Flitterwochen der anderen Art

Die Regisseurin Kai Anne Schuhmacher inszenierte „Die Hochzeitsreise“ als Feuerprobe beim Theatersommer, und das temperamentvolle Darsteller-Quartett Stefanie Rüdell (Amanda), Paul Kühn(Victor), Julia Alsheimer (Sibylle) und David Caravaggio (Eliot) schaffte es mit Leichtigkeit, den Witz und die absurd-komischen Szenen des Originals in die heutige Zeit zu übertragen.

Glücklich geschieden

Zum Inhalt: Amanda und Eliot sind (scheinbar) glücklich geschieden und befinden sich mit ihren frisch angetrauten zweiten Ehepartnern Victor und Sibylle in den Flitterwochen – ausgerechnet im selben Hotel. Nach dem Schreck der ersten Begegnung und genervt von ihren neuen Partnern, die sich immerzu mit denen der ersten Ehe vergleichen, schwelgen sie in gemeinsamen Erinnerungen. Der Alkohol und das heftig aufbrausende Temperament von Eliot tun ein übriges, und so kommt es wie es kommen muss: die beiden Ex-Partner, die sich einst ewige Trennung geschworen hatten, brennen durch und lassen ihre neuen Ehepartner reichlich ratlos und verstört zurück. Die beiden kennen sich und ihre unkontrollierten Streitereien gut genug, um ein Codewort („Genickschussanlage“) zum Schweigen zu vereinbaren. Allein, es nutzt alles nichts, denn obwohl buchstäblich die Fetzen, die Schlafsäcke, die Kissen und die Weingläser fliegen, ist die alte Anziehung am Ende stärker.

Blaue Lippen zum Applaus

Das Darsteller-Quartett arbeitet nicht nur in diesem Stück zusammen, alle viere sind auch noch in der Produktion von „Cabaret“ dabei. Besonders Stefanie Rüdell als Amanda merkt man die langjährige Erfahrung als Tänzerin und Sängerin an, denn ihre Gelenkigkeit unterstreicht die unbekümmerte und egoistische Darstellung der Amanda vorzüglich. Julia Alsheimer spielt die junge Sibylle auf eine herrlich hilflose Art, die erst ihren Ehemann Eliot und später auch Amandas Noch-Ehemann fast zur Verzweiflung bringt. Fast. Der besonnene, überaus vernünftige und musikalisch sehr begrenzt talentierte Victor ist für Paul Kühn eine tolle Einstiegsrolle beim Theatersommer. Der gebürtige Italiener David Caravaggio erntete die meisten Lacher nicht dafür, dass er in der zweiten Stückhälfte, als es schon empfindlich kalt wurde, nur mit einer Schlafanzughose über den Thespiskarren wirbelte. Nein, er setzte seinen italienischen Akzent so gekonnt für seine Rolle ein, dass seine jähzornigen Ausbrüche als Eliot wie eine gelungene Karikatur eines südländischen Wutausbruchs wirkten. Die schauspielerischen Leistungen wurden bei der Premiere sehr gefeiert, und obgleich alle vier Schauspieler bibbernd und mit blauen Lippen die Glückwünsche entgegen nahmen, war ihre Meinung eindeutig: „Klasse war’s, wir freuen uns schon aufs nächste Mal!“

Frech und rücksichtslos

Kai Anne Schuhmacher kennt das Originalstück von 1930 sehr gut und wollte für ihre Inszenierung den frechen und zeitweise sehr rücksichtslosen Grundtenor erhalten, aber das Ambiente auf den Kopf stellen.„Damals spielte das Stück in der High Society, ich hatte aber meinen Spaß daran, das Stück zwischen Reisekoffern und Zeltplanen zu inszenieren.“ Die 29-Jährige, die unter anderem in Bayreuth Theaterwissenschaften studierte, hatte nach einer Komödie gesucht, die mit wenig Personen besetzt ist und auch auf dem Thespiskarren aufgeführt werden konnte. Kurz entschlossen hatte sie bei Intendant Jan Burdinski angerufen, sich und ihre Idee vorgestellt und sogleich grünes Licht bekommen. Jetzt freue sie sich unglaublich auf die vielen verschiedenen Aufführungsorte.

Nicht bewertet

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