Erschöpfter Jubel

Die junge Besucherin schien verunsichert. „Hm, der Dirigent“, fragte sie ihre Mutter leise im Joseph-Keilbert-Saal der Bamberger Symphoniker, „kann der Bruckner?“ Vertrackte Frage das, denn: Wie schaut das aus, „Bruckner können“? Konnte Bruckner selbst überhaupt Bruckner? Schließlich war sich Bruckner seiner selten so richtig sicher, überarbeitete seine Sinfonien immer wieder. Ganz besonders die 3., bei deren Uraufführung – in einer überarbeiteten Fassung, natürlich – er als Dirigent ziemlich baden ging.

Im Falle von Markus Poschner - so heißt der hinterfragte Mann am Pult - sollte die erste Hälfte keine grundsätzlichen Zweifel geweckt haben. Da stand Mozarts Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur auf dem Programm, mit Renaud Capuçon als Solisten brachten es die Bamberger zu Gehör. Die umständliche Ausdrucksweise sei gestattet - weil man da durchaus Reserven verspürte, so als hielten sich die Bamberger im Wissen um die zweite Hälfte zurück. So spielten sie gleichsam mit dem Fuß dicht überm Bremspedal, eher zurückhaltend, was den Solisten um so besser zur Geltung kommen ließ. Vor allem im fast schon ätherischen zweiten Satz, in dem Capuçon auf seiner 280 Jahre alten Violine von Guarneri del Gesu - Vorbesitzer Isaac Stern - das Kunststück gelang, den Klang von seiner Körperlichkeit zu befreien, fast ohne Ansatz einfach dasein zu lassen, wie Töne auf einer Glasorgel. Technische Perfektion, kammermusikalisches Einfühlungsvermögen erwartet man bei einem Solisten von seinem Rang; allein, das trat zurück vor diesem zauberhaft schönen Hörerlebnis. Eine Zugabe, dann hatte der Franzose Feierabend - und die Bamberger das steilste Stück Weges noch vor sich, mit Bruckners einst so problematischer 3. Symphonie.

Heutzutage ist die 3. bei aller Sperrigkeit ziemlich unumstritten. Allerdings steht sie meist in den späteren Fassungen auf dem Programm. Die erste Fassung ist eine Seltenheit, nur ein halbes Hundert Male aufgeführt, ziemlich lang, mit Wagner-Anklängen gewürzt, eine verwegene Klangarchitektur, in der Flächen nebeneinanderstehen, von Generalpausen unterbrochen, die harte Gegensätze aufzeigen: Tänzerisches gegen markige Bläsersätze, Schmerz gegen Freude, Inniges gegen Monumentales, der Zweifel gegen fast schon schwelgerische Ländlerpassagen. Und das alles in großer Breite, mit vollem Platz zum Atemholen. Zeit, als Sitzungszeit der der Zuhörer gemessen, darf da keine Rolle spielen. Die richtigen Tempi dagegen sind alles.

Poschner, der eingangs hinterfragte Mann am Pult, hatte den Atem zu diesem Monumentalwerk. Dass die Bayreuther Kulturfreunde ihr Auswärtsspiel extra auf den Termin dieses Konzerts gelegt hatten, lag höchstwahrscheinlich nicht nur daran, dass man man mal wieder Lust auf "richtig große sinfonische Besetzung" hatte, wie es der stellvertretende Kulturfreunde-Chef Robert Baums kurz vorm Konzert sagte. Auch das Werk selbst ist für Bayreuther irgendwie ein Muss, vom Komponisten einst Richard Wagner, "dem unerreichten, weltberühmten und erhabenen Meister der Dicht- und Tonkunst in tiefster Ehrfurcht gewidmet".

Tatsächlich hört man da Wagner; nicht wortwörtlich zitiert, in Anklängen erweckt. Wer sich aufs Zitatezählen konzentrierte, lief aber Gefahr, das Wesentliche zu verpassen: Wie Poschner mit Bruckner zurechtkam. Mit diesem Trumm von Symphonie, in dem Bruckner doch eigentlich schon alles zeigt, was ihn ausmacht, mit einer Experimentierlust, die Bruckner seiner Dritten in den späteren Fassungen mehr und mehr austrieb. Ein eindrucksvolles Erlebnis, wie rückhaltlos, wie bracchial fast die Bamberger dem Gast folgten.

Ob Poschner Bruckner kann? Ja, so weit, wie's geht. Hätte man es aufrund seiner Hauptbeschäftigung als Chef des Linzer Bruckner-Orchester nicht schon vorher wissen können, der Abend hätte den Nachweis erbracht.

Viel Beifall, Jubel gar, der allerdings dann doch alsbald matter wurde. Bruckner kann einen aber auch echt schaffen.

Nicht bewertet

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