"Die ersten Tage waren etwas turbulent"

Frau Weigand, wie waren die ersten 100 Tage im neuen Amt?

 

Sonja Weigand: Na ja, man muss sich einleben ins Amt. Die ersten Tage waren etwas turbulent. Das hat sich jetzt beruhigt. Wir erledigen das Tagesgeschäft, ich mache viele Antrittsbesuche.   

 

Haben Sie sich das so vorgestellt? Ist die Arbeit umfangreicher, als Sie gedacht haben?

Weigand: Eine Vorstellung hatte ich nicht, das Ganze kam ja sehr überraschend für mich. Für mich war aber von vornherein klar, dass ich es nicht mit der Intensität betreiben werde und kann, wie das mein Vorgänger, der Herr Trunk, gemacht hat, der ja, glaube ich, 80 Prozent seiner Tagesarbeit in den Dienst der IHK gestellt hat.

 

Sie sagen, Sie wurden vom neuen Amt überrascht. Haben Sie vorher mal mit Leuten geredet und gefragt, was kommt da auf mich zu?

Weigand: Ja klar. Als sich herausstellte, dass es ein Thema werden könnte, hab‘ ich auch gefragt, was bedeutet das, was kommt da auf einen zu.

 

Wann wussten Sie, dass Sie Präsidentin werden könnten?

Weigand: Zwei Wochen vorher.

 

Was hat Sie bewogen, zu sagen, ja, das mach‘ ich?

Weigand: Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein. Es war sonst niemand da, der gesagt hat, ja, ich stell‘ mich zur Verfügung.

 

So einen Wechsel im Präsidentenamt, den könnte man doch auch vorbereiten?

Weigand: Da müssen Sie aber jetzt andere Leute fragen. Ich bin in Bamberg in meiner Wahlgruppe mit den meisten Stimmen gewählt worden, wurde Gremiumsvorsitzende. Unternehmen wählen ja nicht einfach so. Die denken, dass sie demjenigen, dem sie ihre Stimme geben, auch Vertrauen entgegenbringen oder dass der für sie vielleicht etwas bewegen kann. So habe ich das dann auch verstanden. Und sich dann hinzustellen und zu sagen, bis hierher aber weiter gehe ich nicht, fände ich nicht richtig.

 

Sie haben sich extrem schnell von der Hauptgeschäftsführerin getrennt. Stehen Sie weiter dazu, in dieser Eile eine so gewichtige Personalentscheidung gefällt zu haben?

Weigand: Ich stehe weiter dazu, dass es eine richtige Entscheidung war. Es war unglücklich, wie sich die Dinge verselbständigt haben.

 

Hätten Sie nicht erst einmal mit Frau Degen einige Monate zusammenarbeiten sollen? Warum in der Eile?

Weigand: Wenn man merkt, dass es schon Spannungen gegeben hat und eventuell auch in einem gemeinsamen Gespräch feststellt, dass man sich trennt, warum soll man das dann nicht gleich machen?

 

Haben Sie diese Spannungen festgestellt?

Weigand: Die Spannungen konnte, denke ich, jeder feststellen. Das ist für die Leute, die schon lange dabei sind, nicht so überraschend gewesen. Es geht ja nicht allein um die Zusammenarbeit mit mir, es geht um die Zusammenarbeit mit der IHK, mit dem Präsidium, mit der Wirtschaft.

 

Sie hatten den Eindruck, dass es Vorbehalte gab, dass Unzufriedenheit herrscht?

Weigand: Es war zu spüren, es ist auch geäußert worden, dass diesbezüglich Entscheidungen getroffen werden sollten. Ich hab‘ jetzt noch mehrmals mit Frau Degen gesprochen. Wir haben ein ganz normales Verhältnis. Wir sind nicht im Streit auseinander gegangen. Wir haben keine persönlichen Vorbehalte gegeneinander. Es war eine Entscheidung, die jemand, der vorne dransteht, treffen muss.

 

Als sie Präsidentin wurden, war Ihnen schon klar, dass Frau Hohenner neue Hauptgeschäftsführerin werden soll?

Weigand: Nein, weil mir auch noch nicht klar war, dass wir uns von Frau Degen trennen.

 

Wie lange waren Sie dann im Amt, als die Personalentscheidung fiel?

Weigand: Drei Wochen.

 

Dann gab es durchaus kritische Stimmen, aus den Gremien, der Vollversammlung, auch aus dem Präsidium. Die Entscheidung im Präsidium soll knapp gewesen sein.

Weigand: Es ist eine mehrheitliche Entscheidung.

 

Mit drei Gegenstimmen von insgesamt acht Stimmen?

Weigand: Das sagen jetzt Sie. Die erste Entscheidung ist ohne Gegenstimme gefallen.

 

Die erste Entscheidung, das heißt…

Weigand: … dass man sich trennt.

 

Aber zur Personalie Hohenner gab es Gegenstimmen?

Weigand: Dazu möchte ich mich nicht äußern. Dass nicht jeder hinter jeder Entscheidung steht, das ist in der Demokratie durchaus wünschenswert. Ich habe die Notwendigkeit erkannt, dass man nicht noch einmal zwei Jahre warten kann, bis man eine Hauptgeschäftsführung von außen vielleicht findet oder nicht findet.

 

Rechnen Sie bei der nächsten Vollversammlung und der Bestellung von Frau Hohenner mit vielen Gegenstimmen?

Weigand: Man muss mit allem rechnen. Ich bin ein vorsichtiger Mensch. Zunächst einmal bin ich froh, dass es im Moment ruhig ist.

