Die Arbeitswut des Wieland Wagner

Am 2. Juli wird Oswald Georg Bauer nach Leipzig reisen, um dort einen Preis entgegenzunehmen. Es handelt sich dabei um den Richard-Wagner-Preis (wir berichteten), keine geringe Auszeichnung, allerdings auch für ein wirklich schwergewichtiges Werk, für das Bauer 25 Jahre gebraucht hat. Zwei Bücher, ein Thema, nämlich die Bayreuther Festspiele von 1876 bis 2000. Acht Kilo wiegt das Opus, das schon jetzt, nicht mal ein Jahr nach Erscheinen, als Standard-Werk gilt.

Jetzt, knapp sechs Wochen vor dem Start der Festspiele 2017 mit der Premiere der „Meistersinger“, legt Bauer letzte Hand an sein neues Werk, das er zusammen mit Till Haberfeld veröffentlichen wird. „Titelbild und dergleichen“, das sei jetzt noch zu erledigen. Ansonsten aber steht bereits alles. Und am 26. Juli, am Tag nach der Festspielpremiere, möchte Bauer, Dramaturg Wolfgang Wagners und lange Sprecher der Festspiele, sein neues Buch vorstellen. Es ist Wieland Wagner gewidmet, dessen 100 Geburtstag die Opernfreunde heuer feiern. „Es wird alle seine Inszenierungen dokumentieren“, sagt Bauer, „in Bayreuth, München, Stuttgart, Frankfurt, Wien und Berlin, von Verdis ,Othello‘ bis zu Glucks ,Orfeo‘. Er hatte einfach eine unglaubliche Bandbreite.“

Was Bauer auch belegen kann, ist Wielands Arbeitswut. Anfang der 60er Jahre schon teilten die Ärzte Wagners Enkel mit, dass er gefährlichen Raubbau betreibe. "Nach einem Jahr Pause stürzte er sich förmlich in einen Arbeitsrausch", sagt Bauer. 1966 starb der Bayreuther "Wunderknabe", wie er bewundernd genannt wurde, gerade mal 50 Jahre alt.

Woher hatte Wieland seine Lichtregie?

Wieland Wagner revolutionierte nach dem Zweiten Weltkrieg Bayreuth, mit Inszenierungen, die man als „entrümpelt“ erkennen wollte und konnte, als bahnbrechend neu und abstrakt. „Das Licht erschafft den Raum“; sagt Bauer zu Wielands Inszenierungsstil, über dessen Herkunft noch immer Diskussionen geführt werden. War es Adolphe Appia, der Theatervisionär, seiner Zeit ein halbes Jahrhundert voraus, der Wieland beeinflusste? Hatten ihn die Lichtdome von Hitlers Albert Speer inspiriert, wie manche Spötter sagen? Hatte er sich etwas vom Hamburger Regisseur Heinrich Koch abgeschaut, weswegen der "Spiegel" seinerzeit schon titelte: "Kult auf der Koch-Platte"? Oder hatte Wieland einfach keine andere Wahl – weil sechs Jahre nach dem Krieg die Mittel so karg waren, wie Rudolf Hartmann, Regisseur der aus Vorkriegsware üppig ausgestatteten „Meistersinger“, unterstellte?

„Er schöpfte aus verschiedenen Quellen“, sagt Bauer. „Vor allem begriff er, dass Wagners Vorstellung vom Theater nicht im Germanischen, sondern in der griechischen Antike wurzelte.“ Die berühmten Bühnenflächen hatten ihre Urahnen im griechischen Amphitheater, „Wielands Scheibe ist die Konzentration auf das Geschehen.“

Studium bei Kurt Overhoff

Wieland bereitete sich in München auf den Beruf des Malers vor, studierte ab 1940 bei Kurt Overhoff (der später eine Zeitlang das kurzlebige Bayreuther Symphonieorchester leiten sollte. Währenddessen besuchte er ausdauernd Proben und Aufführungen im Nationaltheater. Ihm war schon klar, dass er inszenieren wollte. Oswald Georg Bauer und Till Haberfeld dokumentieren Wielands Wachsen und Reifen an Texten zu jeder Inszenierung, aber auch an grundsätzlicheren Texten, in denen sich Wieland über seine Prinzipien äußert.

Über die Vermittlung des Theateragenten Neil Thornborrow, des Erben Friedelind Wagners, gelangten die Autoren an Entwürfe für eine „Tristan“-Inszenierung. Sie stammten von Wieland, waren gedacht für eine Tournee, die Friedelind vorgeschlagen hatte. Revolutionär, sagt Bauer, „da zeigt er schon früh und deutlich, welche Richtung er einschlagen wird“.

