„Die Zeit steht still in diesem Moment“

Herr Mužek, wie heißen Sie: Mutzek? Mutschek? Musek?

Tomislav Mužek: Muschek. Das ž ist ein sch. „Mutzek“ bedeutet, von der Aussprache her, auf Kroatisch „kleine Katze“. „Muschek“ ist ein kleiner Mann. Stimmt also beides nicht (lacht).

Wie oft müssen Sie das erklären?
Mužek: Ach, ziemlich oft. Meine Eltern kamen ja nach Deutschland, bevor ich geboren wurde, und haben hier zehn Jahre lang gearbeitet. Mit dem kleinen Haken auf dem z haben die sich nicht so sehr befasst – also hießen sie „Mutzek“, das war für die Deutschen einfacher, und meinen Eltern war’s egal. Ich will das aber schon gern differenzierter haben. Der Haken ist ja eine Art Akzent. Und der macht auch in der Bedeutung des Wortes einen Unterschied.

Und nicht zuletzt ist es Ihr Beruf, mit Lauten differenziert umzugehen. Sie sind in Deutschland geboren, aber in Kroatien aufgewachsen. Wie kam das?
Mužek: Bis zu meinem sechsten Lebensjahr war ich in Deutschland; dann standen wir vor der Frage, ob ich hier zur Schule gehen soll oder nicht. Meine Eltern hatten ein Haus in Kroatien, das damals ja noch Jugoslawien war, und sie haben gesagt: Wenn wir jetzt hierbleiben, dann bleiben wir für mehr als 20 Jahre hier. Das war dann der Auslöser.

Wann kam die Musik in Ihre 
Biografie?
Mužek: Meine Eltern sind sehr gesangsbegabt, meine Mutter hat eine umwerfende Stimme – ich denke immer, wenn sie eine Gesangsausbildung gemacht hätte, wäre sie fantastisch gewesen. Und mein Vater hat auch viel gesungen – jede Reise, die wir machten, jedes Familientreffen, da war die Musik nie wegzudenken. Richtig ernsthaft zur Musik kam ich erst später, im Gymnasium.

In welchem Verhältnis standen Deutschland und Jugoslawien damals für Sie?
Mužek: Ich hatte als Kind immer diese große Sehnsucht – Deutschland habe ich als mein Heimatland empfunden, die ersten sechs Jahre sind ja sehr prägend. Wir haben in Siegen gewohnt, das ist so eine Art kleine Großstadt, ganz anders als das jugoslawische Dorf, in das wir dann gezogen sind. Asphaltierte Straßen gab es nicht.

Von der Stadt ins Dorf – das klingt, für einen sechsjährigen Buben, nach Abenteuer.
Mužek: Ja, meine Großeltern, die da in der Nähe wohnten, das waren richtige Bauernhöfe. Und dann auf einmal dann mit Kühen und mit Hühnern, Puten, Enten, Gänsen… und Wald! Der Wald hat mich ja geprägt, weil in der Gegend, wo ich jetzt ein Haus baue für meine Familie, fängt in hundert Metern der Wald an und dann ist da für 40 Kilometer nur Wald. Das hat mich schon geprägt, und ich habe auch eingesehen, dass es für mich das Beste gewesen ist, dass meine Eltern entschieden haben, dass ich in einer kleinen Gegend aufwachse, mit viel Bezug zur Natur, und ich habe auch Freunde, die habe ich bis jetzt. Seit 30 Jahren.

Mein Onkel ist in Siegen geblieben, den habe ich mit 12, 13 oft besucht. Und als ich das Gymnasium beendet hatte und den Gesangsweg eingeschlagen habe, hat es mich dann nach Wien gebracht. Wien war ja nicht so weit weg – dreieinhalb Autostunden. Und um Musik zu lernen, ist es eine günstige Adresse.

Wo sind Sie Künstler geworden?
Mužek: Das ist auch eine philosophische Frage. Ich glaube, den Zeitpunkt kann man im Nachhinein nicht bestimmen. Ich sehe mich selbst auch nicht unbedingt als Künstler – der Grat ist ziemlich schmal, auf dem wir uns bewegen. Wir erschaffen ja nur Augenblicke innerhalb einer Interpretation, die schon präzise vorgezeichnet ist. Wir haben keine große Bewegungsfreiheit, es geht nur darum, wie man seinen Part musikalisch gestaltet und welche Würze die eigene Stimme dazugibt. Aber nicht einmal das kann man wirklich beeinflussen. Wenn man davon ausgeht, dass Künstler etwas kreieren, etwas erschaffen – dann gibt es unter den Sängern nur wenige Künstler.

