Gerti Richter: 25 Jahre Kinderchorleitung

"Wenn, dann richtig", das zieht sich durch ihr Leben. Das gilt immer. Nicht nur beim Einsingen.Nicht umsonst gelingt es ihr, Jahr für Jahr nach einer Probenzeit von nur 14 Wochen ein großes Musical auf die Beine zu stellen. Nicht ihr allein, selbstverständlich.  Sondern der Chorfamilie: Kinder, Eltern, das große Jugendteam, das zwölfköpfige Team aus ehrenamtlichen Helfern – sie alle tragen ihren Teil bei, und jeder gibt sein Bestes, anders geht es gar nicht. Denn Gertis Perfektionismus ist berüchtigt, auch der größte Teil ihrer eigenen Arbeit ist ehrenamtlich. Sind die Kinder dem Chor entwachsen, verlassen trotzdem nur wenige das Team. Die meisten bleiben, denn die Energie, die von dieser Frau ausgeht, ist magisch. Und eines ist klar: Die Kinder haben Spaß. „Die Kinder stehen auch immer im Mittelpunkt“, sagt Gerti.

Wer etwas erreichen will, muss dranbleiben

Richtig heißt Gerti eigentlich Gertrud-Maria Richter, das wissen alle wegen ihrer E-Mail-Adresse. Sagen tut das keiner: Sie ist Frau Richter oder Gerti. So wurde sie auch als Kind gerufen, damals als sie in einem Dorf in der Nähe von Köln aufwuchs, wo sie lernte, dass es hilft, an den Dingen dranzubleiben, wenn man etwas Gutes hinkriegen will und wo sie erfuhr, wie stark Kinder werden, wenn sie Verantwortung bekommen.

Schwer beeindruckt vom Cowboygesang

Gesang gehört zu Gerti Richters Leben, seit sie denken kann. Ihre Eltern waren keine Musiker. „Aber sie konnten beide sehr schön singen. Wir haben eigentlich immer gesungen“, erinnert sie sich. Sie, eine ihrer Schwestern, die Mutter – irgendeiner fing  immer an, und der Vater hatte das Talent, zu allem eine zweite Stimme zu singen. Schon im Kindergarten sagte Gerti, das Mittlere der drei Kinder, sie wolle Lehrerin für Musik werden. Auf einem der wenigen Fernseher im Dorf sah sie irgendwann Cowboy-Serien mit Lagerfeuergesang. „Das hat mich schwer beeindruckt“, sagt Gerti. Prompt wollte sie Gitarre lernen. Mit dem Gemeindekantor fanden die Eltern einen Lehrer. Nach drei Unterrichtsstunden teilte Gerti ihnen allerdings mit: „Ich brauche einen neuen Lehrer.“ Einen, der sein Instrument nicht nur spielen, sondern auch vermitteln kann. Ihre Eltern sahen das damals auch ein, es gab aber keinen anderen. Später sah Gerti im Fernsehen den Konzertpianisten Vladimir Horovitz beim Klavierspiel. „Kann man das lernen?“, fragte sie. Die Eltern zögerten mit der Gitarrenerfahrung im Nacken. Schließlich aber bekam Gerti ihren Unterricht, diesmal beim Schuldirektor. Didaktisch sei das auch nicht wirklich ausgefeilt gewesen, aber mit sehr viel Leidenschaft für die Musik und sehr nett. Klavier blieb ihr Instrument.

Lehrerin für alle Kinder im Dorf - inklusive Martinswecke

Gerti war nicht nur schon als Kind musikbegeistert, sondern auch schon Lehrerin. Als sie selbst noch in der Grundschule war, unterrichtete sie die Nachbarskinder. Sie spielten nicht nur ein bisschen Schule, sondern richtig: Gertis Vater richtete ihr schließlich sogar einen Kellerraum mit ein paar ausgedienten Schulpulten ein. Dorthin lud sie regelmäßig die jüngeren Dorfkinder. Natürlich sang sie auch mit den Kindern und unternahm Ausflüge – und zu St. Martin bekam sie von der Mutter Martini-Männer für alle Kinder. Auch heute noch bekommen die Kinderchorkinder nach der St.-Martins-Probe solch ein Gebäckstück. Ohne zu ahnen, wie alt diese Tradition schon ist.

