Gelungener Start für Kulturfreunde

Es gibt ziemlich untrügliche Zeichen dafür, dass ein Konzert gut läuft. Zum Beispiel, wenn man sich als Zuhörer, nach einem langen Arbeitstag womöglich, doch fernab jedes Schleiers von Müdigkeit nicht einfach von der Musik davontreiben lässt; wenn man ganz im Gegenteil hinterherhört, begierig lauscht, feinnervig auf jeden Ton achtet – einfach, weil jeder Ton es wert scheint.

Das Sonderkonzert, das Florian Glemser zum Abschied des scheidenden Kulturfreunde-vorstandsmitglieds Reinhard Maier im Europasaal des Zentrums gab, war genau so.

Also gut. Bestens sogar.

Ein Musiker, der sich zurücknimmt

Es lief so, dass man sich gar nicht vorstellen wollte, dass der junge Pianist mit seiner Ausbildung noch nicht mal am Ende sein soll. Man las es im Programmblättchen, man vergaß es aber besser gleich wieder. Man müsste ja mit diesem Wissen dem Glemser eine erst recht tolle Zukunft prophezeien, ganz so, als wäre nicht schon die Gegenwart ziemlich großartig. Als hätte man nur einen verheißungsvollen Wechsel erhalten und nicht schon gültige Währung. Mit diesem Gefühl aber hätte man sich keinen Gefallen getan.

Weil dieses Konzert Konzentration auf die Gegenwart forderte. Nicht, weil man Angst um den Pianisten haben musste. Sondern weil man hören wollte, was Florian Glemser als nächstes überraschend hervorzauberte. Und zwar wie ein guter Bildhauer, der mit feiner Hand wegmodelliert, was nicht dazu gehört. Also, keine Show, keine Kraftmeierei, keine unter Schnaufen aufgerissenen Augen, sondern ein Versenken ins Werk, mit einer Präzision, die Gefühl erst adelt.

Bach zum Staunen

So spielte Glemser die so genannte Englische Suite von Johann Sebastian Bach sehr zurückgenommen, behutsam, dabei farbenreich, mit leicht ausgewogener Hand, die jeden Lauf, jede Linie als etwas Selbständiges erscheinen ließ: Über- und gegeneinander laufende Linien, in der jeder Ton und sein Gegenpart im Kontrapunkt sein eigenes Gewicht hatte. Das auch noch bei hohem Tempo, wohlgemerkt. So transparent spielte Florian Glemser, dass Bach erst recht rätselhaft wirkte: So glänzend bekommt man die unfassbare Meisterschaft des Eisenachers eben nicht immer vorgeführt. Je mehr man hört, desto mehr staunt man.

Man stelle sich eine reizärmere Zeit vor. Kein Fernsehen, nicht mal Radio, erst recht kein Internet. Claude Debussys „Pour le piano“ soll 1902 schon, beim ersten Mal in der Öffentlichkeit gespielt, richtig eingeschlagen haben. Glemser spielte das Werk mit deutlich romantischer Färbung, in die sich Debussys neue Mittel, die Chromatik, die Quartschichtung, das Nebeneinander unterschiedlichster Tonleitern, wie selbstverständlich einfügten. Damals war's eine Sensation. Warum – das konnte man nach diesem Vortrag nachvollziehen. Wieder eine Sensation. Man musste ja nur reizbefreit zuhören.

Später am Abend: die "Gesänge der Frühe"

Florian Glemser mag Schumann. Wer nicht? Weswegen man Robert Schumann auch sehr oft hört. In dieser Qualität aber? Eher selten. Die „Kreisleriana“ sind eines der wichtigsten Werke der romantischen Literatur. Und, auch das kann man nach diesem Abend sagen, eines der schönsten. So wie auch die rätselhaften „Gesänge der Frühe“. Wir belassen es dabei, da darf man Rätsel einfach auch mal Rätsel bleiben lassen. Ganz am Ende kann man sich doch mal davontragen lassen, es war, einfach und ohne Pose, - schön.

Kurz: Dieser Florian Glemser spielt ganz fabelhaft. Schon in der Gegenwart. Für die Zukunft sei ihm dennoch eines gewünscht: noch viel mehr Zuhörer.

 

Info: Das nächste Konzert der Kulturfreunde ist am Mittwoch, 12. Oktober, 20 Uhr, im Zentrum. Das Stuttgarter Kammerorchester spielt unter der Leitung von Matthias Foremny, mit Alexandra Conunova, Violine, als Solistin Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Pēteris Vasks und Franz Schubert.

Nicht bewertet

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