Festspiele: "Wir haben die Leute in den Schwarzmarkt gedrängt"

Frau Wagner, nachdem der Kurier über das Ausscheiden Ihrer Schwester Eva Wagner-Pasquier aus der Festspielleitung berichtet hatte, schrieb ein Kollege des Hamburger Abendblatts: „Katharina Wagner ist wohl bald am Ziel der Wünsche ihres Vaters“. Stimmt diese Einschätzung?

Katharina Wagner: Mein Vater wollte in erster Linie, dass ich mache, womit ich glücklich werden würde. Er hätte mich auch nicht gezwungen, Theaterwissenschaft zu studieren. Wenn es Jura geworden wäre, würde das auch in Ordnung gewesen sein. Natürlich hat er sich trotzdem gewünscht, dass ich in seine Fußstapfen treten würde.

Also: Dass Sie die Festspiele allein führen, war nicht der Plan Ihres Vaters? Immerhin wollte er einige Jahre lang nicht zurücktreten, wenn nicht Sie seine Nachfolgerin werden?

Wagner: Dass es ein Wunsch von ihm war, wird sicher keiner abstreiten. Aber ich glaube, ‚Plan‘ wäre zu viel gesagt. Er war Festspielleiter auf Lebenszeit, jetzt reden wir hier über einen Fünf-Jahres-Vertrag.

Wie lange bleiben Sie jetzt Festspielleiterin?

Wagner: Bis Ende der Spielzeit 2020. Was danach kommt, wird sich zeigen.

Die Verhandlungen über Ihre Vertragsverlängerung dauerten ein Jahr. Was genau dauerte so lange?

Wagner: Das waren vor allem bürokratische Formalien. Wir haben ja drei Gesellschafter, die öffentlich sind – für den einen war beispielsweise ein bestimmter Anti-Korruptions-Paragraph wichtig, für den anderen die Reisekostenregelung. Eigentlich haben wir nur die verschiedenen Bürokratien durchlaufen.

Heinz-Dieter Sense: Jeder Gesellschafter hat eigene Anforderungen, was bestimmte Formulierungen betrifft. Die Gesellschafter mussten sich untereinander einig werden. Am schwierigsten ist es da mit dem Bundesfinanzministerium. Das Ministerium hat zwangsläufig keine Theater zu betreuen, ist sehr bürokratisch und wendet Verträge an, die auf Festspiele nicht zu übertragen sind. Dann kämpfen die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die anderen Gesellschafter um die zutreffende Formulierung.

Wagner: Es gibt ein schönes Beispiel – Vertragsformulierungen, die beispielsweise auf Patente zugeschnitten sind, können nicht ohne weiteres auf einen Theaterbetrieb übertragen werden, denn im künstlerischen Bereich geht es überwiegend um Urheberrechtsfragen.

Welche Rolle spielten künstlerische Fragen in den Verhandlungen?

Wagner: Dass wir künstlerisch autark arbeiten, ist für mich eine Grundvoraussetzung, den Vertrag zu unterschreiben. Das war aber auch nie ein Diskussionspunkt.

Wollte nicht einer der Gesellschafter mal wissen, was Sie vorhaben mit den Festspielen?

Wagner: Doch, natürlich hat man nachgefragt, was ich vorhabe. Aber zwischen einem Vorhaben und unterschriebenen Verträgen ist es ein weiter Weg. Ich habe klare Vorstellungen. Ob sich die realisieren lassen, werden wir sehen.

Reden wir da über Namen? Oder über das Konzept für neue Bayreuther Festspiele?

Wagner: Die Festspiele werden weiterhin in diesem Haus stattfinden, das jetzt glücklicherweise saniert wird. Wir denken auch gar nicht daran, sie auszulagern, allein wegen der einmaligen Akustik. Auch gibt es Sachverhalte, die nicht zu verändern sind – zum Beispiel: Um hier andere Stücke spielen zu können, müsste man erst die Stiftungssatzung ändern. Das sind Dinge, die eine Geschäftsführung gar nicht in der Hand hat. Natürlich reden wir über konzeptionelle Ansätze – bei den Inszenierungen, bei den Regisseuren. Wir haben sehr gute Dirigenten hier, uns ist daran gelegen, sie zu halten, gleichzeitig aber auch neue Impulse zu setzen.

Sense: Was sehr kompliziert ist, da zum Zeitpunkt der Aufnahme der Vertragsverhandlungen die Künstler, mit denen die Festspiele gern zusammenarbeiten möchten, teilweise bereits Verträge an anderen Häusern unterschrieben haben. Die Vorläufe im Opernbereich sind so lang, dass ein Intendantenvertrag, der ab 2020 läuft, frühzeitiger verhandelt werden müsste, als das diesmal der Fall war. Das wird bei den Gesellschaftern leicht vergessen. Etwas anderes wäre es, wenn man für die Festspiele keinen künstlerischen Leiter mehr haben möchte, sondern einen Manager, der das auch mal nur ein Jahr lang macht – ob mit Erfolg oder ohne, sei dann dahingestellt. Gut, diesmal gab es viele offene Punkte, vor allem war der Mietvertrag noch nicht abgeschlossen. Erst ab 2017 wird die Geschäftsführung den notwendigen Handlungsspielraum haben.

