Der Sonnentempel lockt Besucher

Man entdeckt ein bekanntes Gesicht, das Problem ist nur, dass es einem gleich im nächsten Augenblick schon wieder unvertraut ist. Es befremdet. Die Rede ist von Alexej von Jawlensky. Der russische Expressionist ist natürlich nicht persönlich in Bayreuth vertreten, aber immerhin sein Bildnis des Tänzers Alexander Sacharoff. Allerdings nicht als Gemälde, sondern als Plastik. Und so erkennt man es wieder und gleichzeitig nicht.

Sigrid Frey hat das androgyne Sacharoff-Bildnis für ihre Büste „Hommage á Jawlensky“ vollends weichgezeichnet und dem Tänzer die Anmutung einer Frau verliehen. Die Plastik begrüßt einen in der Orangerie der Eremitage und gibt auch schon den Ton vor. Die 67. Bayreuther Kunstausstellung: Man sieht gutes, teils sehr Handwerk, auch Hintersinniges, und – leicht in der Mehrheit – klar Gegenständliches. Und es sind wieder mehr Fotos zu sehen. Zum Beispiel Michael H. Rohdes „sigmund freud haus“. Man muss nach den Seherfahrungen in Bayreuth aber sagen, dass Rohdes Fotokompositionen im ganz großen Format viel, viel mehr Eindruck machen.

Feinsäuberliche Kleinkunst

Man sieht fast schon altmeisterlich ausgeführte Kleinstkunst (Hanna Woodrings „Brass Section“), genaue Selbstbeobachtung in Ulrich Köditz’ „ADAM. gib. acht“, ein Selbstbildnis, mit dem sich Köditz als Wissender um den Verfall und das Ende alles Menschlichen abbildet, in der Tradition von Selbstchronisten wie Lovis Corinth, der in einem seiner alljährlichen Selbstbildnisse auch mal ein Skelett neben sich platzierte – ein noch subtilerer Hinweis auf den alten Adam, der in jedem Sünder steckt. Man erkennt Köditz Handschrift aus früheren Ausstellungen, die Jury ließ sich vom Blick des Malers fesseln und erkannte ihm den ersten Preis der Rainer-Markgraf-Stiftung zu.

Man sieht Badenixen, vielmehr: Man meint sie zu sehen, tatsächlich sind das irritierende Reflexionen, Bilder von Models, vielleicht auf Plastiktüten im Meer, beschädigte Menschen, die auf den zweiten Blick jede Schönheit verloren haben. „Badende im Plastikmeer“ nennt Wolfgang Böhm das Bild, das folgende Botschaft verkünden könnte: In der Zerstörung der Natur offenbart der Mensch wahre Hässlichkeit. Trauer über die Zeitläufte findet sich neben viel Heiterem und Verspieltem in Hassan Hadads „Kein Entkommen“: Gestalten mit Kapuzen, die an Fotos aus Abu Ghraib erinnern, dahinter ein Vermummter mit Kamera.

Die Stadt als Platine

Ae Hee Lees „39. Mar.4.5...2016“ lässt an eine Platine mit aufgelöteten Kontakten denken. Schließlich formieren sich die messingfarbenen Punkte zum Bildnis einer Stadt, mit Gebäuden, Gewässern, Menschen, Chiffre fürs Leben. Es darf wieder mehr hingeschaut werden, auch bei den Beiläufigkeiten des urbanen Lebens. Nikolai Lagoida bildet ein Paar beim Einkaufsbummel ab, seltsam freudlos, distanziert, kühle Atmosphäre, die er mit dem Titel „Ein warmer Tag“ kontrastiert.

Eine eigene „richtige“ Ausstellungshalle hat der Kunstverein Bayreuth nicht, er wird sie voraussichtlich so schnell auch nicht erhalten. Mit der Orangerie als dauernder Ersatzspielstätte scheint Vereinschef Hans-Hubertus Esser aber gut leben zu können. Die Ausstellung werde gut besucht, sagt er, und tatsächlich: Während des kurzen Rundgangs durch die Ausstellung betreten zehn, zwölf weitere Besucher den Ausstellungsflügel. Der Sonnentempel und die markgräflichen Gartenanlagen ziehen Besucher in Scharen an, ein Standortvorteil, von dem das Kunstmuseum im Schatten des Wirtshaus Oskar nur träumen kann. „Es kommen auch Leute, die normalerweise nicht in Museen gehen“, sagt Esser. Gut 150 Besucher habe man an manchen Tagen.

Ist das Kunst, oder...

Es werden viele Touristen darunter sein. Was ja gut ist und überhaupt zum unbefangeren Blick auf die Kunst an sich einlädt. Beim Blick auf Gustl Freymüllers „Raumkonstruktion 4“ merkt ein älterer Besucher nach dem Blick auf den Preis an, er könnte das günstiger und genau so gut machen. Er stellt sich als ehemaliger Maschinenbauer heraus. Anders läuft’s bei Ralf Vizethums ziemlich ausgefinkeltem „Fliegendem Stier“: „Mhh“, brummt der Mann anerkennend, „viel schwieriger zu machen.“ Manchmal liegt die Schönheit nicht nur in den Augen, sondern auch im Handwerk des Betrachters.

INFO: Noch bis 27. August

3 (2 Stimmen)

Anzeige

Montag, 13. November 2017 - 11:06