Fernsehanwalt ist jetzt Verteidiger

Doch es kam am Montag ganz anders als geplant, denn auf einmal hatte der Angeklagte einen zweiten Verteidiger dabei. Und Anwalt Stephan Lucas brachte die Pläne des Richters ganz durcheinander. Erst am vergangenen Freitag hatte der bisherige Verteidiger, Thomas Goldfuß, ihn angerufen und erklärt, dass der Angeklagte ihn zusätzlich als Rechtsbeistand haben wolle. „Terminlich hat es gepasst und ich lehne grundsätzlich keinen Fall ab“, sagt Lucas nach der Verhandlung auf Kurier-Nachfrage.

Richter Kahler ist überrascht, dass plötzlich ein neuer Verfahrensbeteiligter dabei ist. Er kenne ihn nicht, habe ja bisher nichts mit dem Anwalt aus München zu tun gehabt. Dabei ist Lucas eigentlich bekannt - als Staatsanwalt in der Sat-1-Fernsehserie "Dr. Hold". „Das mach ich so nebenbei“, sagt Lucas. Die Auftritte gönnt er sich genauso, wie Auftritte als Kabarettist und Buchautor.

Aussetzung beantragt

Und jetzt eben als zusätzlicher Verteidiger. Gleich zu Beginn der Verhandlung beantragt er eine Aussetzung oder Verschiebung des Verfahrens. „Ich muss mich erstmal in die Akten einlesen“, sagt er zu Kahler. Eine Aussetzung lehnt der Richter kategorisch ab. „Die folgenden Verhandlungstage sind schnell terminiert, weil es sich um ein laufendes Verfahren und eine Haftsache handelt“, sagt Kahler. Weil er aber die Grundsätze für ein faires Verfahren erfüllen will, lässt er Lucas die Akten kopieren und lädt die geladenen Zeugen wieder ab. Nach einigem Hin und Her haben sich alle auf mehrere neue Termine geeinigt.

Tochter als Zeugin

„Ich beabsichtige, die Tochter der Ehefrau als Zeugin laden zu lassen“, so Kahler. Schon am vergangenen Verhandlungstag hatte er dies angekündigt. Die jetzt Neunjährige hatte viele der Taten mitbekommen, war mit ihrer Mutter vom Stiefvater in Unterwäsche vor die Haustür gestellt worden. Durch ihr auffälliges Verhalten in der Schule hatte sie letztendlich dafür gesorgt, dass die Polizei eingeschaltet wurde und es zum Prozess kam.

Richter Kahler erkundigte sich bei der Mutter und geschädigten Ehefrau, ob sie einer Vernehmung zustimmen würde oder das Zeugnisverweigerungsrecht der Tochter in Anspruch nehmen würde. Die Mutter bat sich Bedenkzeit aus, sie wolle erst mit der Psychologin sprechen, in deren Behandlung sich die Tochter zurzeit befindet.

Erst mal die Akten lesen

Auf Nachfrage des Verteidigers teilt der Richter mit, dass er keine Videovernehmung, sondern eine direkte Befragung vornehmen wolle. Noch einmal appelliert er an den Angeklagten, sich Gedanken zu machen, ob er Pluspunkte sammelt, wenn er nicht auf die Vernehmung des Kindes verzichtet. „Hinweise sind Verteidigerarbeit“, hält ihm Lucas entgegen. Er wolle erst die Akten lesen und mit seinem Mandanten sprechen. „Dann kann ich ihm raten, wie er sich verhalten soll“, so der Fernseh-Jurist.

Wie die Ehefrau dem Kurier auf Nachfrage mitteilt, fand vergangene Woche die Verhandlung über das Sorgerecht für die gemeinsame, einjährige Tochter statt. Hier wurde der Frau das alleinige Sorgerecht zugesprochen. „Ich bin sehr erleichtert über diese Entscheidung“, sagt sie vor der Verhandlung. Aufgeregt sei sie nichtsdestotrotz vor jedem Verhandlungstag.

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