Der Vater-Tochter-Kampf

Pia und Christian Hanf stehen sich gegenüber. Der 45-Jährige greift nach den Handgelenken der Zwölfjährigen. Das blonde Mädchen zerrt an den Armen, will sich losreißen. „Ihr könnt eure Hände nicht wegziehen. Wie beim Zaubern gibt es dafür einen Trick“, sagt Taekwon-Do Trainer Ralph Aman. Er deutet mit seinen Händen eine Drehbewegung an. Pia nickt, dreht ihre Handfläche nach oben und reißt die Arme nach hinten. Ihr Vater kommt ins Taumeln. Pia tritt gezielt in Richtung des Kopfes ihres Kontrahenten, die beiden Arme hat sie neben dem Oberkörper ausgestreckt. „Das hast du gut gemacht“, lobt Hanf seine Tochter. Pia bedankt sich mit einem Nicken, zupft ihren blauen Gürtel zurecht und schließt sich den anderen an, die Hampelmänner machen.

Alle kämpfen gemeinsam

Taekwondo ist ein koreanischer Kampfsport. Der Name setzt sich aus den drei Silben tae (Fußtechnik), kwon (Handtechnik) und do (Weg) zusammen. Doch nicht nur der Name, sondern auch die Kommandos sind koreanisch. „Paro“, ruft Aman etwa, wenn er möchte, dass sich seine Schüler zurück in die Ausgangsposition stellen. So wird die Sportart weltweit praktiziert. Doch im Taekwon-Do-Center von Ralph Aman gibt es eine Besonderheit: Bei ihm kämpfen alle nach den gleichen Regeln. Egal, ob sie erst zwölf Jahre alt sind, eine Behinderung oder Krankheit haben.  

Familien wachsen zusammen

Das ist der Sinn des Familientrainings, sagt Aman: „Wir trainieren gemeinsam und wachsen zusammen.“ Deshalb stehen Kinder ab sechs Jahren in einer Reihe mit ihren Eltern und Großeltern, immerhin sind ein Großteil der Vereinsmitglieder Familien. Bereits seit der Eröffnung der Kampfsportschule hat Aman ein Augenmerk darauf gelegt, die Familie zu integrieren. Doch seit fünf Jahren bietet der Vater zweier Söhne gezielt gemeinsame Trainingseinheiten an.

"Quantensprung"-Preis

Für das Familientraining ist Aman nun mit dem „Quantensprung 2020“-Preis des Bayerischen Landessportverbandes und Lotto Bayern ausgezeichnet worden. Mit vier anderen Projekten setze er sich gegen 150 Bewerber durch. Prämiert wurden innovative Ideen von Sportvereinen, um neue Mitglieder zu gewinnen und zu halten.

Viele Auffälligkeiten beim Bewegungsapparat

Doch für Aman stand weniger die Mitgliedergewinnung, sondern eher ein medizinischer Aspekt im Vordergrund: „Als Orthopäde sehe ich bei meinen Patienten viele Auffälligkeiten beim Bewegungsapparat.“ Viele Kinder hätten durch das lange Sitzen in der Schule zu schwach ausgebildete Muskeln. Dazu kommt, dass Sportkurse aus Sicht des Familienvaters für Eltern oft Stress bedeuten: „Das eine Kind will lieber tanzen, das andere zum Fußball, und Eltern sind nur damit beschäftigt, die Kinder hinzubringen.“ Deshalb soll in seinem Taekwon-Do Center die ganze Familie gemeinsam trainieren können. Parallel dazu bietet Aman jeden Freitag eine zusätzliche Stunde für Menschen mit Behinderung oder Krankheiten an.  

Gemeinsames Training motiviert

Sie machen Gymnastik, Kraftübungen, Stretching, lernen Disziplin und Durchhaltevermögen. Und nach einigen Monaten Training sehen sie erste Erfolge und können eine Prüfung ablegen. „Das motiviert natürlich ungemein“, sagt Aman.

Familie macht mit

Gemeinsam mit seinen Eltern zu trainieren, war für Nils Hanf gewöhnungsbedürftig. Vor fünf Jahren hat der 14-Jährige mit dem Taekwon-Do begonnen. Er hatte viele Sportarten ausprobiert, doch nichts hat ihm gefallen. Bis er sein erstes Training bei Ralph Aman hatte. Auch seine zwölfjährige Schwester begeisterte sich schnell für den Sport. Sie wechselte vom Tanzen zum Kampfsport, kurz darauf machten auch Vater Christian Hanf und Mutter Sibylle mit. „Man wird schnell angesteckt, wenn man zuschaut“, sagt der 45-jährige Familienvater. Was ihm besonders gefällt: Die Familie verbringt Zeit zusammen und macht gemeinsam Sport.

Respektvoller Umgang

„Unsere Kinder sind ausgeglichener, konzentriert und auch besser in der Schule“, sagt Hanf. Seine Frau ergänzt: „Es ist ein super Ausgleich zum vielen Sitzen in der Schule.“ Was der Familie ebenfalls gut gefällt, ist der Umgang der Kampfsportler untereinander. Denn beim Taekwon-Do lernen sie nicht nur die Bewegungsabläufe, sondern auch Respekt vor dem Gegenüber. Und auch, den Jüngeren zu helfen. „Egal, welche Gürtelfarbe wir haben, wir gehen auf Augenhöhe miteinander um“, sagt Christian Hanf.

Jeder bekommt Hilfe

Deshalb ist es für sie selbstverständlich, die Neulinge mit weißem Gürtel anzufeuern, als sie ihre Übungen vorführen. Hampelmänner, schnelle Schritte, einige gezielte Tritte, lautes Schreien. Trainer Aman geht durch die Reihen und justiert - wo nötig. Einer der Weißgürtel muss seinen Arm gerader halten, ein anderer steht noch nicht perfekt. „Du musst böse schauen“, sagt Aman zu einem Sechsjährigen. Immerhin sei Taekwon-Do eine Kampfsportart. Doch der Sechsjährige muss lachen, auch Aman schmunzelt. 

 

 

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