Bayreuth: DJ Spooky interpretiert Richard Wagner

Paul Miller ist ein nervöser Mann. Zumindest, solange er am Canale Grande vor dem Iwalewa-Haus sitzt. „Warum gibt es hier kein W-Lan?“, fragt er. Immer und immer wieder.

Einer wie Paul Miller braucht das Internet. Überall. Er sucht es in der ganzen Innenstadt. Deutschland, sagte er, hat den Anschluss an die vernetzte Welt verloren. Öffentliches W-Lan sei hier viel zu selten. In einem Café am Sternplatz wird er endlich fündig. Passwortsicherung? Miller lacht. Dann auch noch der Name eines Fußballers als Passwort. "Deutschland eben.“ Miller atmet durch, endlich wieder mit der Welt verbunden.

Orte in der mobil vernetzten Welt

Miller hat in Amerika, in Maine, Philosophie und Literatur studiert. Heute ist er 44 Jahre alt, forscht, schreibt, komponiert Musik und fotografiert auf der ganzen Welt. Wissenschaftlich befasst sich Miller mit dem Zusammenhang zwischen Orten, Menschen und einer mobil vernetzten Welt. Für das Massachusetts Institute of Technology (MIT) forscht er an Apps für Smartphones und darüber, wie Apps unsere Kultur und die Philosophie verändern. Zu diesem Thema hat er auch ein Buch veröffentlicht.

Mobilsein verändert die Vorstellung von Orten, sagt Miller. Orte werden unwichtiger. Wo ich bin, hat nichts mehr damit zu tun, was ich tue. Paradoxerweise wirkt sich die Umgebung trotzdem weiter auf die Arbeit aus, sagt er. Miller mag Bayreuth, schätzt die Stadt als Gegenpol zu New York, wo er lebt. Bayreuth ermöglicht ihm Konzentration.

Flüchtig, aber unvergesslich

Als Künstler tritt Paul Miller unter dem Namen DJ Spooky auf. Spooky, das bedeutet geisterhaft, gespenstisch. Flüchtig. Dafür unvergesslich. Nach Bayreuth ist Spooky als Musiker gekommen. Und als einer, der digitale Welten versteht.

DJ Spooky interpretiert die Musik von Richard Wagner. "Ich will ihn nicht übersetzen. Sondern ihn mit modernen Mitteln interpretieren." Dafür brauche Miller aber ein anderes Vokabular: elektronische Musik. Der Künstler denkt darüber nach, wie der Mensch Richard Wagner sich anhören könnte. Kann man Wagner tanzen? Ja, sagt Miller. Er versucht, eine Persönlichkeit, ein Gesamtkunstwerk zu neuer Musik zu machen. Sicher ist er nicht der erste Künstler, der das versucht. Und bestimmt wäre er nicht der erste, der an dieser Herausforderung scheitert.

Der Ort als Kraft

DJ Spooky ist als Wissenschaftler überzeugt, dass die Bedeutung von Orten immer unwichtiger wird. Trotzdem will er Bayreuth erleben. Sagt: „Ein Ort kann unheimlich kraftvoll sein.“ Als Gast der „Bayreuth Academy of Advanced African Studies“ ist er nach Oberfranken gekommen, bereits im vergangenen Jahr war er am Iwalewa-Haus. Er brauche die Stadt, die Architektur, die Natur. Er müsse sehen, was Richard Wagner sah, um dessen Werk zu interpretieren. Dabei zeichnet er aber nicht den Weg des Komponisten nach, er konzentriert sich auf den Endpunkt von Wagners Schaffen – auf Bayreuth, den Aufführungsort, den Ort der Festspiele. Vielleicht verwahrt ihm das am Ende den Einblick in die ganze Persönlichkeit Wagners.

Philosophie und Musik

Jedoch: Paul Miller ist schon als Jugendlicher mit Richard Wagner in Berührung gekommen. Allerdings über Umwege. Nietzsche nämlich. "Nietzsche ist einer meiner liebsten Philosophen", sagt Miller. Über die Verbindung zwischen Nietzsche und Wagner kam der Künstler zum Thema Bayreuth. Wer die deutschen Philosophen verstehen will, sagt Miller, der kommt nicht die Musik von Richard Wagner herum. "Für mich war schon immer klar, das Philosophie und Musik untrennbar miteinander verbunden sind."

Bayreuth als Utopie

Doch noch schwerer wiegt für ihn die Vorstellung von Bayreuth als utopischem Ort. Miller fühlt sich angezogen von Utopien. Dass Bayreuth mit seinem fehlenden W-Lan abgeschnitten ist von der echten Welt da draußen, müsste eigentlich in Millers Bild einer Utopie passen. Ein Ort, den es irgendwie nicht gibt. Weil solche Orte ihn faszinieren, ist er zuletzt sechs Wochen lang durch die Antarktis gereist, auf einem Schiff. Die Antarktis als Ort ohne Regierung, „ich bin fasziniert von dieser unpolitischen Utopie“. Aus der Arktis hat Miller einen Bildband mitgebracht. Fotos von einem Ort, dessen Existenz nur schwer zu greifen ist. In diesem Buch hat er ihn gebannt. Die Arktis wurde für ihn zur Realität, in Bayreuth reicht für diese Erkenntnis ein Passwort.

Wagners Ansichten

Bayreuth ist im Gegensatz zur Arktis für DJ Spooky alles andere als eine unpolitische Utopie. Er setzt sich als Afroamerikaner ganz bewusst auseinander mit Wagners Antisemitismus, mit den Verbindungen der Familie zu Hitler, mit Rassismus. „Viele Künstler haben ein Problem mit Rassismus. Ich versuche, die Menschen losgelöst davon zu betrachten. Es wäre ein Desaster, wenn ich mich wegen Wagners Ansichten nicht mit ihm auseinandersetzen könnte."

Das Lied als Statement

Für Wagner war Bayreuth der Ort einer utopischen Vision. Der Ort, an dem er letztlich sein Festspielhaus errichtete, um seiner avantgardistischen Kunst einen Platz zu geben. Während das Avantgardistische an Wagners Werk die Neuinterpretation bereits vorhandener Stoffe war, interpretiert jetzt ein afroamerikanischer Künstler wiederum Wagners Stoff. So schließt sich ein Kreis. Klingt Spooky Musik am Ende schlüssig? Zumindest klingen die ersten Entwürfe überraschend ruhig.  Und er sagt: Ein Lied ist niemals nur ein Lied. Aus dieser Überzeugung will Miller in seinen Remixes das Bild eines Menschen zeichnen. "Ich will ein akustisches Portrait erschaffen", sagt er. Ein Portrait, das aber noch mehr sein soll: ein Statement.

Bald soll Bayreuth hören, was Spooky aus Wagner gemacht hat. Und die Stadt soll tanzen. Klingt ziemlich utopisch.

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