Gruseln bei der Stadtführung

Kurz vor der Premiere ist Thomas Büttner ein wenig aufgeregt. Die Nervosität ist aber schnell verflogen, als er zu sprechen beginnt. Unter den Teilnehmern sind Freunde sowie Interessierte, die im Internet auf die Führung gestoßen oder recht zufällig vor der Touristinfo in Pottenstein gelandet sind. Zum Beispiel Hans Dressel aus Velden. Einmal pro Woche geht er mit seinen beiden Freunden Rudolf Lendl aus Neuhaus und Werner Seibold wandern. Lendl ist der Wanderführer des Trios und hatte in der Zeitung von der Veranstaltung in Pottenstein gelesen. Er hatte zwar gedacht, dass das Scharfrichtermuseum zur Führung geöffnet ist, doch der Besuch wird erst Bestandteil der kommenden Veranstaltungen sein.

Hand liegt im Wahrheitsmund

Einen Stopp davor legt die Truppe trotzdem ein. Büttner pickt sich eine Teilnehmerin heraus, Antje Güllner aus Mistelgau. Sie ist mit ihrem Freund Florian Breu aus Schwandorf hier. Das junge Glück wird auf die Probe gestellt: Büttner fragt die 35-jährige Güllner, ob sie Breu treu gewesen ist.

Ihre Hand liegt im Wahrheitsmund. Sie bejaht und hat nicht gelogen — die Hand bleibt dran. „Antje ist ein treues Weib“, fasst Büttner zusammen. Auch Breu langt ohne zu Zögern in den Schlund — und besteht die Prüfung ebenfalls. Früher hätte ein Zaudern ausgereicht und der Henker hätte Folter einsetzen dürfen. Denn Untreue galt als schweres Verbrechen und wurde mit dem Tod bestraft.

Mittelaltermarkt auf Burg Rabenstein

Das Paar macht Wikingerdarstellungen, beim Mittelaltermarkt auf Burg Rabenstein schlüpfen sie zum Beispiel in historische Gewänder. Deshalb war die düstere Führung für sie ein Glücksgriff. Passend zu den dunklen Themen hat sich der 49-jährige Büttner einen schwarzen Umhang übergeworfen und ein Seil samt Henkersknoten umgebunden — mit eingebauter Sicherung versteht sich, damit ihm nicht die Luft wegbleibt, wenn sich die Schlinge zuzieht.

Medizinische Kenntnisse

Büttner wartet mit allerhand wahren Gruselgeschichten auf: Wo heute der Köppelplatz ist, wurden früher zahlreiche Menschen geköpft. Der Tod durch Köpfen war den angesehenen Menschen in der Bevölkerung vorbehalten. Weniger angesehene wurden gehängt. Immer im Blick hatte die Hinrichtungen der Burgvogt. Medizinische Kenntnisse waren für einen Henker unverzichtbar, musste er seinem Opfer doch mit einem Schlag den Kopf abtrennen.Doch an der vorhergehenden Folter durfte das Opfer nicht sterben. Um sich ein kleines Zubrot zu verdienen, verkauften Scharfrichter Menschenfett und abgetrennte Gliedmaßen. „Das diente dem Aberglauben und zu Heilzwecken“, so Büttner.

Steinerne Überreste im Quadrat

Der Weg führt weiter zum Hochgericht, wo die in der Gesellschaft unten Angesiedelten gehängt wurden. Übrig geblieben ist davon nichts weiter als steinerne Überreste im Quadrat. „Tod durch Erhängen war normalerweise eine schnelle Angelegenheit“, so Büttner. Außer man starb nicht am Genickbruch, sondern erstickte.

„Generell ist Hinrichten kein Spaß“, sagt der Pottensteiner und sorgt damit für Lacher unter den Teilnehmern. Die Stationen Köppelplatz und Hochgericht werden bei künftigen Führungen nicht dabei sein, dafür aber eine Henkersmahlzeit.

Der Letzte, der in Pottenstein gehängt wurde, war übrigens ein Gößweinsteiner. „Er hatte behauptet, dass das Pottensteiner Bier nicht trinkbar ist. „Grund genug ihn aufzuhängen.“ Bei der Führung geht es auch ganz allgemein um die Stadtgeschichte: Um den verheerenden Brand im Jahr 1736, wie die Pottensteiner Esel zu ihrem Namen kamen, was das Hochwasser der Püttlach damit zu tun hat und das Rosenwunder der heiligen Elisabeth.

Nach der Premiere gibt es positive Rückmeldungen: „Sehr geil“, sagt Antje Güllner. „Auf jeden Fall zum Weiterempfehlen“, findet Breu.

„Ich find’s gut“, meint Helmut Strobel aus Pegnitz. Und auch Hans Dressel ist begeistert. „Ich bin positiv überrascht, weil damit hab ich nicht gerechnet. Wir wollten ja eigentlich nur wandern.“

Nicht bewertet

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