Hans Söllner, der Weltverbesserer

Einen Auftritt von Hans Söllner auf seiner aktuellen Solo-Tour als Konzert zu bezeichnen, greift zu kurz. Wenn er erzählt, dass er kürzlich nach mehr als zwei Stunden von einem Fan in der ersten Reihe gefragt wurde, ob er heute noch ein Lied spiele, dann ist man geneigt, das zu glauben.

Ein Rock, um ihn besser am Arsch lecken zu können

Es geht mit einer Plauderviertelstunde los, in der Söllner die Marschrichtung für den Abend vorgibt: Obama, Trump, der deutsche Staat – Söllner betritt die Bühne im Schottenrock, weil er die Hose „gar nicht so oft runterziehen kann, wie die mich am Arsch lecken können“. Alles klar, von seiner Bissigkeit hat der 61-Jährige ganz offensichtlich keinen Deut eingebüßt.

Und am hartnäckigsten beißt sich der Bad Reichenhaller einmal mehr an der Polizei fest. Sein neues Lieblingshobby: sich ins Auto setzen, den nächsten Streifenwagen suchen, ihm hinterher fahren und die Zeit stoppen, bis die Polizisten ihn bemerken. „Weißt scho“, sagt er immer wieder, wenn er seine Geschichten erzählt. „Weißt scho.“ Söllner redet nicht wie ein Star von der Bühne herab zu seinen Fans. Er plaudert eher mit jedem einzelnen. Gerade so, als ob er mit seinem besten Kumpel im Wirtshaus an der Theke hockt. „Weißt scho.“

Man sollte ihn wenigstens einmal gesehen haben

Aber funktioniert das Bild, das Söllner von der Welt zeichnet? Auf der einen Seite der böse Staat, der die Menschen drangsaliert, ausnimmt und einengt – und auf der anderen Seite die unterdrückten Menschen, die sich nach Freiheit, Liebe und Selbstverwirklichung sehnen. Ganz so schwarz und weiß ist die Welt wahrscheinlich nicht mehr, wenn sie das überhaupt je war. Aber das ist eben seine Art, Missstände anzuprangern.

Die meisten Zuschauer im Zentrum kennen ihn wohl schon länger. Und man sollte Hans Söllner gesehen haben. Wenigstens einmal. Und wenn es nur dazu dient, zu erkennen, dass es noch andere Denkweisen und Lebensentwürfe gibt. Schließlich beweist Söllner seit Jahrzehnten, dass mehr möglich ist, als man sich selbst manchmal zutraut. Insofern macht der Liedermacher Mut.

Das hat er seit zwei Jahren nicht gespielt

Oder doch nicht? Denn ob Liebe, Familie oder Politik – die Lieder von Hans Söllner erzählen immer wieder Geschichten von aussichtslosen Kämpfen. Und doch lautet die zentrale Botschaft des Mannes, der da alleine mit Gitarre und Mundharmonika auf der Bühne steht: Gebt niemals auf, verliert nie die Hoffnung.

Ob der Funke zwischen Söllner und dem Publikum vollständig überspringt, ist bis zu den Zugaben nicht ganz klar. Aber als ein paar Fans hartnäckig das Kifferlied „Edeltraud“ fordern, bekommen sie, was sie wollen. Das habe er seit zwei Jahren nicht mehr live gespielt, sagt Söllner und lässt sich erweichen. Die Fans stehen auf und klatschen mit.

Nicht Hans Söllner, der Entertainer

So gut gelaunt will er sein Publikum aber nicht in den Abend entlassen. Aktuell macht sich der Liedermacher aus Bad Reichenhall gegen die Genitalverstümmelung bei Frauen in Afrika stark. Er sammelt spenden. Und Söllner hat ein Lied über Genitalverstümmelung geschrieben, das er am Schluss spielt und mit dem er das Publikum nachdenklich nach Hause schickt. Er ist eben nicht Hans Söllner der Entertainer sondern Hans Söllner der Weltverbesserer.

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