Die Freiheit sollte man sich nehmen

Er kam mit einiger Verspätung auf die Bühne des Zentrums. Ob man nicht endlich anfangen solle, fragte Hagen Rether noch einigermaßen aus dem Off. Hm, ja, könnte man. Oder?, dachte man sich. Und dann fragte Rether, wie’s denn der Freiheit so gehe? Und man dachte bei sich, was der nun damit wieder meint. Fragt der das überall oder nur im ehemaligen Zonenrandgebiet?

Hagen Rether nahm dann Platz, neben einem Flügel, auf dessen Glanzlackoberfläche Bananen lagen. Die Früchte sahen aus wie Deko, waren aber tatsächlich zum Essen da, wie sich Mitte der zweiten Halbzeit herausstellte. Und das Klavier? Zum Spielen. Das aber hörte man erst am Schluss eines sehr langen Abends. Ich war kurz zuvor gegangen. Weil mir zwischen Pause und Mitternacht die Lust vergangen war.

Der Abend dehnt sich

Rether lässt einen wunderbare Augenblicke erleben, für die er einen dann prompt mit ziemlich langen Viertelstunden bestraft. Das mit den Augenblicken und der Strafe stammt eigentlich von Rossini, und der meinte damit die Opern von Richard Wagner. Aber es passt ganz gut auch zu Rether. Er setzt unglaublich schöne, präzise Pointen. So etwas wie, dass Obama gar nicht echt gewesen sei. „Das war Günter Wallraff.“ Aber dazwischen liegen eben gehörige Abstände. Weil sich Rether wie einst schon Richard Wagner Zeit nimmt zum Erzählen, weil das Auf-die-Folter-spannen, die Meditation zum Kunstwerk gehören, Teil der Botschaft sind.

Langatmigkeit ist Teil der Botschaft

Und die läuft bei Rether ziemlich überzeugend auf die Befreiung aus selbst verschuldeter Unmündigkeit hinaus. Kein Delegieren von Verantwortung mehr, keine Flucht in eine Opferrolle. Keine Anklagen mehr gegen Politiker, Banker und Eliten. Besser schauen, dass man sich die Stärken der Eliten aneignet. „Ich bin für Bildung“, sagte Rether. Und noch vieles mehr, wie ein Bußprediger, allerdings ohne Schaum vorm Mund. Man solle auch nicht dauernd nur auf andere zeigen, sondern schauen, wie man mit seinem bisschen Lebensstil die Welt beeinflusst: mit Flugreisen etwa, mit Fleischkonsum, mit unbedachtem Konsum.Und schon gar nicht soll man der Versuchung nachgeben, Sündenböcke etwa unter Geflüchteten aus dem Maghreb zu suchen. Endlich raus aus der verdammten Demokratiemüdigkeit, weg von diesem „Untertanenscheiß“, mehr Verantwortung übernehmen – so kann man Rether zusammenfassen. Ein Prozess, der in eine wahrhafte Aufklärung mündet.

Schmerzhaft und hilfreich

Rether sprach in gedämpftem Ton, unaufgeregt, es klang nach Wohnzimmer, man durfte dem Geist bei der Verdauung zuhören. Und aus all den Widersprüchen, die Rether so benennt, keimt Selbsterkenntnis. Das ist manchmal schmerzhaft, für den Moment aber sehr hilfreich. Wie gesagt, um vielleicht den Weg aus der Misere zu finden, in die man sich vor lauter Verantwortungsscheu geflüchtet hat.

Nach der Pause aber baute Rether ab. Es mag an den Kopfschmerzen gelegen haben, die sich während einer langen Autofahrt eingestellt haben. Rether fragte das Publikum um eine Schmerztablette, aber niemand rührte sich. Sei’s, weil niemand Schmerzmittel dabei hatte (was in der von Rether angesprochenen bequemen und wenig belastbaren Gesellschaft kaum wahrscheinlich ist), sei’s, weil sich niemand traute, sich in den Vortrag des Meisters zu mischen, mit etwas so Profanem wie Ibuprofen.

Zerfahrene zweite Hälfte

Was Rether zu sagen hatte, hatte er in der ersten Hälfte zu guten Teilen schon gesagt. Der Rest waren Wiederholungen und Schleifen. Und irgendwann hörte sich Rether gar nicht mehr nach Wohnzimmer an, sondern klang zerfahren, unkonzentriert und einfach onkelhaft, wie ein Erwachsener, der zu Kindern spricht: Gaaanz ruhig, bloß die kleinen Bälger nicht provozieren.

Irgendwann hat man’s dann verstanden. Was Rether nicht dran hinderte, die Wiederholung zu wiederholen. Und dann dasselbe nochmals zu sagen. Da bin ich gegangen. Bloß kein Opfer sein, das müsste dem Hagen Rether eigentlich gefallen haben. Wie’s der Freiheit geht? Man sollte sie sich ab und zu tatsächlich nehmen.

Nicht bewertet

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