Rhythmus ist alles

Sie tanzte gern und war fasziniert von Rhythmen: Den Takt, in dem irgendeine modebewusste Gläubige jeden Sonntagmorgen auf dem Weg zur Frühmesse auf Pumps an ihrem Fenster vorbeistöckelte, kann sie noch heute nachklopfen. Als sie ihren ersten Steppfilm im Fernsehen sah, fegte sie so lange für den Dorfschuster die Straße, bis sie sich zwei Plättchen unter die Schuhe verdient hatte, dann steppte sie selber los. Tanzunterricht gab es damals samstagnachmittags im Fernsehen.

Aufnahmeprüfung bestanden: „Einer der glücklichsten Momente in meinem Leben.“

Tanzen. Singen. Rhythmus. Musik. Lehre. Didaktik. Es gab vieles, was Gerti Richter interessierte. Aber wohin genau sollte es gehen? Was studieren? Klavier? Theater? Gesang? Pädagogik?  Die Entscheidung fiel schwer. Weshalb sie gerne erst einmal noch ein Jahr an ihrem Gymnasium blieb – ein Tagesheimgymnasium, an dem sich Lehrer und Schüler gut kannten, die Lehrer genau wussten, was sie ihrer Schülerin zutrauen können. Sie bekam das Angebot, als Medientutor ein Jahr lang Musik zu unterrichten. Das Jahr zu warten, hat sich gelohnt: Durch Zufall entdeckte sie den Studiengang Rhythmik an der Musikhochschule Köln. Dazu gehörten jede Menge Fächer: Didaktik. Rhythmik. Tanz. Anatomie. Klavier als Hauptfach und Gesang , später auch Opernschule mit Schauspielunterricht und Fechten. Alles, was sich für Gerti Richter richtig anfühlte, vereint. Und sie machte alles richtig: Zwei Studienanfänger wurden genommen, sie war eine davon. „Einer der glücklichsten Momente in meinem Leben.“

Ideale Begegnung: Ein Musiker mit Hund

Davon gab es einige. Als Glück empfindet sie, viele Jahre später, ihren letzten Umzug: seit 17 Jahren sind die Richters raus aus der Stadt. Ihr Leben ist voll, aber auch voller Ruhe. Die bringt das Haus mit sich, die Zeckenmühle bei Mistelbach, wo die Rehe bis auf die Terrasse kommen. Von wo aus Gerti mit Hündin Annie in den Wald spaziert und singt: „Ich muss die Texte ja auch können und zwar alle.“ Hunde hat Gerti immer gehabt, schon als Kind. Auch ihr Mann Nicolaus hatte einen, damals als sich die beiden kennenlernten, er damals Orchestermusiker in Köln und im Festspielorchester Bayreuth, sie noch Studentin in Köln. „Wahrscheinlich war er mir deshalb besonders sympathisch“, sagt sie und lacht so herzlich, wie es den Rheinländern so leicht fällt. Einen Musiker fürs Leben zu finden sei auch großes Glück gewesen. Ihre Tochter wohnt inzwischen mit ihrem Mann und ihren zwei Enkeln im Nachbarhaus: „Es ist schön, einen Teil der Familie zu Hause zu haben“. Wieder ein Stück Glück. Ihr Sohn hat seinen Lebensmittelpunkt in Reutlingen.

Zum Kinderchor kam Gerti Richter letztlich über ihre eigenen Kinder

Das Haus beherbergt auch ein schönes großes Büro samt Flügel: die meisten Vorbereitungen für ihre Arbeit, Dozentin an der Hochschule für evangelische Kirchenmusik in den Fächern Kinderchorleitung, Rhythmik und Orff, trifft sie hier. Dozentin ist sie seit 1991, schon seit 1986 hatte sie Lehraufträge an der damaligen Fachakademie für evangelische Kirchenmusik. Gleichzeitig lehrte sie viele Jahre an der Bayreuther Uni „Musik und Bewegung“  für werdende Grund-, Haupt- und Realschullehrer, lange Zeit war sie Fortbildungsleiterin für Rhythmisch- musikalische Erziehung im Haus Marteau. „Diese Stelle an der Hochschule gibt mir die Chance, all das machen zu können. Die Verantwortlichen hier, angefangen von Hans Schmidt-Mannheim über Karl Rathgeber bis hin zu Thomas Albus dem jetzigen Rektor – sie alle haben mir immer den Rücken gestärkt. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Gerti Richter.

