier Mountainbiken oder im Winter Skilanglaufen wollen. Zudem versorgt das Gebiet eine ganze Region mit Trinkwasser. Und streng geschütztes Auerwild gibt es auch.  „In diesem enormen Spannungsfeld, in dem alles aufeinander trifft, müssen wir das Unmögliche möglich machen“, sagt Manske. Ein Großteil der Freizeit-Waldnutzung findet in den staatlichen Forsten statt, die mit rund 756 000 Hektar mehr als ein Viertel der Waldfläche Bayerns ausmachen. Zugleich müssen sich die Forstbetriebe zu 90 Prozent aus dem Holzverkauf finanzieren.

Schäden sind nicht zu vermeiden

Der Einschlag wird mittlerweile über das ganze Jahr verteilt. Zur Hälfte erledigen ihn Forstarbeiter, zur anderen Hälfte wird das Holz bereits hochmechanisiert geerntet. Im Winter wirken Schnee und Eis als Schutzschicht für den Boden, im Sommer werden in weichem Gelände breite Bänder auf die acht fast mannshohen Reifen gespannt, um den Druck noch besser zu verteilen. Schäden sind bei aller Umsicht allerdings nicht zu vermeiden. Vor allem die Forstwege – 350 Kilometer davon unterhalten die Staatsforsten im Betrieb Fichtelberg – leiden, wenn der 260 PS starke Harvester darauf eine Kurve fahren muss.

Götz hat seinen Harvester wieder zurück auf den Forstweg bugsiert. Jetzt ist Kollege Albert Pscherer dran. Der 59-jährige Mehlmeisler fährt den Forwarder, die Maschine, die die neben der Rückegasse gestapelten Holz-Sortimente aus dem Wald holt und abholbereit für die Kunden an den Rand des Forstweges schlichtet. 114 500 Festmeter Holz verkauft der Forstbetrieb Fichtelberg jedes Jahr, zumeist Bauholz der Qualitätsklassen B und C. Der Rest sind „Dora-Hölzer“, wie Götz sagt. Aus ihnen werden Pressspanplatten, Hackschnitzel oder Zellstoffe hergestellt.

Feierabend im Forst. Götz und Pscherer haben pro Stunde rund 20 Festmeter Holz gemacht, knapp zehnmal so viel wie herkömmliche Holzhauer mit Motorsäge und Axt. Das Harvester-Team ist für die Massenware zuständig. Bei Wertholz der Qualitätsklasse A, aus dem edle Furniere geschnitten oder gar Geigen gebaut werden, ist der Mensch der Maschine immer noch weit überlegen. Diese Bäume werden bis heute ganz klassisch gefällt: von Hand.

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Kommentare

...Forstamt Fichtelberg: Fürchterlich, wie mit dem Wald umgegangen wird. Nur Kommerz.
Die Firma macht nur ihre Aufgabe...
Kann man das Gerät nicht auch vom Büro aus steuern?
Selbstverständlich! Das sind aber unverständlicherweise lauter Frischluftfanatiker!
Zitate aus dem Bericht:
"Rinde, die an Ort und Stelle bleiben und dem Waldboden beim Verrotten wieder Nährstoffe zuführen.
Das dünne Giebelmaterial ... verringert den Druck und damit die Waldboden-Verdichtung."
Frage: Warum muss dem Waldboden Nährstoffe zugeführt werden?
Dünne Äste verrotten sehr langsam und zerstören die Bodenkultur für die Kleingewächse, wie z.B. Heidelbeerkraut.
Dieser Satz liefert die Erklärung für diese Aktionen:
"Zugleich müssen sich die Forstbetriebe zu 90 Prozent aus dem Holzverkauf finanzieren."
Wer legt denn diesen Prozentsatz fest? Soll der Wald wirklich vorallem eine Holzfabrik sein?
Zu Ihrem letzten Satz:
Ja was glauben Sie denn sonst, wozu Wälder aufgeforstet wurden - als Tummelplatz für Pilzsammler oder für Nordic Walker?
Zwar nicht gleich als Fabrik (tolerierbare Ungenauigkeit), aber als Rohstoffreservoir.
Hat denn der Wald nicht auch oder vorallem eine Funktion für die Umwelt und Natur als Luftreinhalter, Wasserspeicher, Reservate,..? Als Holzfabrik erfüllt der Wald mit seiner überwiegenden Monokultur und den schweren Erntemaschinen nur sehr bedingt diesen Anforderungen. Ein gesunder Wald mit Bodenbewuchs und Unterholz sieht ganz anders aus als diese Holzplantagen.
Womit Sie mir ja Recht geben.
Unsere Wälder sind größtenteils Plantagen!
Ich denke halt langfristiger. Man weiß doch, dass der ursprüngliche Wald auch im Fichtelgebirge ein Mischwald war. Vielleicht braucht die Menschheit in Zukunft einen möglichst gesunden Wald.
Zur Information: [externer Link entfernt /admin]