Ein Deserteur, der verschwiegen wird

Horst Mohr beschäftigt sich mit der Hinrichtung eines Wehrmachtssoldaten in den letzten Kriegstagen am 10. April 1945 durch ein Standgericht in Nordhalben.

Der 71-Jährige, der in Nordhalben (Landkreis Kronach) im Frankenwald geboren und in jungen Jahren der Enge seines Heimatortes nach Berlin entflohen ist, hat sich auf Spurensuche gemacht. Er hat herausgefunden, dass der wegen Fahnenflucht hingerichtete 36-jährige Soldat Willibald Frischmann hieß und aus Wien kam. Und er recherchierte, dass nicht das berüchtigte Standgericht Helm für das Todesurteil verantwortlich war, sondern das Feldgericht eines Kommandos rückwärtige Einheiten unter Vorsitz des Wehrmachtrichters Karl Eglseer. Die standrechtliche Erschießung erfolgte vier Tage vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen in Nordhalben.

Der frühere Gewerkschaftssekretär schaffte es mit seinen langjährigen, bundesweiten Forschungen, dieses NS-Verbrechen dem Vergessen zu entreißen, zumal er auch die persönlichen Lebensdaten des Wehrmachtssoldaten Frischmann bekanntmachte. Der Deutsche Bundestag hatte im Mai 2002 mit Mehrheit von SPD, Grünen und PDS unter der NS-Diktatur verurteilte Deserteure rehabilitiert. Damit wurden rund 22 000 Todesurteile aufgehoben.

Der Gemeinderat reagierte

Auch in Nordhalben kam eine Diskussion in Gang. Der Gemeinderat reagierte auf die teilweise neuen Erkenntnisse – und ließ nahe des Erschießungsortes von Frischmann im Waldstück „In der Fichtera“ ein unscheinbares Holzkreuz an einer Birke anbringen. Es sollte „eine schlichte Erinnerungsstätte“ entstehen, lautete der Wunsch des Gremiums. Doch was soll ein Holzkreuz an einem Baum an Erinnerungswert bringen? Diese Frage stellt sich Horst Mohr. Er hatte gefordert, zumindest die persönlichen Daten von Frischmann und dessen Todesumstände auf einer Tafel unterhalb des Kreuzes zu dokumentieren. Doch seine Argumente drangen im Gemeinderat nicht durch. So hängt am Rande von Nordhalben an einer Birke ein Holzkreuz – und es wird verschwiegen, an wem das Kreuz überhaupt erinnern soll.

Horst Mohr fordert eine Gedenktafel

Für Horst Mohr ist dieses anonyme Gedenken schlichtweg sinnlos. Er fordert vielmehr, am alten Polizeigebäude im Ortskern, wo Frischmann vor seiner standrechtlichen Erschießung im April 1945 eingesperrt war, eine Gedenktafel mit den persönlichen Daten des Opfers und dem Grund seiner Exekution als Fahnenflüchtiger anzubringen.

Mohr will weiter nachforschen, er lässt nicht locker. Seine hartnäckige Art, Heimatgeschichte in Erinnerung zu rufen, mag kantig, manchmal auch unbequem sein, notwendig ist sie allemal.

INFO:

Heimatkundliches Jahrbuch des Landkreises Kronach, Band 28, 2016, Herausgegeben von der Kreisheimatpflege Kronach, 252 Seiten, ISBN 978-3-9817764-1-6, 26,90 Euro.

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