 

Als es gleich am Anfang sehr unruhig wurde, haben Sie da auch mal dran gedacht, wieder alles hinzuschmeißen?

Weigand: Nö.

 

Das ist nicht Ihre Art?

Weigand: Nö.

 

Herr Trunk, ihr Vorgänger, hat auf Facebook einiges zum Thema gepostet. Wie haben Sie das empfunden?

Weigand: Ich persönlich gar nicht, weil ich kein Facebook habe. Ich persönlich finde es nicht gut, alles über Facebook zu kommunizieren. Aber wer meint, dass er das tun muss, darf das natürlich gerne tun.

 

Warum haben Sie sich für Frau Hohenner entschieden?

Weigand: Frau Hohenner war schon in der letzten Bewerbungsrunde nahe dran, Hauptgeschäftsführerin zu werden. Frau Hohenner und Wolfram Brehm (Stellvertreter), das ist ein gut eingespieltes Team.

 

Was haben Sie nun mit der Kammer vor, wo möchten Sie hin?

Weigand: Wir wollen die Kammer sein, wo die Mitglieder sagen, klasse, dass wir da Mitglied sein dürfen. Die Mitglieder sollen merken, dass die Kammer ganz viele positive Dinge für sie tun kann. Wir wollen das nach außen tragen. Das Jahrzehnt Oberfrankens soll fortgeführt werden. Ein ganz zentrales Thema wird der Fachkräftemangel sein.

 

Hehre Ziele. Aber wie macht man das konkret?

Weigand: Ich muss den Mitgliedern nahebringen, was wir als Kammer eigentlich tun. Was wir auch für ein einzelnes Mitglied tun können, egal, ob es ein 3-Mann- oder ein 3000-Mann-Betrieb ist. Es gibt ja ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Das Unternehmen muss das auf den Tisch kriegen, was es braucht.

 

Ihre wichtigsten Themen?

Weigand: Fachkräftesicherung, Bildung, Aus- und Weiterbildung, Regionalisierung, Infrastruktur, dazu zählt auch Breitband. Datenleitungen werden wichtiger als Straßen, irgendwann.

 

Sie wirken ruhiger, zurückhaltender als Ex-Präsident Heribert Trunk. Eine Art Gegenpol?

Weigand: Nö, so bin ich halt.

 

Trunk ist mit der Politik sehr offensiv umgegangen. Wie soll ihre politische Landschaftspflege ausschauen?

Weigand: Ich finde schon, dass wir eine politische Landschaftspflege betreiben müssen. Aber vielleicht anders. Ich kann nicht in die Fußstapfen von einem Herrn Trunk treten. Jeder Mensch ist anders. Man kann schon mal laut werden. Man kann aber auch mit leisen Tönen viel erreichen.

 

Kommt nach der Präsidenten-Kammer Trunk nun eine Kammer der Hauptgeschäftsführung?

Weigand: Das wäre ein falsches Bild. Ich bin ein Verfechter davon, dass man gemeinsam etwas erreicht. Dass ich diejenige bin, die im Ehrenamt vorne dransteht, find ich schön und macht mich auch ein bisschen stolz. Es ist die IHK für Oberfranken Bayreuth, nicht die Präsidenten- oder HGF-Kammer. Wir. Ich würde mich freuen, wenn man zum Wir kommt.

 

Sie sind Chefin des Lebensmittelgroßhändlers Denscheilmann + Wellein in Bamberg. Wie viele Beschäftigte haben Sie?

Weigand: Knapp 300.

 

Ihr Hauptgeschäft ist Obst und Gemüse?

Weigand: Das ist immer noch unser grundeigenstes Geschäft, aber wir sind mittlerweile Vollsortimenter im Food-Bereich.

 

Ihre wichtigsten Kunden?

Weigand: Kleine Kunden, Gasthäuser, Hotels, Discounter, Einzelhändler, Krankenhäuser, Pflegeheime, Kindergärten, Schulen im Umkreis von 150 bis 200 Kilometern.

 

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Weigand (lacht): IHK.

 

Welche Werte sind Ihnen wichtig?

Weigand: Ehrlichkeit, Vertrauen, Zuverlässigkeit. Ich glaube, ich bin einer der zuverlässigsten Menschen, die es gibt. Wenn ich sage, das machen wir so, dann machen wir das so. Auf mein Wort kann man sich verlassen.

 

Taktieren ist Ihnen eher fremd?

Weigand: Taktieren ist mir vollkommen fremd, wobei ich festgestellt habe, dass man es manchmal tun muss.

 

Kunst, Kultur, vielleicht auch Wagner?

Weigand: Ja. Ich hab‘ früher selber gesungen. Wagner mag ich.

 

 

Sonja Weigand

Die Bamberger Unternehmerin ist seit gut 100 Tagen neue Präsidentin der IHK für Oberfranken in Bayreuth. Weigand studierte Betriebswirtschaft, leitet gemeinsam mit ihrem Sohn ihr Unternehmen mit knapp 300 Beschäftigten und will die Mitgliedsunternehmen stärker von der Arbeit der Kammer überzeugen. „Die ersten Tage waren etwas turbulent“, sagt sie im Interview. Jetzt soll Ruhe einkehren. Nächste Bewährungsprobe: Am 24. Juli soll die Vollversammlung Gabriele Hohenner zur neuen Hauptgeschäftsführerin berufen. töp

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Montag, 13. November 2017 - 11:06