Steht denn schon fest, wer 2017 die „Meistersinger“ inszenieren wird?

Wagner: Es ist uns gelungen, den renommierten Opernregisseur Barrie Kosky für die Neuinszenierung „Die Meistersinger von Nürnberg“ 2017 zu gewinnen.

Das heißt also: Die Bayreuther Festspiele finden weiterhin im Sommer statt, von Ende Juli bis Ende August, mit einem Kanon aus zehn Stücken und einer Neuinszenierung pro Jahr?

Wagner: Ja, aber wir denken gerade darüber nach, das Rahmenprogramm etwas zu erweitern. Der Vorwurf, dass sich alles allein um die zehn Stücke dreht, steht ja auch nicht ganz zu Unrecht im Raum. Dem wollen wir etwas an die Seite stellen, mit einem interessanten künstlerischen Gedanken. Aber das ist noch nicht spruchreif.

Wir reden aber nicht über „Rienzi“ und „Die Feen“?

Wagner: Nein.

In den vergangenen Monaten war – bedingt auch durch den Online-Verkauf von Festspielkarten – immer wieder die Rede von einem Rückgang der Überbuchung. Welche Schlüsse lassen sich für Sie daraus ziehen, wie viele Leute Karten für die Bayreuther Festspiele bestellen?

Sense: Die Überbuchung ist von Stück zu Stück und von Preisgruppe zu Preisgruppe stark unterschiedlich. Wir können aber aus dem Online-Verkauf tatsächlich eine Menge herauslesen. In diesem Jahr fand der Online-Verkauf vor der schriftlichen Kartenzuteilung statt, manche Kartenbesteller haben ihre Bestellung wieder storniert, weil sie inzwischen online gekauft hatten. Nächstes Jahr machen wir die Zuteilung der schriftlichen Bestellungen zuerst – damit die Leute wissen, jetzt habe ich meine Karte, und nicht zusätzlich noch online bestellen. Den Blick nur auf die Überbuchung zu richten, womöglich aus Imagegründen, hilft da nicht weiter. Es ist eher so, dass die Überbuchung den Schwarzmarkt immer weiter anheizt. Je leichter man zu Angeboten des Schwarzmarkts kommt, desto mehr müssen sich die Festspiele Gedanken machen, diesem Markt zu begegnen und eigene Strategien entwickeln.

Im Frühjahr gab es – still und heimlich – wieder Karten für eine ganze Reihe Vorstellungen auf Ihrer Internetseite zu kaufen. Was ist da passiert?

Sense: Das hing nicht zuletzt auch mit den technischen Schwierigkeiten beim Online-Verkauf zusammen. Dadurch standen wieder Karten zur Verfügung, die nicht verkauft waren. Und diese haben wir erneut angeboten. Wir waren zunächst skeptisch, ob diese Idee funktioniert. Dann aber hat der Verkauf so gut geklappt, dass wir beschlossen haben, aus der Seite eine Art Tauschbörse zu machen. Tickets, die aus triftigen Gründen zurückgegeben werden, stellen wir erneut ins Netz. Das funktioniert verhältnismäßig gut. Und es führt dazu, dass in manch anderen Ticketbörsen Karten zu überhöhten Preisen ziemlich lange liegen. Dadurch, dass wir die Karten bisher nicht zurückgenommen haben – weil es uns auch technisch nicht möglich war, sie wieder weiter zu verkaufen – haben wir die Leute ja in den schwarzen Markt gedrängt.

Der Großteil der Beobachter sieht ja einen klaren Zusammenhang zwischen der zurückgehenden Überbuchung und dem, was auf der Bühne passiert.

Sense: Die Nachfrage ist abhängig vom Stück, vom Wochentag und von der Verfügbarkeit von Übernachtungsmöglichkeiten – und weit weniger von künstlerischen Auffassungen. Am besten laufen die Einzelwerke. Ob man den „Ring“ insgesamt wirklich als einen Block verkaufen kann, weiß ich nicht. Ich bin da eher skeptisch.

Gibt es vielleicht auch einfach einen Großteil an Besuchern, die sagen: Wir wollen hier keinen dekonstruierten, zertrümmerten „Ring“ sehen, deshalb fahren wir nicht nach Bayreuth, sondern lieber woanders hin?

Wagner: Das kann auch sein, das will ich gar nicht ausschließen.

Sense: Ich beobachte die Bayreuther Festspiele ja schon seit Jahrzehnten. Und es war immer so, dass neue Produktionen anfangs abgelehnt und später oft zu Kultveranstaltungen wurden. Die Wagner-Gemeinde ist für mich eigentlich erstaunlich. Man kann das Wagner-Publikum in Bayreuth mehr fordern, und dadurch sind die Bayreuther Festspiele in der Lage, innovativer zu sein als vergleichbare andere.

