Ein Hauch von Wien in Thurnau

Wer das Thurnauer Kaffeehaus betritt, steht einem mächtigen Klavier gegenüber, darüber hängt ein blasses Frauenporträt. Die Wiener Kaffeehäuser waren berühmt für ihre Konzerte und Lesungen. Dort trafen sich Dichter und Schriftsteller zum Schreiben, Lesen und Debattieren. Ähnliche Runden wären an den hölzernen Tischen und Stühlen vor den hellgelben und roséfarbenen Wänden durchaus denkbar. Unter der Decke hängen Kristallleuchter, die bodentiefen Flügeltüren zum Garten schaffen Helle und Weite. Hinter der Theke bedient Hans-Jürgen Hagen den italienischen Kaffeeautomaten. Seit April tauscht er von Freitag bis Sonntag seinen Beruf als Lehrer gegen den eines Oberkellners. „Das muss ich natürlich alles erst noch üben“, sagt Hagen lächelnd und balanciert ein Tablett mit einer Tasse Kaffee zu einem der Tische.

Gebäude steht unter Denkmalschutz

Gut dreißig Jahre wohnt er mit seiner Frau Renate in dem 450 Quadratmeter großen Haus aus dem 16. Jahrhundert mit 18 Zimmern. In dem historischen, denkmalgeschützten Gemäuer bieten die Hagens seit vielen Jahren Gästezimmer an. Das Antikhaus ist mit alten Bauernmöbeln und Antiquitäten ausgestattet, geblümte Vorhänge und Kissen erinnern an das Leben in einem englischen Landhaus.

So viele Cafés wie Töpfereien?

Wo früher das Frühstückszimmer war, hat das Ehepaar jetzt seine Wohnräume. Denn im früheren Wohn- und Arbeitszimmer der Hagens befindet sich seit diesem Monat das Café, direkt neben der Laurentiuskirche und schräg gegenüber des Schlosses. „Vor fünf Jahren hatten wir das erste Mal die Idee, im Haus etwas zu verändern“, sagt Hagen. Vor drei Jahren seien die Pläne dann konkreter geworden. Damals hatten Besucher Thurnaus, die sich auf einen Kaffee irgendwo niederlassen wollten, kaum eine Chance. Die alteingesessene Schorrmühle machte zu, das Schlosshotel suchte neue Pächter, das Café Bayer mehr Kneipe denn Konditorei, das Café Central in der Hopfenleithe dicht. Inzwischen ist das Schloss neu verpachtet, am Schlossweiher öffnete das Café Moments und die Bäckerei Schleicher plant, im Oktober ebenfalls ein Café im Markt zu eröffnen. „Jeder hat den Bedarf gespürt“, sagt Hagen und scherzt: „Bald werden wir in Thurnau so viele Cafés wie Töpfereien haben.“

Renate Hagen bäckt selbst

Doch ein Zurück gibt’s nicht mehr, schließlich wurden jede Menge Zeit und Arbeit in den Umbau investiert. Bis zuletzt werkelten die Handwerker im Haus. Statt einen Innenarchitekten zu engagieren, übernahm Renate Hagen selbst die Planung. Sie wählte die Möbel aus, überlegte sich die Farbkombination, fand eine Lösung für die Kühlung der Torten und Kuchen und ließ die Rundbogenfenster umgestalten. „Ich habe fast alles alleine gemacht“, sagt sie und freut sich, vor ihrem 60. Geburtstag noch etwas Neues angepackt zu haben.

Am ersten Öffnungstag überrannt

Vor der Eröffnung am Lenzrosen- und Ostermarkt stand sie ab halb zwei Uhr früh in der Küche und hat gebacken. „Ich bin bis zwölf gerade so fertig geworden. Wir sind regelrecht überlaufen worden.“ Denn nicht nur die Thurnauer und Nachbarn waren gespannt auf das neue Café. Der Zuspruch, auch der auswärtigen Gäste, ist groß, was dem Ehepaar über die Mühen der ersten Tage hinweg hilft. „Jetzt merken wir erst, wie das Ganze im Ensemble wirkt“, sagt Hans-Jürgen Hagen zufrieden. Manche kennen ihn noch als Inhaber des Antiquariats in der Bayreuther Sophienstraße. Die Liebe zu Büchern und Musik ist geblieben – und dafür soll im Café namens „Kaffee und Zeit“ auch genügend Zeit bleiben.

Info: Geöffnet Freitag bis Sonntag von 12-18 Uhr, Kirchplatz 8, Reservierung unter 0 92 28/15 80.

 

Nicht bewertet

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Kommentare

Da kann man nur viele Gäste wünschen. Alles Gute!