Flohmarkt: Du musst feilschen!

Wer sich am Samstag um die Mittagszeit auf den Weg zum Volksfestplatz gemacht hatte, musste sich zunächst einmal auf Parkplatzsuche begeben. Im Umfeld des Platzes war fast alles belegt. Die Besucher strömten und die ersten kehrten bereits mit vollen Plastiktüten zurück. Stehlampen wurden auf diese Weise abgeführt, genauso wie Taschen voller Kleider oder Stofftiere.

Was gab’s hier nicht alles zu entdecken: Nützliches, Kurioses, Antikes. Oder auch ein Straßenschild mit der Aufschrift Albert-Achilles-Weg. Wer war noch mal Albert Achilles? „Ich waß es ned“, raunte der Verkäufer, um das Schild sogleich in eine optimierte Position in seiner Auslage zu bringen. Dort sollte es dann aber erst mal für längere Zeit verharren. Manche waren gekommen, um zu schauen, andere um zu kaufen. So bot sich dem Betrachter das mittlerweile selten gewordene Schauspiel des Kaufs eines Commodore C64 mit Tastatur und Floppy-Disc-Laufwerk. Extra aus Hof war der gut zwei Meter große Hüne angereist, der nach kurzem Verkaufsgespräch das einstige Computer-Erfolgsmodell in seine Tüte mit der Aufschrift „Heimat neu entdecken“ verschwinden ließ. „Der Vorbesitzer hätte das weggeschmissen, aber er kann es gebrauchen“, analysierte der Händler kühl. Der Hüne aus Hof hingegen zog erhobenen Hauptes weiter – auf der Suche nach Floppy-Discs.

Schlauch ohne Staubsauger

Freilich – nicht an jedem Stand war der Andrang groß. Wer etwa einen original Vorwerk-Staubsauger-Schlauch ohne Staubsauger im Angebot hatte, guckte in die Röhre. Nicht viel besser erging es dem Händler, der seine Lederkoffer aus der Nachkriegszeit selbst für den Preis von einem Euro kaum an den Mann bringen konnte.

Am benachbarten Stand indes konnte man ein Lehrstück aus der Kategorie „English for Runaways“ beobachten: „What language is that?“, wollte die oberfränkische Verkäuferin von einem leicht orientalisch aussehenden Besucher wissen. „Arabisch“, lautet seine Antwort. Die Händlerin hakte nach: „Is this high clean arabisch?“ Da freilich platzte der Kopftuch tragenden und Kinderwagen schiebenden Frau des arabisch sprechenden Mannes der imaginäre Kragen und sie stellt klar: „Wir können alle deutsch sprechen.“

Gemälde mit Bergsee auf durchstochener Leinwand

Ja, man bekam allerhand geboten beim Bayreuther Flohmarkt. Tristesse herrschte hingegen bei einem Händler aus Nürnberg, der Single-Schallplatten einstiger Schlagersänger für 20 Cent feilbot. Jedoch: „Ich hab’ das Glück bestellt für heute Abend“, gesungen von Camillo, wollten die Besucher offenbar nicht einmal geschenkt haben. Grund genug für ein Grundsatzgespräch: „Musik ist immer stimmungsabhängig“, erklärte der Mann aus Nürnberg, um sogleich den großen Bogen zu spannen: Man habe die Eurokrise, die Flüchtlingskrise und jetzt auch noch die Dieselkrise. Das wirke sich halt auf die Nachfrage aus. Den Sonntag jedenfalls wollte er nicht mehr in Bayreuth verbringen – obwohl er die Standgebühr mitbezahlt hatte.

Das nötige Fortune fehlte auch einer Händlerin, die ein Gemälde mit Bergsee auf durchstochener Leinwand im Angebot hatte. Nein, nicht um moderne Kunst handelte es sich hier, sondern um einen Betriebsunfall. 15 Euro sollte zumindest der halbwegs intakte Rahmen bringen.

Das Gesicht wahren

Auf allen Märkten der Welt – von Kairo über Schanghai bis Bayreuth – gilt der eherne Grundsatz: Käufer und Verkäufer müssen das Gesicht wahren. Und: Du musst feilschen! Mustergültig wurde das beim Kauf einer kleinen Pendeluhr umgesetzt. 85 Euro wollte der Mann mit dunklem, wettergegerbtem Gesicht haben. 45 Euro wollte die Frau bezahlen. Nach kurzem, lehrbuchmäßig geführtem Dialog inklusive schmerzverzerrter Miene wechselte der Chronometer im rustikalen Eichenkasten für faire 60 Euro den Besitzer.

Hingegen: Das Straßenschild von Albert Achilles wird uns wohl auch im nächsten Jahr wieder auf dem Bayreuther Volksfestplatz begegnen.

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