Ein Kreppring für Lohengrin

Hautfarbene String Tangas für Herren, Beethoven-Büsten auf Motorradhelmen und ein 56er Mercedes, der – Oh Lord! – einmal Janis Joplin gehört haben soll: Die Bayreuther Festspiele sind nicht nur Sehnsuchtsort und Hochamt aller Richard-Wagner-Fans, sondern auch eine Ansammlung an sonderbaren Begebenheiten und Kuriositäten. Einer bekommt dies hautnah mit. Es ist Martin Scholti, Leiter der Statisterie auf dem Grünen Hügel. Auf Einladung der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth berichtete der 39-jährige nicht nur aus seinem Alltag, sondern berichtete auch davon, was ein Statist ist. Um es vorwegzunehmen: Es ist weit mehr, als man denkt.

Das Rädchen, ohne das alles klemmt

„Früher war ein Statist jemand, der etwas rein-, und später wieder hinausgetragen hat“, sagt Scholti. Heute könne man gar nicht darauf verzichten, dass sich noch der Statist in der hintersten Reihe ein klein wenig zumindest im Stück auskenne. Früher habe man den Statisten an sich schon mal abwertend betrachtet. Heute indes habe der Statist eine richtige Rolle ausfüllen. Dafür könne man Wagner auch mal von einer ganz anderen Seit kennen lernen. „Das ist absolut genial“, sagt Scholti. Seit 2002 ist er auf dem Grünen Hügel dabei, seit 2013 leitet er die Statisterie. Der Statist, so sagt er, sei zwar das kleinste Rädchen. Aber ohne das kleinste Rädchen würde die Festspiel-Maschine eben auch nicht laufen.

Schwierige Suche für Nacktrollen

Bedarf nach Statisten haben die Festspiele immer. Die Aufgabe kostet Zeit. Scholti, wird dazu eigens von seinem Betrieb freigestellt. Mehreren Unternehmen in Bayreuth sei die Bedeutung der Festspiele für die Region bewusst, so dass sie ihren Beschäftigten gerne mal frei geben, wenn sie sich in stummten Rollen engagierten. Trotzdem sei der Kreis der Kandidaten sehr begrenzt. Sie kommen in der Regel alle aus Bayreuth und Umgebung. Alles andere rechne sich nicht.

70 Statisten sind aktuell im Einsatz, davon drei Kinder für die aktuelle „Parsifal“-Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg. Insgesamt gebe es einen Kreis von knapp 100 Männern und Frauen, aus denen Scholti im Auftrag des Regisseurs ein halbes Jahr vor Beginn der Proben die Richtigen heraussucht. Nicht immer einfach. Christoph Schlingensief suchte für seine Parsifal-Inszenierung dunkelhäutige Afrikaner. Scholti suchte auch in Asylbewerberunterkünften. Auch ein Kind mit Down-Syndrom habe damals mitgewirkt. Scholti fand’s schlüssig. Schließlich wollte ja auch Wagner niemanden ausschließen.

Besonders schwierig: die Suche nach Statisten für Nacktrollen. „Das ist nicht jedermanns Sache“, sagt Scholti. Da gehe man auch schon mal, wie heuer geschehen, in die Fitnessstudios. Wer sich frei genug fühlt, die Hüllen fallen zu lassen oder anderweitig zur Belebung der Szene beizutragen, durchläuft ein Casting, bei denen er auf schauspielerische Fähigkeiten getestet wird. So fand man denn auch die Frauen, die im 3. Aufzug des „Parsifal“ von Uwe Eric Laufenberg die unschuldige Natur darstellen.

Falscher Elektriker

Viele kuriose Begebenheiten hat Scholti schon erlebt. Etwa als er in der „Rheingold“-Inszenierung von Tankred Dorst einen Elektriker im echten Blaumann gab. Dirigent Christian Thielemann, der nicht wusste, dass der Handwerker zur Inszenierung gehörte, unterbrach die Probe und schleuderte die unwirsche Fragezur Bühne hinauf: „Was willst denn du jetzt da?“

Bekannt ist die Geschichte, dass sich ein Kinderstatist in einer Aufführung des „Lohengrin“ in der Inszenierung von Hans Neuenfels übergeben musste. In die Rattenmaske hinein, die aber auch nicht alles fasste. Da übernahmen kurzerhand die Statisten die Regie und schickten einen aus ihren Reihen mit Wischmob auf die Bühne. „Wir haben einfach so getan, als würde das jetzt dazugehören“, erzählte Scholti. Im Publikum fiel's offenbar niemandem auf.

Es ist nicht die einzige Geschichte, schon gar nicht der einzige Grund, dessentwillen Scholti Hans Neuenfels für einen Großen und gar „einen der coolsten Regisseure“ hält. Neuenfels’ Aussprüche füllen bereits ganze Notizbücher, unvergessen ist dieser Moment, da sich Neuenfels selbst das Rattenkostüm überwarf und über die Bühne sprang.

Beethoven auf dem Schädeldach

Hautfarbene Stringtangas für Herren, davon hatten wir’s eingangs. Die gab es in der „Walküre“-Inszenierung von Tankred Dorst. Die Büsten waren Teil der „Meistersinger“-Inszenierung von Katharina Wagner. Für Martin Scholti eine Riesen-Herausforderung: fast eine Stunde lang in der Hitze des Scheinwerferlichts regungslos zu stehen, Motorradhelm auf dem Kopf, dazu das Gewicht Beethovens. Sein aktueller Auftrag ist körperlich weniger belastend, dafür nervlich anstrengenfScholti damit beschäftigt, in der „Rheingold“-Inszenierung von Frank Castorf den 56er Mercedes Benz auf die Bühne zu fahren. „Ich zittere jedes mal von neuem, ob dieses Auto anspringt“, sagt er. Der amerikanische Mercedes gehört einem Gönner der Bayreuther Festspiele. Erstbesitzerin soll tatsächlich die 1970 verstorbene Rocklegende Janis Joplin gewesen sein.

Viele Bayreuther Persönlichkeiten waren schon Statisten. Stadtführerin Elfriede Tittlbach beispielsweise mimte eine dekadente Dame in Tankred Dorsts „Götterdämmerung“, Stadtrat Stephan Müller war vor Scholti Leiter der Statisterie. Und Eishockey-Legende Anton Doll war der Richard Wagner in Katharinas „Meistersingern“.

Spektakulärer, weil von höherem Unterhaltungswert, ist die andere Episode mit Doll. Der sollte Lohengrin den Ring bringen, aber das Schmuckstück war nicht auffindbar – so dass er sich mit einer Rolle Kreppband behalf. Den Zuschauern soll’s nicht aufgefallen sein.

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