Heißer Draht zu Hitler

Haberfeld und Bauer können aber deutlich machen, mit welchen Bandagen Wieland und seine Frau Gertrud um die Macht am Grünen Hügel kämpften. Immer wieder reiste Wieland heimlich nach Berlin, zu Hitler, um sich als Festspielechef in Stellung zu bringen. „Doch auch der hat ihm gesagt, er sei noch zu jung“, sagt Bauer, „und so hat man vorerst über die Festspiele 1945 gesprochen, die sogenannten Friedensfestspiele.“

Dazu kam es bekanntlich nicht. Wieland saß gegen Kriegsende in Nußdorf und bereitete sich auf die Zeit nach dem „Dritten Reich“ vor. „Man darf sich das nicht so vorstellen, dass er da in seiner Studierstube saß, umgeben von Büchern“, sagt Bauer. Vielmehr waren Improvisation und Konzentration gefragt. „Es herrschten Not, Armut und Hunger. Man musste in dieser Zeit erstmal sein Leben gemanagt bekommen.“ Vor allem kappte und verschütetete Wieland die Verbindungen zum Regime, das ihm vieles ermöglicht hatte. "Als Kinder erlebten wir einen, der sich vom Dritten Reich distanzierte: öffentlich, ästhetisch und privat", sagte seine Tochter Nike Wagner (72) in einem Interview. "Er baute eine Mauer im gemeinsamen Garten gegen seine Mutter, die nicht aufhörte, ihre alten Nazis zum Tee zu empfangen. Heute weiß ich natürlich: Ja, er wurde begünstigt von Hitler."

Ein Buch mit Texten von Nike Wagner

Nike selbst wird ihren Vater im Jahr seines hundertsten Geburtstags würdigen – allerdings erst im November. Im Hatje & Cantz-Verlag soll, herausgegeben von Jens Neubert, ein Buch mit dem Titel „Wieland Wagner 1917 bis 1966  Opernarbeit. Fotos und Dokumente aus Archiven“ erscheinen. Es werde „sehr umfangreich“ ausfallen, sagte eine Sprecherin des Verlages.

Symposien und Konzert

Auch zu anderen Anlässen geht es um Bayreuther Festspielgeschichte seit den 30er Jahren Das Richard-Wagner-Museum und die Festspiele werden bei zwei Symposien in Haus Wahnfried zusammenarbeiten. Die Festspiele laden während der Premierenwoche zu einem Gedankenaustausch zum Thema „Wagner im Nationalsozialismus – Zur Frage des Sündenfalls in der Kunst“ und zur Frage „Oper ohne Wagner? Die Situation der Künste nach der Stunde null und in der Neuorientierung der 1950er Jahre“. Erwartet werden zu diesen Runden Experten wie die Musikwissenschaftlerin Silke Leopold, der Publizist Micha Brumlik sowie der Dramaturg und Opernintendant Klaus Zehelein.

Ende Juni Karten fürs Festkonzert

Thematisch angebunden sind vier Kammerkonzerte in Haus Wahnfried mit Werken unter anderem. von Arnold Schönberg, Olivier Messiaen, Hanns Eisler, Ernst Krenek, Gideon Klein, Hans Pfitzner und Gustav Mahler. Anfang August wird ein weiteres Symposium in Haus Wahnfried die Rolle Wieland Wagners klären. Im Neubau wird es eine Ausstellung zu Wieland geben. Es wird dort unter anderem eine Bühne zu sehen sein, dazu "bewegte Bilder, aus den wenigen Filmen, die es von Wieland gibt", sagt Oliver Zeidler. Insgesamt wolle man eine Idee von der Atmosphäre und Wielands Lichtregie zu vermitteln. Eröffnung wird am 24. Juli sein.

Am selben Abend geht's auch im Festspielhaus rund: einen Tag vor dem Beginn der Festspiele geht im Hohen Haus in Erinnerung an große Inszenierungen Wielands ein Festkonzert mit Werken Wagners, Verdis und Bergs über die  Bühne. Es dirigiert Hartmut Haenchen. Ein Teil des Publikums wird eingeladen, allerdings werden auch Karten frei zu kaufen sein. Start für den Onlineverkauf: voraussichtlich in der letzten Juni-Woche.

Festspielhaus, Festspielhügel 1-2, 95445 Bayreuth

 

 

 

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Aufgrund einer Vereinbarung Wieland Wagners mit der Stadt Bayreuth zu Beginn der 1950er Jahre soll das bestehende Symphonieorchester aufgelöst und ein professionelles Theaterensemble gar nicht erst gegründet worden sein.