Gastronomiekarrussell dreht sich

Mit 70 wollte Erika Weigand eigentlich aufhören, doch der Plan hat nicht ganz hin hingehauen: Eineinhalb Jahre früher legt die rührige Rentnerin ihre Wirtshaustätigkeit nieder, aus gesundheitlichen Gründen, wie sie sagt.

„Planmäßig und wunschgemäß“ seien aber die fünf Jahre in dem 350 Jahre alten Fachwerkhaus gelaufen. Von klein auf habe es zu ihrem Lebensplan gehört, „irgendwann einmal Wirtin“ zu sein. Sie hat sich ihren Kindheitswunsch erfüllt, den ihr die Eltern – Wirtshausbesitzer in Bärnreuth – trotz liebevoller Warnungen nicht „austreiben“ konnten. „Lass’ es bleiben, ein Wirtshaus ist ein Narrenhaus“ sollen sie gesagt haben. Doch Erika ging in diesem „Narrenhaus“ auf, das sie zu einer Institution machte. Mit Livemusik von der „Kitchen Group“, rappelvoller Gaststube und vielen Freunden und Stammgästen feierte sie am Tag vor Silvester Abschied. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, zieht Erika Weigand Bilanz.

Krosse Kartoffeln, geklopfte Schnitzel

Doch Erika wäre nicht die Erika, wenn sie die Beine hochlegen würde. Stundenweise bedienen oder in einer Küche aushelfen, das könnte sie sich in naher Zukunft vorstellen. Doch zunächst will sie es ruhiger angehen. „Ich mache erst mal gar nichts, ruhe mich nur aus“, spielt sie auf die letzten Wochen an. Denn seit bekannt wurde, dass sie zum Jahresende schließt, habe die kleine Kneipe den größten Ansturm aller Zeiten erlebt. Jeder wollte nochmals ihre krossen Bratkartoffeln, das von ihr geklopfte Schnitzel und das selbst gemachte Sauerkraut probieren. Die Leute stehen auch am Abschiedstag Schlange, um mit ihr auf die Zeit anzustoßen. Während ihrer Ansprache kullert das eine und andere Tränchen, auch bei ihr. „Eine kleine Kneipe macht nicht reich, aber glücklich“, sagt sie. Ihr Tag war perfekt, wenn die „Hütte“ so voll war, dass am Stammtisch mit seinen acht Plätzen plötzlich 12 oder mehr Gäste saßen. Sie kannte deren Gewohnheiten – viele mussten nur Platz nehmen und das gewünschte Getränk stand ohne Worte vor ihnen. Ein Bad Bernecker „Urgestein“ bekam sein Helles im eigenen Krug serviert, den sie für ihn im Regal verwahrte. Erika war, um es mit einem geflügelten Wort zu sagen, „die Seele“ der Wirtsstube.

Jeder war integriert

Was sie in fünf Jahren geschaffen hat, schloss zudem eine Lücke: Es gibt hervorragende gutbürgerliche Restaurants im Ort, aber eine Kneipe mit Brotzeit, Stammtisch und einem Tisch zum Karteln fanden die Gäste nur bei ihr. Erika integrierte jeden. „Man fühlte sich angenommen, es war authentisch“, sagen die Stammgäste Rosi und Adi. Auch Erikas treue Mitarbeiter schwärmen von der „allzeit guten Stimmung“. Über einem Tisch hängt ein Schild mit der Aufschrift „Lumpentisch“. Hier war immer Leben. Einheimische und Zugezogene aller Altersgruppen kamen vor der alten Ortsansicht ins Gespräch, alle sozialen Schichten vereint, in wechselnder Besetzung.

Die halbe örtliche Gastronomieszene ging im „Kleinen Rathaus“ ein und aus, viele tranken nach der eigenen Schicht einen Absacker. Für Matthias Hartl, Inhaber der Lindenmühle, gehörte Erika, die ihre Kneipe im Haus der Musikschule hatte, zur „Kultur im Ort“. Auch wegen der zahlreichen Livemusik-Abende, für die sie bekannte Größen wie Sandy Wolfrum und Stevie & Hel gewinnen konnte. Im Winter heizten bis zu fünf Musiker eng gedrängt neben dem Holzofen ein, der bei Konzerten nicht geschürt werden musste. Im Sommer spielte die Musik im kleinen Biergärtla direkt an der Ölschnitz.