Zum Kinderchor kam sie über Rhythmikkurse für Kinder im Alter ihrer eigenen. Als sie gebeten wurde, die Leitung zu übernehmen, hatte sie sofort das Gefühl: „Wenn ich das mache, wird das unglaublich viel Arbeit.“ Ehe sie den Chor (wenn, dann) richtig übernahm hat sie deshalb erst einmal bei ihrer Vorgängerin Elisabeth Jung hospitiert. Sie entschied sich dafür: Trotz oder wegen all der Arbeit. Aus einer Chorgruppe wurden zwei, dann drei. Insgesamt dirigiert sie heute über 100 Kinder, im Jahr 1992 bei der ersten Sommeraufführung waren es noch 19. So groß werden konnte der Chor letztlich, weil genügend Studenten das Fach Kinderchorleitung belegt hatten. Der Bedarf war vorhanden.

"Ich war nie streng - nur konsequent."

 „Ich habe mich nie als streng empfunden“, sagt Gerti über sich. Nur als konsequent: „Wenn, dann richtig“, erwartet sie auch von den anderen. Der Chor nutzt nicht nur den Kindern, sondern dient der Ausbildung Studierender im Fach Kinderchorleitung. Beide Seiten lernen viel, jede Probe zählt, wer nicht krank ist, sollte zu jeder Probe kommen. „Wenn es der Geburtstag des allerbesten Freundes ist, wird er den Geburtstag verlegen“, sagt sie gerne mal auf Elternabenden.  „Chor geht vor“, munkeln die Eltern und halten sich bis auf wenige Ausnahmen an dieses Motto. Abschreckend ist es jedenfalls nicht: Gerti hat Anmeldungen bis zum Jahr 2021 und die Instanz, die immer im Mittelpunkt steht, belohnt sie stürmisch: Die Kinder lieben ihre Gerti. Als Preis für konsequentes Auftreten erntet sie nach jeder Aufführung den tosendsten Applaus der versammelten Chöre auf der Bühne. Das sind Höhepunkte nach langer und präziser Planung und Arbeit, von der die Kinder selbstverständlich nichts ahnen: Allein die Auswahl der Stücke sei immer sehr schwierig. Weil viele formale Dinge stimmen müssen: Es muss für alle Viert- und Fünftklässler Rollen geben. Viele Lieder für die Chöre. Ausreichend lang sein für eine Aufführung mit Pause. Der Verlag locker – meist schreibt das Team Szenen um oder dazu. „Und dann muss ich mir natürlich vorstellen können, dass es den Kindern Spaß macht.“ Die Kinder, mit denen sie einmal pro Jahr für vier Tage auf Freizeit fährt, wo es Tradition ist, dass die Kinder morgens mit einer Musik-CD geweckt werden – obwohl Gerti gar nicht gerne früh aufsteht.

Gerti: Zu Fasching ein Clown mit zwei Zöpfchen

Das enge Team der Chorfamilie besteht zum größten Teil aus Eltern der ersten Jahre. Lore Maßler, zuständig für die Kostüme war die erste und ist seit über 20 Jahren dabei, ebenso Regisseur Maximilian Ponader und Geli Rieß als Co-Regie. Die 24 Jugendlichen, ehemalige Chorkinder, arbeiten als Helfer in den Chören, lernen in der Regie, bei Ton und Technik, viele von ihnen leisten in diesem Rahmen ihr freiwilliges soziales Schülerjahr. Ein ehemaliger Student macht seit Jahr und Tag die Tonaufnahmen, Eltern helfen in den Garderoben, an der Kuchentheke,  bei der Weihnachtsfeier und natürlich beim Fasching, der mit den Chören traditionell groß gefeiert wird. Das gehört für Gerti Richter zum pädagogischen Auftrag glasklar dazu: Den Franken den Spaß am Fasching zu vermitteln. Dann tanzt sie an der Spitze der Polonaise, im Clownskostüm mit zwei Zöpfen in den kurzen Haaren. Ein Wechsel ist nicht möglich. „Die Kinder wollen das“, sagt Gerti – und die stehen ja im Mittelpunkt.   

„Die Arbeit erfüllt mein Leben“, sagt Gerti. „Ich habe das so gewollt. Letztlich habe ich genau das gemacht, was uns Kindern mein Vater mal geraten hat: „Wenn ihr euer Hobby zu eurem Beruf macht, dann habt ihr auch in schweren Zeiten etwas, das euch Spaß macht.“  Spaß, an dem viele teilhaben.

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