Sie haben gerade die Wagnergemeinde erwähnt – welche Auswirkung hatte die Streichung der Kontingente für die Wagnerverbände?

Sense: Ich habe es genau analysiert. Rein finanziell hatte das keine Auswirkungen; wir haben die Karten anderweitig verkauft. Ich bin mir nur nicht sicher, wie lange dies funktioniert: Die Mitglieder der Wagnerverbände waren sozusagen das Abonnement-Publikum der Festspiele. Dieses Publikum hat man zur Seite gestellt. Dadurch bekommt man zwar ein vielschichtigeres Publikum. Aber ich vermute: Manche Zuschauer kommen vielleicht nur einmal hierher, einfach um hier gewesen zu sein. Wie sich das innerhalb von zehn Jahren auswirkt, wenn dann schließlich alle mal hier gewesen sind, wage ich nicht zu beurteilen. Deshalb bin ich der Meinung, dass man sich wieder Gedanken machen sollte, wie man die Wagner-Verbände hier neu einbindet. Und wir machen uns gerade Gedanken.

Ihre Schwester, Frau Wagner, wird ab 2015 Beraterin der Festspielleitung sein. In welchen Fragen wird sie Sie beraten? Bisher lag ihre Zuständigkeit ja vor allem bei der Besetzung der Sänger...

Wagner: Meine Schwester wird den Bayreuther Festspielen weiterhin beratend zur Verfügung stehen. Die genaue Gestaltung des Beratervertrages muss noch besprochen werden.

Gehören Sie, Herr Sense, der Festspielleitung nach 2015 weiter an?

Sense: Mein Vertrag läuft bis Ende 2015. Wir haben noch keine Vertragsverhandlungen aufgenommen. Ich kann nur sagen, was ich Katharina Wagner versprochen habe: Wenn ich mich fit fühle, bin ich auch noch bereit, weiter mit ihr zu arbeiten. Im Moment fühle ich mich fit.

Welche Rolle wird Christian Thielemann spielen?

Wagner: Herr Thielemann ist ja jetzt schon musikalischer Berater. Das Vorurteil, er würde sich bei anderen Dirigenten einmischen, kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil. Es finden fundierte Gespräche statt. Neulich hatten wir ein Vorsingen für „Parsifal“ – da saßen Andris Nelsons, Christian Thielemann und ich, da konnten wir zu Dritt diskutieren. Es ist sehr anregend.

Sense: Er wird seinen Dresdner Vertrag voll erfüllen können, er hat nur während der Festspielzeit selbst hier eine größere Anwesenheitspflicht als bisher. Es ist heute ja auch kein Problem mehr, schnell zu fragen: Was sagst du dazu, was denkst du dazu? Die Vorsingen werden auch nicht mehr alle in Bayreuth stattfinden können, sondern vielleicht auch mal in Dresden oder Berlin. Je nachdem, wo man die Leute am besten hinkriegt. Bayreuth ist ja manchmal verkehrstechnisch nicht so gut zu erreichen.

Ist das Amt der Festspielleiterin für Sie, Frau Wagner, eigentlich ein Beruf? Oder ein Leben?

Wagner: Im Moment ist es eher ein Leben. Ich habe wenig anderes Leben, im Moment. Hier werden im Sommer sieben Stücke parallel geprobt. Ein Beruf hat ab und zu auch einen Feierabend.

Das heißt, es hat sich auch Ihr Bayreuther Leben bis 2020 verlängert?

Wagner: Ja. (lacht).

Gibt es Ihre Berliner Wohnung noch?

Wagner: Nein, die ist vermietet. Ich wohne in Bayreuth neben dem Festspielhaus. Jeden Morgen fällt mein Blick auf das Haus, dessen Fassade mit Fotoplanen verkleidet ist: Da wünscht man sich dringend, dass die Sanierung beginnt – der Prozess ist jetzt ja im Gange, aber allein der Ausschreibungsprozess dauert ebenso lang, dass man sich emotional weniger Bürokratie wünscht. Rational weiß man, dass das nötig ist.

Sense: Ich gehe davon aus, dass es im Herbst einen Architekten geben wird. Und der entwickelt ein Sanierungskonzept. Wir brauchen genaue und detaillierte Sanierungs- und Kostenpläne. Ich lege besonderen Wert darauf, dass die Planungen sorgfältig ausgeführt werden, anstatt zu früh anzufangen und dann Überraschungen zu erleben.

Kann man das immer wieder als dringend sanierungsbedürftig bezeichnete Festspielhaus einfach eingerüstet stehen lassen, ohne dass da noch mehr kaputt geht?

Sense: Wir hatten jetzt einen milden Winter, da ist so gut wie nichts passiert. Entscheidend ist, wie der nächste Winter wird.

Letzte Frage: In den vergangenen Wochen standen in Bayreuth eine Menge Großflächenplakate mit Werbung für den „Ring“ in Leipzig. Überlegen Sie, für die Bayreuther Festspiele zu werben?

Sense: Solange wir ausverkauft sind, nicht. 



Das Gespräch führte Florian Zinnecker.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06