"Die Walküre": Er war ja doch schon fertig

Vermutlich kann man diese „Walküre“ am besten damit erklären, dass nach der Premiere im vergangenen Jahr viele Zuschauer überzeugt waren, Castorf sei nicht fertig geworden. Das könne er ja unmöglich so gewollt haben: das halbherzige Geplänkel zwischen Fricka und Wotan im zweiten Aufzug. Später der verhuschte Kampf zwischen Siegmund und Hunding, im Bauch eines Öl-Förderturms. Und dazwischen die vielen Viertelstunden, in denen eine Bühnenhandlung  nicht erkennbar ist. Weil szenisch überhaupt nichts passiert.

Ein Jahr später zeigt sich: Castorf ist offensichtlich doch schon fertig gewesen. Nach dem schnell geschnittenen Roadmovie-Rheingold probiert Castorf hier konventionellste Opernregie. Stehtheater.  Und zwar, das zeigt sich jetzt, mit Absicht. Und damit bringt er den „Ring des Nibelungen“ noch näher an die Grenzen des Zumutbaren als im blondierten, tief dekolletierten „Rheingold“.

Castorf stemmt sich gegen Erwartungen

Wenn es also Absicht ist, was hier (nicht) passiert: Was soll das heißen? Castorf erzählt die „Walküre“ als Geschichte einer Revolution; genau darum geht es ja: um das Hinterfragen von Autoritäten. Um die – mal zufällige, mal absichtliche – Demontage alter Systeme. Und falls es Castorf auch darum geht, den Herzen der Zuschauer die Sehnsucht nach dem Umbruch einzupflanzen, danach, lieber alles in die Luft sprengen als die Dinge weiterlaufen lassen – dann ist das gelungen. Mit den Mitteln der Langatmigkeit. Man muss sich das Leben in Aserbaidschan offenbar auch in revolutionären Zeiten als sehr langen, sehr ruhigen Fluss vorstellen.

Aber natürlich bricht Castorf so auf radikalstmögliche Art mit der Schlag-auf-Schlag-Ästhetik des „Rheingolds“. Denn das Naheliegende so weit wie möglich wegzupacken und jede Erwartung zu unterlaufen, ist eines der Grundprinzipien von Castorfs Arbeit. Wenn im Libretto steht, dass im „Rheingold“ Wotan Alberich den Ring entreißt, dann gibt bei Castorf Alberich den Ring beinahe freiwillig ab. Wenn man dann aber davon ausgeht, dass Nothung bestimmt kein Schwert ist – dann ist es gerade doch ein Schwert. Es ist kompliziert. Es ist so kompliziert wie möglich.

Das kann man intelligent finden oder trotzig. Eines ist Castorfs „Walküre“ so in keinem Fall: eine Abfolge störungsfrei verbrachter Stunden, mit einer Geschichte mit bekanntem Ende und anrührender Musik. Man muss sich – auch als Zuschauer – anstrengen für diese „Walküre“, man muss ein bisschen kämpfen darum.  

Stürmisch, nicht schlampig

Die Sänger nutzen die Leerstellen, die ihnen die Regie lässt, um in Ruhe und ungestört zu singen. Insofern kann man darüber nur froh sein – denn eine bessere Sieglinde als Anja Kampe gibt es gerade einfach nicht, anfangs leuchtet ihre Stimme, später strahlt sie dann. Johan Bothas Tenor strahlt auch, die Partie des Siegmund ist ein Kraftakt, aber man merkt es nicht. Nie. Und nur darum ist der erste Aufzug nicht schon der Höhepunkt des Abends – weil noch zwei weitere folgen. Bei Wolfgang Kochs alberichhaftem Wotan merkt man den Kraftakt doch, er hatte es im „Rheingold“ spürbar leichter als in der „Walküre“, aber sei's drum: Sein Abschied von Brünnhilde im dritten Aufzug wiegt  die die Parlando-Strecken im zweiten wieder auf. Catherine Foster stolpert auf den ersten Metern, kann dann als Brünnhilde aber doch noch abheben – in höchsten Höhen, mit vollster Sicherheit. Fabelhaft ist Kwangchul Youn als Hunding, es ist seine dritte Premiere in dieser Spielzeit, sein Bass war so frisch, als wäre es die einzige gewesen.

Das Vorspiel nimmt Kirill Petrenko in einem Tempo, das man, ohne zu übertreiben, irre nennen muss. Wagner hat als Spielanweisung „Stürmisch“ in die Partitur geschrieben, und sein Wille geschehe, allerdings: „Stürmisch“, ohne auch nur annähernd schlampig zu sein. Im Gegenteil. So geht es weiter, gründlichst, intensivst, bis zum Feuerzauber, wieder in irrem Tempo, und wieder: völlig aufgeräumt. Man muss vorsichtig sein mit solchen Sätzen, sie verschleißen schnell, aber: Wenn man Petrenko beim Dirigieren zuhört, scheint es als nicht wahrscheinlich, dass jemand diese Musik so verstanden hat – und seinen Musikern so verständlich machen kann – wie er. Das Gerücht hält sich hartnäckig, dass Petrenko sich nach der nächsten Saison aus Bayreuth zurückzieht. Nach diesem Abend muss man sagen: Wenn auf dem Grünen Hügel Musik auch weiterhin eine Rolle spielen soll, gäbe es nicht viele Entscheidungen, die fataler wären, als ihn ziehen zu lassen.

Ein guter Abend also? Mit Sicherheit. Aber man muss ihn sich verdienen.

Neue Ästhetik? Na ja

Dass jetzt aber schon die Rede davon ist, die Zuschauer hätten sich mit der Castorf-Inszenierung angefreundet, nur weil das Publikum den Sängern applaudiert und nicht den (ohnehin abwesenden) Regisseur anschreit – das ist natürlich Blödsinn. Niemand hat die Absicht, sich anzufreunden. Es sind nur einfach weniger Castorf-Gegner da als im vergangenen Jahr. Denn natürlich: Warum sollte man etwas ansehen, von dem man schon weiß, dass man's eh nicht mögen wird. Wer das nicht sehen will, ist nicht gekommen. Warum sich ärgern, wenn man zu Hause bleiben kann.

Vielleicht ist Bayreuth aber trotzdem kein schlechter Ort, um das Publikum anzustrengen (im Grunde ist der Grüne Hügel ja gerade dafür erfunden worden). Vielleicht passt die Ästhetik dieser „Walküre“ und des ganzen „Rings“ gerade deshalb gut hierher. 

Oder hätte hierher gepasst. Als diese Art, im Theater mit Werken umzugehen, neu war.

Vor 20 Jahren.

 

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Montag, 13. November 2017 - 11:06