Florian Vogel: Karriereende mit 22 Jahren

Olympia 2016 in Rio de Janeiro: Die deutsche 4x200-Meter-Freistilstaffel beendete das Rennen als Sechster. Florian Vogel (SG Stadtwerke München) war enttäuscht, als er aus dem Wasser stieg. Wenig später schossen ihm Tränen in die Augen. Mehrere Jahre hatte er alles dafür gegeben, in diesem Rennen eine Medaille zu holen.

Der damals mit 21 Jahren Jüngste im deutschen Viererteam überzeugte in Rio dennoch als einer der wenigen deutschen Beckenschwimmer. Auch, weil er wenige Tage zuvor als Neunter nur um sechs Hundertstelsekunden das Finale der 400 Meter Freistil verpasst hatte.

Viele Experten trauten ihm bei den nächsten Olympischen Spielen noch bessere Platzierungen zu. „Flo hatte in den vergangenen Jahren eine Leistungsexplosion, aber es hätte noch Steigerungspotenzial gegeben“, ist sich Olaf Bünde sicher, der Vogel seit 2006 als Trainer betreut. „Ich bin überzeugt, dass seine Bestzeiten noch das eine oder andere Mal gefallen wären.“

Der Trainer spricht im Konjunktiv, denn er weiß: Vogel wird sich nicht weiter täglich im Training quälen, er wird dem Schwimmsport nicht weiter alles andere unterordnen.

Motivation fehlt

„Ich bereue keine Sekunde im Becken, denn ich habe dem Sport viel zu verdanken“, sagt Vogel. „Aber ich würde es bereuen, wenn ich jetzt ohne die nötige Motivation und Freude am Schwimmen weitermachen würde. Deshalb ziehe ich einen Schlussstrich.“

Die Entscheidungsfindung war ein längerer Prozess. Schon nach Olympia war Vogel in ein Motivationsloch gefallen, hatte sich eine mehrmonatige Auszeit genommen – und entschied sich im Januar für die Fortsetzung seiner Karriere.

Das Motivationshoch hielt allerdings nur einige Tage, dann riss sich Vogel beim Ski fahren das Kreuzband. „Ich habe das Schwimmen überhaupt nicht vermisst“, sagt Vogel. „Und auch aktuell bringt mich keiner in ein Schwimmbad. Allein diesen Chlorgeruch verbinde ich mit Leistungsdruck.“

Studium steht jetzt im Vordergrund

Vogels Prioritäten verschoben sich, sein Bauingenieurwesen-Studium steht nun an erster Stelle. „Ich muss an meine Zukunft denken und habe richtig viel Freude am Studium“, sagt Vogel und erinnert sich an einen TV-Auftritt von Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Aktuellen Sportstudio. „Er sagte, dass das deutsche Schwimmen unbedingt Medaillen braucht.“

Vogel betont, dass diese nur bekomme, wer den Sport als Vollzeitjob mache. Und nach dem Karriereende stehe der Sportler dann oft ohne Job und ohne finanzielle Rücklagen da. „Wenn das System so ist, dann sieht es schlecht für den deutschen Sport aus, zumindest was Randsportarten wie Schwimmen betrifft“, findet Vogel deutliche Worte.

Absicherungen für Sportler schaffen

Sein Trainer Olaf Bünde pflichtet ihm bei: Die Opfer, die Leistungssportler bringen müssen, seien enorm. Es gebe in vielen Sportarten zu wenig Anreize und Absicherungen für die Athleten. Man müsse sich Gedanken machen, wie es gelingen kann, Leistungssportler auf längere Sicht bei der Stange zu halten.

„Egal in welcher Sportart: Wenn jemand mit 22 Jahren sein Karriereende verkündet, dann ist mir das zu früh. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung“, sagt Bünde und blickt dann speziell auf Florian Vogel. „Ich verstehe seine Entscheidung und habe Respekt davor. Er wird sich sicher auch im Beruf nicht verbiegen lassen, dort alles geben und deswegen erfolgreich sein.“

Dem deutschen Schwimmsport werde Vogel jedoch fehlen. Er sei „einfach ein Typ“ und war ein Hoffnungsträger. Aus Sicht Bündes wäre Vogel sogar ein möglicher Nachfolger von Paul Biedermann gewesen.

Dank an Familie und Freunde

Doch mit dem nach Olympia zurückgetretenen Topstar aus Halle/Saale wollte sich der Bayreuther nie vergleichen. Biedermann war Vogels Vorbild. Deswegen habe er es stets genossen, mit ihm zu trainieren. Und deswegen sei einer seiner Karrierehöhepunkte auch der deutsche Rekord über 800 Meter Freistil, den er dem Weltmeister aus Halle abgenommen hat. Und deswegen ist Biedermann auch einer derjenigen, bei denen sich Vogel in einem persönlichen Abschiedsvideo auf seiner Facebook-Seite bedankt.

Großen Dank spricht er darin auch seiner Familie, seinem Trainer, seinen Freunden und der Stadt Bayreuth aus. Dabei wirkt Vogel gefasst, bodenständig – so wie er auch als Sportler stets war. Es ist ihm anzumerken, dass sich die Entscheidung pro Karriereende für ihn gut und richtig anfühlt: „Ich bin einfach dankbar für die letzten Jahre und brauche jetzt für meinen Abschied vom Leistungssport keine große Bühne.“ Die hatte er bei seinem letzten Start im Schwimmzirkus – der Freistilstaffel in Rio. „Diese Erinnerungen bleiben für immer.“

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