Das klingt sehr bescheiden. Gerade Sie werden beim Schlussapplaus doch regelmäßig gefeiert für die Schönheit der Augenblicke, die Sie als Erik im „Holländer“ erschaffen. Augenblicke sind in der Kunstgattung, über die wir hier reden, ja nicht nichts...
Mužek: Das ist immer auch von der Atmosphäre abhängig. Ich kann mich erinnern, bei der Premiere im vergangenen Jahr waren es auf der Bühne über 30 Grad. Es war so heiß... ich weiß noch, wie die Kollegen im Chor hinter der Bühne saßen, um kein Prozent mehr Energie zu verbrauchen als unbedingt nötig. Wenn man da auf der Bühne ist, und es läuft einem der Wasserfall herunter, dann wirkt sich das mit Sicherheit auf den Augenblick aus.

In dieser Inszenierung sind Sie als Erik ja auch ziemlich in Bewegung.
Mužek: Ja, es sind zwei kurze Auftritte, aber bei Erik ist das sehr intensiv. Er kommt zweimal eine Viertelstunde auf die Bühne, dann ist er wieder weg. Er ist ein aufbrausender Typ.

Wie haben Sie sich – im Jahr nach der Neuinszenierung – die Rolle erarbeitet?
Mužek: Ich bin im vergangenen Jahr in einer ähnlichen Situation gewesen, in der Samuel Youn vor zwei Jahren war – es war nur nicht ganz so knapp (Youn sprang 2012 am Tag der Generalprobe als Holländer für Evgeny Nikitin ein, d. Red). Man hat mich am Dienstag angerufen, ob ich am Donnerstag da sein kann. Ich war auf einer Insel in Kroatien, habe „Ja“ gesagt, gepackt und mich ins Auto gesetzt. Wer alles in der Produktion singt und dass Herr Thielemann dirigiert, habe ich erst unterwegs erfahren. Und dann ist natürlich auch der Stresslevel ziemlich groß. Man will sich in kurzer Zeit mit all diesen szenischen und musikalischen Details vertraut machen. Das war sehr viel Information auf einmal, und also entstand auch eine gewisse Anspannung. In diesem Jahr ist es viel entspannter, und aus dieser Entspanntheit entstehen noch viel mehr schöne musikalische Momente – so weit ich das aus meiner Sicht sagen kann. Ich bin entspannter, habe mich an die Akustik, an das Orchester, an den Dirigenten gewöhnt.

Als Sie mit dem Auto gekommen sind: Haben Sie gesungen im Auto?
Mužek: Ich singe ab und zu, obwohl es Gesangspädagogen verhöhnen, denn man hört sich ziemlich schlecht. Mit allen Geräuschen. Aber mein Gott, man muss in Schuss bleiben (lacht).
Ich habe die Partie vorher schon gesungen, das lief gut. In einer Produktion war ich wirklich Jäger, in einer anderen, bei Konwitschny in München, kam ich im Bademantel aus der Sauna. Und das jetzt war wirklich eine Überraschung für mich. Der Regisseur hat sich sehr viel Mühe mit mir gegeben, wir haben alles sehr konsequent neu geprobt.

Ich habe danach in Dresden den Erik gemacht, und dann in Hongkong – und man ist so vorbereitet durch die Bayreuther Arbeitsweise. Und hier sind die musikalischen Assistenten auf einem Level, da wurde man jeden Tag auf die kleinen Sachen aufmerksam gemacht. Das war schon toll. Man kann das im Schlaf, man ist überhaupt nicht mehr nervös, man ist wirklich gut vorbereitet.

In einer Szene zeigen Sie Senta Fotos, um sie an die glückliche Zeit zu erinnern, die sie zusammen hatten. Hilft das beim Singen?
Mužek: Oh ja. Wenn ein guter Regisseur gute Ideen hat, wirkt sich das sofort auch sängerisch aus. Das gibt Inspiration, vielleicht macht man ein Piano mehr, vielleicht kostet man einen Ruhepunkt intensiver aus, an den man früher nicht gedacht hätte. Denn man hat ja eine Eigeninszenierung im Kopf laufen, wenn man eine Partie lernt. Und dann wird man vom Regisseur aus diesem Traum herausgerissen und ins Feuer geworfen, in eine ganz andere Umgebung. Und hier, gerade in diesem Moment mit den Fotos, funktioniert das wunderbar. Die Zeit steht still in diesem Moment. Das sind dann so diese kleinen Augenblicke, in denen man dann doch denkt: Hier passiert jetzt ein bisschen Kunst.

Das Gespräch führte Florian Zinnecker

Erik

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06