Amerikanische Wurzeln

Was wird aus der Kneipe ohne Erika? „Ein Abendbetrieb, mit einigen Überraschungen“, sagt der neue Pächter Derek Holt über seine Pläne. Der 44-Jährige mit amerikanischen Wurzeln lebt seit 2011 in Berneck und bringt nach eigener Angabe 30 Jahre Erfahrung in der Gastronomie mit, zuletzt arbeitete er im „Rheingold“. Er möchte das „Kleine Rathaus“ in eine „traditionelle deutsche Wirtschaft mit internationaler Ausrichtung“ umwandeln. Die Getränkekarte soll unverändert bleiben, eine kleine Essenskarte zähle zum Konzept. Ihm schweben regelmäßige Events vor, mit internationaler Küche – einer Art „Welt-Essen“ – und Livemusik. Der Wirtsstube will er ein neues Gesicht verleihen. Der Stammtisch – das Möbelstück, nicht die Gäste – kommt raus, er ist dem „Minimalisten“ zu groß, wie er erklärt. An sechs Abenden pro Woche soll offen sein, sonntags ist Ruhetag.

Ebenfalls zum Jahresende 2017 hörten Melissa und Hans Margraf nach über 15 Jahren im Marktplatzstüberl aus gesundheitlichen Gründen auf. Das 380 Jahre alte Gebäude am Marktplatz ist ein beliebtes Fotomotiv und seit Jahrzehnten eine Adresse für die gutbürgerliche fränkische Küche.

Margrafs verkauften das Gebäude an den Münchner Kaufmann Alexander Ewdokinoff. Seit November lenkt der neue Pächter und Wirt Ahmet Yesidere, den alle „Willi“ nennen, die Geschicke im Marktplatzstüberl: Er hat im Holiday Inn in München Hotelkaufmann gelernt und bringt jahrelange Erfahrung in der Münchner Gastronomie mit. Er übernimmt Konzept und Personal des Marktplatzstüberls, weder an der fränkischen Küche noch an den Öffnungszeiten soll sich nach Auskunft von Hans Margraf etwas ändern.

Zugleich gibt es eine neue Pächterin für das im Herbst 2017 geschlossene „Rheingold“: Beate Kriesche will nach Umbauarbeiten nach Ostern 2018 mit dem „Café Berneck“ den Marktplatz beleben. Sie plant ein „Wohnzimmer für die Bernecker“, um sich zu treffen. Ein täglich wechselnder Mittagstisch gehört dazu.

Ein Indikator dafür, dass sich in Bad Bernecks Gastronomie etwas bewegt, sind auch die Ende Januar startenden Brezen-Wochen, bei der heuer ein Name fehlt: Das Restaurant „Drei Linden“ setzt aus, auch hier stehen Umbau und Neuerungen ins Haus. Zum Jahresbeginn 2018 endet die Ära des italienischen Restaurants „Casa di Cura“ im Kurhaus, mit der die Pächterfamilie Hartl (Inhaber Tatiana und Matthias Hartl) die kulinarische Landschaft zwölf Jahre lang mitgeprägt hat. Das Pachtverhältnis mit der Stadt hätten sie aufgrund von Differenzen auf Jahresende 2017 gekündigt, erklärt Matthias Hartl auf Nachfrage.

Die italienische Küche feiert einen Neustart in den Räumen des von Hartls Eltern bis 2015 betriebenen Restaurants „Drei Linden“: Unter neuem Namen „Casanova“ soll eine „liebevolle italienische Küche“ Einzug halten. Koch und Pizzabäcker – das bestehende Team – des Casa di Cura setzen weiterhin auf Pizza und Pastagerichte. Als neuen Schwerpunkt kündigt Hartl eine erweiterte Auswahl an Antipasti und Salaten an, auch der „Außer-Haus-Verkauf“ soll angekurbelt werden. Das Gästehaus wird modernisiert, künftig werden neun statt bisher sieben Zimmer angeboten.

Nicht bewertet

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Dann wünsche ich allen "Neuen" viele Gäste und viel Erfolg !