Festspiele: Bloß kein Mausoleum

Es war so mit dem „Parsifal“ von Stefan Herheim, mit dem „Lohengrin“ von Hans Neuenfels. Es wird so sein mit dem „Ring“ von Frank Castorf. In allen diesen drei Inszenierungen der jüngeren Festspielgeschichte waren gewaltige Bilder zu sehen, Bilder, von denen man sich nur ungern verabschiedet. Der „Mount Rushmore“ im „Siegfried“, mit den Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao, in Styropor gemeißelt: noch sehr gegenwärtig. Aber wie bei Haus Wahnfried in Herheims „Parsifal“-Inszenierung, wie die Ratten in Neuenfels‘ „Lohengrin“-Version werden die Details bald verschwinden, es wird sich dann auch über dieses spektakuläre Bühnenbild der Schleier der Verklärung legen. Der „Ring“ von Frank Castorf und seinem Bühnenbauer Aleksandar Denic wird irgendwann zum Mythenschatz der Festspiele gehören.

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Gleich nach der letzten Aufführung wurden die Bühnenbilder des „Rings“ zerlegt (mit Ausnahme der „Walküre“ – die gibt es noch mal zu sehen). Kein Museum für eines der beeindruckendsten Bühnenbilder, das ich bisher gesehen habe, es gibt nur noch Fotos und Erinnerungen. Das ist schade, sehr schade.

Es ist aber auch gut. Wer Museen baut und füllt, füllt sie meist mit Relikten. Der verspürt den Wunsch, innezuhalten im rauschenden Lauf der Welt. Im besten Falle, um sich seiner selbst zu vergewissern und dann voranzuschreiten. In vielen Fällen aber, um festzuhalten – was aber in der flüchtigen Kunstform des Theaters nicht funktioniert. Theater ist hier und jetzt. Die Software ist unsere Erinnerung an hoffentlich unvergessliche Theaterabende. Die Hardware aber ist – ohne den Regisseur, ohne die Akteure, die sie mit Leben erfüllen, nur noch leere Hülle. Ein Museum kann auch ein Mausoleum sein.

Die Festspiele 2017: Unsere Kritiken

Die Festspiele haben keine Halle, kein Riesenmuseum, das die bemerkenswertesten Bühnenbilder fassen könnte. Vielleicht also führen sie nur aus praktischen Gründen die abgespielten Bühnenbilder dem Recycling zu. Mit der Vernichtung der alten Kulissen aber befinden sie sich auch nahe bei dem Komponisten, den man in Bayreuth gern den „Meister“ nennt. Richard Wagner selbst skizzierte schon in Zürich, ein Vierteljahrhundert vor der Festspielpremiere in Bayreuth, erste Pläne für ein Festival. Ein paar Tage Kunst für alle – und danach: Verbrennen, den ganzen Schamott. Wagner wusste sehr genau, dass Theater an sich etwas durch und durch Gegenwärtiges ist (von seiner Vision wich er in Bayreuth dann ab, aber er war da eben nicht mehr ganz jung und brauchte trotzdem das Geld).

Bayreuth ist Werkstatt. Noch immer wird an jeder Inszenierung weiter rumgeschraubt. Um Richard Wagners Tradition frisch voranzutragen, wird weiter neu gedacht werden müssen. Über neue Regisseure, klar, aber auch darüber, was man im und ums Festspielhaus vorantreiben kann. Was den Spielplan betrifft, ebenso darüber, wie Festspiele und Stadt besser zusammenwirken können. Bayreuth ist Weltstadt für einen Monat. Was spricht dagegen, aus Bayreuth eine Festspielstadt fürs ganze Jahr zu machen?

Was übrigens den Mount Rushmore betrifft: Marx, Stalin und Mao sind verrottet. Es gibt noch einen Lenin, man versucht ihn leibhaftig zu bewahren. In Moskau, da liegt er in seinem Mausoleum. Die einbalsamierte Leiche verwest ein bisschen unerfreulich vor sich hin, mit einem Höllenaufwand betreibt man Kosmetik an etwas durch und durch Leblosem.

Gut, dass Bayreuth nicht Moskau ist.

michael.weiser@nordbayerischer-kurier.de

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Montag, 13. November 2017 - 11:06