Gernot Hassknecht: Noch'n Gebrüll

Herr Heist, Sie sagten selbst einmal, Sie seien eher der Heinz-Erhardt-Typ. Von dort ist es aber ein weiter Weg zu den Brüllattacken eines Gernot Hassknecht.

Hans-Joachim Heist: Privat bin ich eher der Heinz-Erhardt-Typ. Aber ich bin ja Schauspieler. Natürlich ist Hassknecht eine fiktive Person, eine Rolle, die ich in der „heute show“ spiele. Das macht mir auch wahnsinnig Spaß, aber privat bin ich kein Choleriker.

 

Dachte ich mir. Was macht Ihnen denn mehr Spaß: Gedichte von Heinz Erhardt zu rezitieren oder den Hassknecht zu geben?

Heist: Beides, weil es so unterschiedliche Rollen sind: der eine mit dem Schalk im Nacken, der andere als Wutbürger. Das sind zwei grundverschiedenen Rollen und es macht Spaß, beide abwechselnd zu spielen, was ich auf der Bühne ja auch tue.

 

Hat es Ihnen bei einer dieser Schimpfkanonaden schon mal so richtig die Stimme zerbröselt?

Heist: Auf der Bühne blieb die Stimme bisher noch nie weg. Bei der „heute show“ ist das ein einziges Mal passiert. Ich musste einen riesigen Text lesen, den ich aus technischen Gründen ein paar Mal wiederholen musste. Ich habe dabei alles gegeben, aber plötzlich blieb die Stimme weg. Das war aber nur ein einziges Mal.

 

Diese Schreiattacken sind ja zu einer Art Markenzeichen von Ihnen geworden. Sehen sie das eher als Segen oder als Fluch?

Heist: Es ist Fluch und Segen zugleich. Der Segen ist die enorme Popularität, die ich in Deutschland erreicht habe. Dadurch sind auch die Veranstaltungssäle relativ voll. Der Fluch für mich als Schauspieler ist, von den Regisseuren und Redakteuren auf so eine Rolle festgelegt zu werden. Die sehen mich dann nicht mehr als Schauspieler, sondern nur noch als Schreihals aus der „heute show“. Man wird von den Fernsehleuten immer in eine Schublade gesteckt.

 

Das Publikum erwartet aber vermutlich gerade diese cholerischen Ausbrücke von Ihnen. Wie gestalten Sie denn das Programm drum herum?

Heist: Es ist nicht so, dass die Zuschauer Angst haben müssen. Die Ausbrüche sind sehr dosiert. Zwei Stunden lang würde das Rumgebrülle ja weder das Publikum noch ich selbst aushalten. Es ist ein Kabarett-Satire-Programm mit sehr vielen Comedy-Elementen. Die Leute werden rausgehen und sagen: Wir haben auch sehr gelacht.

 

Wie schnell können Sie denn bei der „heute show“ auf tagesaktuelle Entwicklungen reagieren?

Heist: Es wird immer erst freitags produziert. Ich fahre morgens nach Köln ins Studio. Dort sind die Textproben und die Proben mit Kamera. Um 18 Uhr wird dann vor Publikum aufgezeichnet und um 22.30 gesendet. Das nennt man live on tape. Wir können also noch am Freitag auf aktuelle Dinge reagieren.

 

Schreiben Sie Ihre Texte selbst?

Heist: Da gibt es ein großes Autorenteam. Die meisten Texte für die Figur Hassknecht schreibt entweder Oliver Welke selbst oder Morten Kühne.

 

Gibt es ein Vorbild für diese Figur?

Heist: Ich kannte diese Figur nicht. Aber es gab in Amerika eine Late-Nigth-Show mit einem cholerischen Moderator.

 

Hatten Sie denn privat mal einen Lehrer oder Chef, der immer rumgebrüllt hat?

Heist: Nein, die waren eigentlich alle relativ ausgeglichen. Aber in meinem Heimatort gibt es schon einige, die cholerisch drauf sind. Mein Opa mütterlicherseits war leicht cholerisch. Von daher kenne ich das auch.

 

Wie erklären Sie sich, warum viele Leute diese Ausbrüche gerne hören?

Heist: Ich glaube Hassknecht ist deshalb Kult, weil er ein Sprachrohr ist, wenn es darum geht, Frust, Ärger und die Missstände in unserem Land lautstark auf den Punkt zu bringen. Er ist nicht immer sehr korrekt, er sagt ja auch mal „Scheiße“ und „Arschloch“, aber er ist garantiert parteiübergreifend.

 

Sie aber sind doch SPD-Mitglied.

Heist: Die Figur Hassknecht hat mit Hans-Joachim Heists politischem Engagement nichts zu tun.

 

Kann man sagen: Die Sprache des Stammtisches wird hier in ein intellektuelles Fernsehformat getragen?

Heist: Den Stammtisch gibt es ja garnicht mehr. In meiner Jugend gab es noch in jeder Kneipe sonntags morgens einen Stammtisch. Da wurde auch politisch diskutiert. Das gibt es leider nicht mehr.

 

Wie könnte ihre Karriere nach Gernot Hassknecht aussehen?

Heist: Ich habe immer gesagt, es gab für mich ein Leben als Schauspieler vor Gernot Hassknecht und es wird auch ein Leben nach Hassknecht geben. Das entwickelt sich gerade, während ich noch Hassknecht spiele. Ich habe im vergangenen Jahr eine Hauptrolle in einem wunderschöne ARD-Film, „Verliebt in Amsterdam“, gespielt.

 

Was erwartet die Besucher bei Ihrem Auftritt in Bayreuth?

Heist: Auf jeden Fall ein sehr unterhaltsamer Abend, bei dem es natürlich um Politik geht. Ich trete auf und sage: Wir müssen dringend über Demokratie reden. Es geht um Bildung und Rente und auch darum, dass Frau Merkel so gerne über das postfaktische Zeitalter erzählt. Und da sagt Hassknecht ganz klar: Es gibt kein postfaktisches Zeitalter. Das Zeitalter nach den Fakten nennt man Demenz.

 

Wir erleben ja gerade tolle Zeiten für Kabarettisten.

Heist: Ja, leider.

 

Was fällt Ihnen noch zu Bayreuth ein?

Heist: Ich hoffe, dass mich die Familie Wagner mal zur Premiere auf den Grünen Hügel einlädt, so dass ich dort neben Angela Merkel einlaufen könnte.

 

Welche Oper würden Sie denn gerne sehen wollen?

Heist: Hm, das ist eine gute Frage ...

 

Sagen Sie jetzt nichts von Mozart, sonst werden Sie hier wieder ausgeladen.

Heist: Dann vielleicht doch die „Meistersinger“.

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