Die Weltbörsen kommen ins Zittern

Der Dow letzte Woche mit dem größten Tagesverlust seiner Geschichte. Was ist passiert?

Daniel Bauer: Das muss man zunächst einmal  relativieren, denn der Kursverlust war zwar mit in der Spitze rund 1600 Punkten der höchste absolute Punkteverlust des Dow Jones Index in der Geschichte, relativ gesehen betrug das Minus zum Börsenschluss jedoch nur rund 4,3 Prozent.

 

Gar nicht so schlimm?

Bauer: Das ist zwar ein hoher Tagesverlust, jedoch weit weg von einem historischem Crash oder ähnlichem. Am Schwarze Montag, dem 19. Oktober 1987, hat der  Dow Jones  508 Punkte verloren, was einen Tagesverlust von 22,6 Prozent darstellte. Am 29. September 2008, als das US-Rettungspaket für die Finanzwirtschaft vorerst geplatzt war, hat der Dow Jones rund sieben Prozent verloren.

 

Die Börsen zittern?

Bauer:  Generell ist die Unsicherheit an den Märkten aufgrund der vorhandenen Angst vor schnell steigenden Zinsen, der geopolitischen Lage und dem Erstarken nationalistischer Tendenzen hoch. Daher muss man immer damit rechnen, dass es zu stärkeren Schwankungen kommen kann, vor allem in Zeiten, in denen der Börsenhandel immer automatisierter abläuft.   

 

Der automatisierte Computerhandel als Crash-Verstärker?

Bauer: Davon muss man ausgehen. Bereits den Flash Crash vom 6. Mai 2010, als der Dow Jones zeitweise bei extrem hohen Umsätzen sogar mehr als neun Prozent innerhalb weniger Minuten verlor, hatte man mit dem automatisierten Handel begründet.

 

Wie funktioniert das genau?

Bauer: Unter dem automatisierten Handel versteht man im Allgemeinen den Handel von Wertpapieren durch Computerprogramme. Diese folgen mathematischen Modellen, so genannten Algorithmen, um über bestimmte Aspekte der Order entscheiden zu können. So werden Verkaufs- und Kaufentscheidungen oftmals direkt automatisiert getroffen. Folgen nun viele Computer ähnlichen Algorithmen, dann kann das Kurstrends in die eine oder andere Richtung extrem verstärken.

 

Es wird weitere Flash Crashs geben?

Bauer: Davon ist auszugehen, denn immer mehr Kapitalanlagegesellschaften setzen Algorithmen bei der Anlageentscheidung ein bzw. lassen diese alleinig Kauf und Verkaufsentscheidungen treffen. Spannend wird auch sein, wie sich der Trend der letzten Jahre hin zu passiven Anlageprodukten, vor allem den sogenannten ETFs, in Krisensituationen auf die Märkte auswirken wird.

 

Nämlich?

Bauer: In diese Anlageform flossen enorm hohe Summen über die letzten Jahre. Die Gelder wurden jeweils dazu verwendet, Börsenindices nachzubilden um so eine marktähnliche Kursentwicklung erzielen zu können. Sollten die Märkte tatsächlich stark fallen, könnten auch aus dieser Anlageform Gelder abfließen und somit den Trend nach unten noch verstärken.

 

Was soll der Kleinanleger tun?

Bauer: Der normale Kleinanleger wird keine Zeit dazu haben, ständig die Kursentwicklung zu verfolgen. Ich rate daher dazu, nur in solide Unternehmen mit einem intakten Geschäftsmodell zu investieren. Diese überleben auch eine größere Wirtschaftskrise und gehen gestärkt daraus hervor, so dass die Kurse nach einem Rückgang meist wieder neue Höchststände erreichen.

 

Man kann weiter gut schlafen?

Bauer: Wenn man sich diesem bewusst ist, kann man auch bei größeren Kursrückgängen gut schlafen und sich freuen, dass man eventuell Aktien guter Unternehmen nun günstig kaufen kann.

 

Wann soll man genau kaufen?

Bauer: Generell sollte man nicht immer nur zu einem Zeitpunkt Aktien erwerben, sondern in zeitlichen Abständen immer mit einem ähnlichen Betrag ein Portfolio aufbauen. Dann hat man zwar sicher nicht den günstigsten aller Einstiegskurse, über die Zeit hat man dann aber einen guten Einstandskurs, da man in Bärenmärkten ja auch günstig die Aktien kaufen und für sein Geld eine hohe Anzahl an Aktien erwerben kann.

 

An der Börse wird es die kommenden Monate unruhiger?

Bauer: Davon sollte auszugehen sein, denn die genannten Unsicherheiten dürften nicht über Nacht einfach so verschwinden.

 

Weil die Zinsen steigen?

Bauer: Die Zinsen sollten zumindest Thema Nummer eins bleiben. Man darf nicht vergessen, wir kommen aus einer großen Krise heraus, bei der die Eurozone beinahe zerfallen wäre und das Finanzsystem vor dem Abgrund stand. Das Überleben haben nur die Notenbanken mit der Niedrigstzinspolitik gesichert. Es gibt in  der Geschichte keinerlei Erfahrung damit, wie Märkte reagieren, wenn das Zinsniveau wieder normalisiert wird.

 

Raus aus Aktien oder besser Ruhe bewahren?

Bauer: Die Frage müsste eigentlich lauten, was sollte man anstatt Aktien kaufen? Die Renditen bei angeblich sicheren Geldanlagen wie dem Tagesgeldkonto oder Staats- und Unternehmensanleihen sind weiter uninteressant. Und ich sehe durchaus die Möglichkeit, dass vor allem in der Eurozone der Zinsanstieg nicht so schnell kommen wird wie von vielen erwartet. Denn die Probleme in Italien, Griechenland und auch in Frankeich sind noch nicht gelöst.

 

Wo steht der Dax am Jahresende?

Bauer: Ende 2017 habe ich eine gute Chance gesehen, dass der Dax die 15.000 Punkte übersteigt, wenn politisch alles ruhig bleiben sollte. Ich halte daran fest, auch wenn aus heutiger Sicht das eher unwahrscheinlich sein dürfte. Aber die bisher gelieferten Unternehmensergebnisse für das abgelaufene Geschäftsjahr 2017 waren überwiegend sehr gut. Eine Glaskugel habe ich jedoch natürlich auch nicht.


Info: Die 1959 gegründete SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. mit Sitz in München ist nach eigenen Angaben mit rund 5000 Mitgliedern eine der führenden deutschen Anlegervereinigungen. Der Schwerpunkt der Arbeit der SdK ist die Interessenvertretung ihrer Mitglieder. Hierzu zählen vor allem der Schutz von Minderheitsaktionären und die Vertretung von Gläubigern etwa bei Sanierungen oder  Insolvenzverfahren. Diplom-Volkswirt Daniel Bauer ist seit Frühjahr 2016 Vorstandschef der SdK, die jährlich rund 500 Hauptversammlungen und viele Gläubigerversammlungen besucht.

 

Nicht bewertet

Anzeige