Die bitteren Folgen für Wöhrl-Gläubiger

Wöhrl-Anleger verlieren 80 bis 90 Prozent ihrer Anlage. Was können sie noch tun?

Daniel Bauer: Sofern der Insolvenzplan wie geplant umgesetzt werden sollte, bleiben den Anlegern nicht mehr viele Möglichkeiten offen. Es bestünde zwar noch die Möglichkeit, die Verantwortlichen für die Misere anhand einer Zivilklage zur Rechenschaft zu ziehen, zum Beispiel im Wege einer Prospekthaftungsklage. Für eine solche würden die Anleger jedoch noch einmal finanzielle Risiken für die Anwalts- und Gerichtskosten eingehen müssen. Ferner betrachten wir die Chancen, dass ein Urteil zu Gunsten der Anleger erstritten werden kann, als eher gering.

Sie hatten in unserem letzten Interview mit über 50 Prozent Verlust des Nennwerts der Anleihe gerechnet. Überraschen Sie die noch viel höheren Verluste?

Bauer: Ja, bei Insolvenzverfahren lassen sich zwar generell keine genauen Quoten im Vorhinein berechnen. Die nun zur Diskussion stehende Insolvenzquote von zehn bis 20 Prozent liegt jedoch klar am unteren Rand unserer Schätzungen.

Woran liegt das?

Bauer: Dies dürfte einerseits daran liegen, dass die Textilbranche vom Hersteller bis zum Händler in einer fundamentalen Krise ist. Andererseits mussten wir feststellen, dass einige Vermögenswerte nicht in der Form vorhanden waren, wie von uns angenommen.

Welche?

Bauer:  Die Gesellschaft hatte zum Beispiel Einbauten in den gemieteten Kaufhäusern aktiviert, zum Beispiel Rolltreppen oder Aufzüge. Diese sind nach Aussagen der Eigenverwaltung jedoch wertlos, sofern die Gesellschaft zerschlagen würde und die Kaufhäuser an die Vermieter zurückgegeben würden. Dieser Umstand war für uns zum Beispiel von außen so nicht erkennbar.

Anwälte, Berater, Restrukturierungsvorstände kosten viel Geld. Da bleibt für (Anleihe-)Gläubiger wenig übrig?

Bauer: Generell sind die Kosten für ein Insolvenzverfahren sehr hoch. Das hat jedoch oft auch damit zu tun, dass in einer relativ kurzen Zeit sehr viele Leute an sehr vielen einzelnen Projekten arbeiten müssen. Die bei Wöhrl prognostizierten Kosten bewegen sich aktuell unserer Einschätzung nach noch im Rahmen dessen, was vertretbar erscheint.

Wöhrl bleibt in der Familie. Das Unternehmen entschuldet sich über die Gläubiger. Ist das in Ordnung?

Bauer: Das ist für die Gläubiger bitter, vor allem, da mit den Geldern aus der Anleihe u.a. auch die Bankenfinanzierungen abgelöst worden sind, und somit die Banken, die jahrelang gutes Geld mit Wöhrl verdient haben, nun mit einem blauen Auge davonkommen. Dennoch ist das der normale Gang, den ein Unternehmen nimmt, sobald ein Insolvenzverfahren eröffnet worden ist. Das nun die andere Seite der Wöhrl-Familie den Zuschlag erhalten hat, ist eher unbedeutend. Es erhält stets derjenige den Zuschlag, der das höchste Angebot abgibt. 

War die 30-Millionen-Anleihe von Anfang an stark ausfallgefährdet?

Bauer: Schaut man sich die Geschäftsentwicklung der letzten zehn Jahre an, konnte man schon erkennen, dass das Geschäftsmodell der Gesellschaft nicht mehr richtig funktionierte. Es wurden jedoch auch während der Laufzeit der Anleihe noch Fehler begangen, die auch zum Ausfall beigetragen haben. Daher muss man zwar feststellen, dass bereits zum Zeitpunkt der Emission ein hohes Ausfallrisiko bestand. Dies war aber aufgrund des hohen Zinssatzes von 6,5 Prozent erkennbar. 

Wie kann ein Privatanleger das erkennen?

Bauer: Man sollte sich nicht vom hohen Zins locken lassen, sondern die Bonität der Gesellschaft und die beabsichtigte Mittelverwendung prüfen. Dazu gehört zum Beispiel, sich die Entwicklung der operativen Geschäftszahlen wie des Ergebnisses vor Zinsen und  Steuern und den operativen Cashflow anzuschauen und auch relevante Verschuldungsgrade zu betrachten. Auch sollte ein Unternehmen Erlöse aus einer Anleiheemission nicht nur zu Refinanzierung  bereits bestehender Verbindlichkeiten, vor allem wenn diese geringer verzinst waren als die Anleihe, verwenden.

Ziemlich aufwendig, oder?

Bauer: Das ist alles sehr aufwendig und mit Arbeit verbunden. Man sollte sich aber bei Entscheidungen zur Geldanlage nie unter Druck setzen und stets genügend Zeit mitbringen und nur kaufen, was man auch versteht.

Mittelstandsanleihen fallen häufig aus. Sollten Privatanleger ganz darauf verzichten?

Bauer: Aktuell gehen wir davon aus, dass drei von vier Anleihen aus dem Segment der Mittelstandsanleihen nicht pünktlich oder gar nicht zurückgezahlt werden können. Daher sollte man nur dann in eine Anleihe investieren, wenn man das dahinterstehende Geschäftsmodell des Emittenten versteht und die relevanten Kennzahlen geprüft hat.

Banken und Sparkassen zahlen kaum noch Zinsen. Die Inflation steigt. Was soll der Sparer machen?

Bauer: Geld, das kurzfristig benötigt werden könnte, sollte man weiterhin auf dem Sparbuch belassen. Gelder, die einem längerfristig zur Verfügung steht kann man risikoreicher anlegen, zum Beispiel in Unternehmensanleihen hoher Qualität oder in Aktien. Für Anleger, die davon wenig Ahnung haben, bieten sich auch börsengehandelte Fonds (ETFs) an. Bei großen Vermögen kann auch mal ein Berater zu Hilfe gezogen werden, aber am besten ein sogenannter Honorarberater, der nicht von den Rückvergütungen von den verkauften Produkten leben muss, sondern einen festen Stundensatz für seine Beratung abrechnet. Dadurch kann gewährleistet werden, dass der Berater auch unabhängig von eigenen Provisionsinteressen tätig wird.

Die steigende Inflation wird auch die Zinsen wieder steigen lassen?

Bauer: Eine Prognose hierzu kommt natürlich dem berühmten Blick in die Glaskugel gleich. Ich rechne weiterhin nicht mit steigenden Zinsen, da die Staaten weltweit die Probleme nicht gelöst haben und steigende Zinsen große Löcher in die Haushalte der hoch verschuldeten Staaten reißen würden. Daher rechne ich eher mit einer moderat anziehenden Inflation und weiterhin niedrigen Zinsen, so dass der Realzins negativ sein dürfte.

Wann gibt's mal wieder zwei, drei Prozent?

Bauer: Die Frage kann man nicht seriös beantworten. In 2017 und 2018 rechne ich nicht mit Zinsen von zwei Prozent oder mehr.

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